Kritische Rohstoffe: Die unterschätzten Risiken in globalen Lieferketten

Eine aktuelle Studie der First Sentier Group zeigt erhebliche Risiken bei Konfliktmineralien und kritischen Rohstoffen. Trotz strengerer Regulierung bleiben Lieferketten oft intransparent. Für Unternehmen und Investoren steigen damit rechtliche, menschenrechtliche und finanzielle Risiken – und der Druck auf wirksame Due Diligence. First Sentier Group | 26.08.2026 11:15 Uhr
Sudip Hazra, Leiter des First Sentier MUFG Sustainable Investment Institute / © e-fundresearch.com / First Sentier Group
Sudip Hazra, Leiter des First Sentier MUFG Sustainable Investment Institute / © e-fundresearch.com / First Sentier Group

Mineralische Rohstoffe haben angesichts KI-Boom, Energiewende und geopolitischer Spannungen eine zentrale Bedeutung für internationale Lieferketten. Der Abbau der sogenannten Konfliktmineralien Tantal, Zinn, Wolfram und Gold (engl. tantal, tin, tungsten and gold – „3TG“) sowie weiterer kritischer Mineralien wie Kobalt und Kupfer erfolgt häufig in handwerklichem und Kleinbergbau ohne die Ausrüstung und den rechtlichen Schutz formalisierter Bergbauformen. Weltweit arbeiten 225 Millionen Menschen im Kleinbergbau, vorrangig in der Demokratischen Republik Kongo, Ruanda, Tansania sowie in Indonesien und China. Eine aktuelle Studie von First Sentier Group zeigt, dass Unternehmen und Investoren trotz einschlägiger internationaler Regelwerke erheblichen Risiken im Umgang mit Konfliktmineralien ausgesetzt sind und wie sie ihre Standards verbessern können. Zu den komplexen Abwägungen gehören dabei aus Nachhaltigkeitsperspektive Entwaldung, Verlust an Biodiversität, Wasser- und Bodenverschmutzung, Verstöße gegen Menschen- und Arbeitsrechte, Konflikte und Korruption sowie Eingriffe in Rechte indigener Gruppen.

Mit Inkrafttreten der EU-Konfliktmineralien-Verordnung am 1. Januar 2021 gelten für EU-Importeure von Tantal, Zinn, Wolfram und Gold verschärfte Due-Diligence-Pflichten. Ziel dieses Regelwerks und anderer internationaler Bestimmungen ist es, die Verbindung zwischen dem Handel mit 3TG und der Finanzierung von bewaffneten Konflikten zu durchbrechen, der Ausbeutung und dem Missbrauch lokaler Gemeinschaften ein Ende zu setzen und die lokale Entwicklung zu unterstützen. Der wachsende Bedarf an 3TG-Mineralien für den Einsatz in Halbleitern, Elektrofahrzeugen, erneuerbaren Energien, Medizin-, Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungstechnik sorgt dafür, dass sich Unternehmen wie auch Investoren intensiver mit der Thematik auseinandersetzen müssen.

„Die internationalen Bemühungen, Aktivitäten im Kleinbergbau zu formalisieren, Konfliktfinanzierung zu unterbinden und verantwortungsvolle Beschaffungspraktiken entlang der Wertschöpfungsketten zu verankern, haben vor Ort nur begrenzte Wirkung entfaltet“, konstatiert Sudip Hazra, Leiter des First Sentier MUFG Sustainable Investment Institute.

Vielfältige Risiken – eingeschränkte Rückverfolgbarkeit in den Lieferketten

Die begrenzte Wirksamkeit globaler Initiativen bedeutet, dass Unternehmen und Investoren weiterhin Risiken im Zusammenhang mit der Rohstoffbeschaffung – einschließlich Konfliktmineralien – ausgesetzt sind.

„Für Unternehmen und Investoren, insbesondere bei wesentlichen Engagements in rohstoffintensiven Sektoren, Beschaffung aus konfliktbetroffenen und Hochrisikogebieten oder komplexen globalen Lieferketten, können Konfliktmineralien und weiter gefasste Fragen der Rohstoffbeschaffung erhebliche rechtliche, regulatorische, operative, reputationsbezogene und finanzielle Risiken darstellen. Angesichts zunehmender globaler Spannungen und einer wachsenden Zahl von Konflikten gewinnen diese Themen zusätzlich an Gewicht“, so die Studie.

Trotz verstärkter regulatorischer Anforderungen bleibt die Rückverfolgbarkeit mineralischer Rohstoffe eine zentrale Herausforderung. Besonders kritisch ist die mangelnde Transparenz auf der Stufe der Schmelzhütten und Raffinerien – insbesondere in Ländern mit schwachen Offenlegungspflichten. Die Studie zeigt, dass viele Raffinerien keine Auskunft über die Herkunft der verarbeiteten Mineralien geben, was die Due-Diligence-Bemühungen downstream agierender Unternehmen erheblich erschwert.

Mangelndes Verständnis für erhöhte menschenrechtliche Sorgfaltspflichten

Unternehmen entlang der Lieferkette von Mineralien stoßen weiterhin auf erhebliche Schwierigkeiten, diese Risiken im Einklang mit regulatorischen Pflichten und den Erwartungen ihrer Anspruchsgruppen zu begrenzen. Die Studie stellt fest, dass das Konzept der erhöhten menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht in Konfliktgebieten (hHRDD) von vielen Marktteilnehmern nicht verstanden wird. Viele Unternehmen verwechseln es mit der allgemeinen menschenrechtlichen Due Diligence – mit der Folge, dass konfliktspezifische Risiken nicht angemessen adressiert werden. Vor dem Hintergrund zunehmender komplexer und globalisierter Konflikte und wachsender geopolitischer Spannungen erwächst hieraus ein veritables Risiko.

Unternehmen achten mehr auf Compliance und weniger auf Wirkung

Ein Großteil der Unternehmen beschränkt sich auf die Erfüllung gesetzlicher Mindestanforderungen. Die tatsächliche Vermeidung oder Minderung negativer menschenrechtlicher Auswirkungen in den Herkunftsländern bleibt demgegenüber häufig nachrangig.

Die Studie konstatiert eine erhebliche Kluft zwischen der Identifikation von Risiken und der Umsetzung wirksamer Maßnahmen: „Internationale Bemühungen um verantwortungsvolle Beschaffung zielten bislang vor allem darauf, Bedenken der Abnehmerseite weiter unten in der Lieferkette zu adressieren – insbesondere das Risiko, mit Konflikten oder Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht zu werden. Die Verbesserung der Abbaupraktiken upstream stand dagegen weniger im Vordergrund.“

Vorreiter zeigen, dass es anders geht

Einige Unternehmen haben jedoch Ansätze etabliert, die über reine Compliance hinausgehen. Diese Vorreiter integrieren konfliktspezifische Risiken in ihre Governance-Strukturen und verfolgen einen ressortübergreifenden Ansatz. Einen besonderen Stellenwert bei der Risikominimierung nehmen unabhängige Dritt- und Vor-Ort-Prüfung der Lieferkette ein. Das Institut hat sich diese Best Practice-Ansätze angesehen und zeigt, wie Unternehmen die in der Studie beleuchteten Probleme vermeiden können.

„Für Investoren und Vermögensverwalter gewinnen Konfliktmineralien zunehmend an Bedeutung. Zu den Verpflichtungen aus den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sowie den OECD-Leitsätzen, kommt die Notwendigkeit hinzu, Konfliktrisiken in ihren Portfolios zu identifizieren und zu adressieren. Mit unserer Studie liefern wir einen konkreten Rahmen, wie Akteure intern Kompetenzen aufbauen und über Portfolio-Due-Diligence, Engagement mit Portfoliounternehmen sowie die Beteiligung an Multi-Stakeholder-Initiativen ihre Risiken proaktiv managen können,“ erläutert Sudip Hazra.

Den vollständigen Report zum Download finden Sie hier.

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