Können chinesische Tech-Unternehmen von stärkeren Regulierungen profitieren?

Chinesische Technologieplattformen sind zu schnell gewachsen. Nun zieht das regulatorische Umfeld nach. Was das für einzelne Unternehmen bedeutet und welche Chancen sich Investoren bieten, kommentiert Martin Lau, Managing Partner und Lead Fund Manager des FSSA China Growth Strategy bei FSSA Investment Managers: First Sentier Group | 27.07.2021 17:55 Uhr
© Photo by Edward He on Unsplash
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Archiv-Beitrag: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

„Im vergangenen Jahr wurde Alibaba durch den Stopp des Börsengangs der Ant Group, den zunehmenden Druck der Kartellbehörden und eine milliardenschwere Geldstrafe belastet. Die Regulierungsbehörde hat auch weitere Internetunternehmen wegen wettbewerbswidrigen Verhaltens verwarnt. Während die Kapitalanforderung für die Ant Group ein bedachter Schritt ist, der voraussichtlich auch umgesetzt wird, sind wir über die Auswirkungen der neuen Kartellrichtlinien weniger besorgt. JD.com und Pinduoduo agieren bereits als Gegengewicht zu Alibaba. Dies zeigt ihr wachsender Marktanteil.

Es überrascht nicht, dass die chinesische Regierung stärker gegen mächtige Technologieplattformen vorgeht. Das ist allerdings auch eine globale Entwicklung: Tech-Giganten wie Facebook, Amazon, Apple, Microsoft und Google sehen sich einer zunehmenden regulatorischen Prüfung ausgesetzt. Diese konzentriert sich vor allem auf Themen wie Plattformdominanz, wettbewerbswidriges Verhalten, Datenschutz und die Verbreitung von Fehlinformationen. 

Wir sind der Meinung, dass eine Verschärfung der Regulierung langfristig sowohl für die Branche als auch für die Verbraucher gut sein wird. Es ist klar, dass uneingeschränkte Macht in den Händen einiger weniger Tech-Mogule nicht gut für die Gesellschaft sein kann. Die Hauptziele der Kartellrichtlinien, die von der State Administration of Market Regulation (SAMR) herausgegeben wurden, sind die Förderung eines fairen Wettbewerbs und eines gesunden, innovativen Marktes.

Würde Alibaba gezügelt, könnten andere Unternehmen profitieren – das wäre wünschenswert. Die Regulierungen haben bestehende Internetunternehmen darüber hinaus dazu gebracht, stärker in neue Geschäfte und neue Technologien zu investieren. Dies treibt die Innovation in der Branche voran.

Neue Technologien haben viele Vorteile gebracht, aber ihre zunehmende Dominanz hat auch bestehende Geschäftsmodelle zerstört und zu einer Reihe von sozialen Problemen geführt. Nun ist es an der Zeit, dass die Internetgiganten mehr Verantwortung für das soziale Wohlergehen ihrer Mitarbeiter übernehmen. Auch wenn dies kurzfristig die Betriebskosten in die Höhe treiben und Druck auf die Margen ausüben kann, erwarten wir, dass die Unternehmen langfristig nachhaltiger wachsen, während das politische Risiko reduziert wird.

Welche Unternehmen zukünftig gut aufgestellt sind

Aus einer Investmentperspektive ist die größte Sorge bei Alibaba, ob das Unternehmen und der Staat noch auf derselben Seite stehen. Aus unerklärlichen Gründen hat die chinesische Regierung entschieden, dass Alibaba zu mächtig geworden ist. Mit der Trendwende wird es für Alibaba wahrscheinlich schwieriger werden, die Marktposition zu halten. Das sollte in China wie in jedem anderen Markt der Welt Anlass zur Sorge geben. Auch wenn Alibaba Anteile an JD.com verliert, bleibt das Unternehmen stark und seine Finanzen sind solide. Der Wendepunkt, wenn überhaupt, dürfte nicht über Nacht eintreten.

Tencent ist unserer Ansicht nach gut aufgestellt – unter anderem weil das Unternehmen gezeigt hat, dass es innovativ ist und Regulierungen proaktiv umsetzt. Seine Programme auf Wechat demonstrieren, dass Unternehmen – einschließlich anderer Tech-Plattformen wie JD.com und Pinduoduo – privaten Traffic aufbauen und Beziehungen zu Key Opinion Leaders pflegen können, ohne für Klicks bezahlen zu müssen. Die kartellrechtlichen Richtlinien dürften hier kaum ein Thema sein.

2019 wurde die Gaming-Industrie mit stärkeren Regulierungen konfrontiert, um jugendliche Spieler zu schützen, die Spielsucht einzudämmen und In-Game-Ausgaben zu verwalten. Tencent war davon nicht betroffen, da es sein Healthy-Gameplay-System bereits ein Jahr zuvor implementiert hatte. Dieses umfasst Spielzeitbeschränkungen, von den Eltern festgelegte Grenzen für In-Game-Käufe, ein Mindestalter und die Überprüfung der Identität. Zentral ist die Entwicklung der Spielgenehmigungen, da sie – vor allem wenn sie ausgesetzt werden, wie es 2018 der Fall war – das Ergebnis von Tencent maßgeblich beeinflussen.

Die Aufsichtsbehörde hatte JD.com wegen Unregelmäßigkeiten bei der Preisgestaltung rund um den Singles-Day-Verkauf gerügt. Weitere Restriktionen sind unserer Meinung nach unwahrscheinlich. Mit Blick auf die Zukunft wird die neue Gruppe in diesem Jahr kräftig investieren, um neue Geschäftsmöglichkeiten wie den JD Supermarket (E-Großhandel), JD Digits (Cloud- und Künstliche-Intelligenz-(KI)-Geschäft) und Jingxi Gruppeneinkauf auszubauen.

Die chinesische E-Commerce-Branche hat sich gut etabliert, ein weiteres Re-Rating wird immer schwieriger zu erreichen sein. Nichtsdestotrotz wächst die Branche stetig weiter. Alibaba, Tencent und JD.com werden von ihrer starken Marktposition und soliden Finanzwerten unterstützt.“

Martin Lau, Managing Partner und Lead Fund Manager des FSSA China Growth Strategy bei FSSA Investment Managers

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