Besonnene Wachsamkeit der EZB

Der Iran-Konflikt und steigende Energiepreise setzen die EZB unter Druck: Trotz voraussichtlich unveränderter Leitzinsen im März rückt das Risiko neuer Inflationsschübe in den Fokus. Was das für Zinsen, Anleihen, Euro und andere Anlageklassen bedeutet. Allianz Global Investors | 18.03.2026 07:36 Uhr
Michael Krautzberger, CIO Public Markets bei AllianzGI / © e-fundresearch.com / Allianz Global Investors
Michael Krautzberger, CIO Public Markets bei AllianzGI / © e-fundresearch.com / Allianz Global Investors

  • Wir gehen davon aus, dass die EZB die Leitzinsen im März unverändert lassen wird. Angesichts des starken Anstiegs der Energiepreise infolge des Iran-Konflikts dürfte sie aber einen besonnenen Ton anschlagen.
  • Die Märkte messen einer Zinserhöhung bis Ende 2026 aktuell eine Wahrscheinlichkeit von rund 80 Prozent bei. Wir erwarten, dass die EZB diese Einschätzung tendenziell bestätigen wird und diese nicht zu beeinflussen sucht.
  • Wenngleich keine unmittelbare geldpolitische Handlung zu erwarten ist, dürfte die Bank die Botschaft einer erhöhten Handlungsbereitschaft vermitteln wollen, sollten die Inflationserwartungen in Bewegung geraten.

Energieschock treibt Inflation wieder über das Ziel hinaus 

Der durch den Nahostkonflikt ausgelöste Anstieg der Öl- und Gaspreise – um 30 Prozent oder mehr seit Beginn der militärischen Handlungen – führt zu einer klassischen Herausforderung durch einen Angebotsschock: höhere Preise und schwächeres Wachstum. Im Februar lag die Gesamtinflation im Euroraum noch bei 1,9 Prozent, nun aber sind neue Überschreitungen der 2-Prozent-Marke unvermeidlich. Unsere Modellrechnungen deuten darauf hin, dass die Inflation im März auf 2,4 Prozent steigen, bis Mai etwa 3 Prozent erreichen und bis weit ins Jahr 2027 hinein über dem Zielwert bleiben wird.

Die neuen Prognosen der Europäischen Zentralbank (EZB) werden somit bereits bei Erscheinen veraltet sein. Denn die Daten, auf denen sie basieren, wurden vor dem Konflikt erhoben. Das Wirtschaftswachstum dürfte in den Prognosen robust bleiben, aber sie werden den neuen Inflationsimpuls nicht erfassen. Wir gehen daher davon aus, dass die EZB zusätzliche Szenarien veröffentlichen wird, die die Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wachstum veranschaulichen – ein Schritt, den der niederländische Zentralbankgouverneur Olaf Sleijpen bereits angedeutet hat.

EZB könnte sich auf das Drehbuch von 2022 stützen

Nachdem die EZB die Inflation im vergangenen Jahr wieder auf das Zielniveau geschleust hat, ist sie gut positioniert, sich Zeit zu nehmen, um die Auswirkungen des Iran-Krieges zu bewerten oder sogar zu ignorieren. Allerdings könnten die Erfolge der Vergangenheit den EZB-Rat auch dazu veranlassen, sich auf das ‚hawkische’ Drehbuch von 2022 zu stützen und die Zinsen frühzeitig anzuheben, um etwaige Überschreitungen des Inflationsziels zu verkürzen und die Inflationserwartungen zu verankern. Mehrere als geldpolitische Falken angesehene Mitglieder des EZB-Rats (Schnabel, Nagel, Müller und der scheidende Vizepräsident de Guindos) haben bereits ausdrücklich vor den Risiken steigender Inflationserwartungen gewarnt und damit eine Botschaft der „Wachsamkeit” ausgesendet.

Was bedeutet das für Anleger?

  • Zinsen: Eine Zinssenkung durch die EZB im Jahr 2026 ist unwahrscheinlich; derzeit besteht eher das Risiko einer Zinserhöhung, möglicherweise sogar frühzeitig. Die Renditen am kurzen Ende dürften stabil bleiben, mit Aufwärtsrisiken, wenn die Energiepreise hoch bleiben.
  • Anleihen: Eine stark auf Wachsamkeit bedachte EZB könnte die langfristigen Renditen stützen, insbesondere wenn die Märkte beginnen, eine längere Phase restriktiver Geldpolitik einzupreisen. Die Spreads für Staatsanleihen dürften vorerst begrenzt bleiben, aber die Volatilität könnte zunehmen, wenn der Energieschock anhält. Wir bevorzugen eine Long-Position in langlaufenden spanischen Anleihen gegenüber entsprechenden US-Papieren.
  • Devisen: Eine im Vergleich zu anderen Zentralbanken eher restriktive EZB dürfte den Euro moderat stützen, insbesondere wenn sich die Erwartungen hinsichtlich der Zinsdifferenz zwischen den USA und Europa auseinanderentwickeln.
  • Risikobehaftet Anlagen: Die Kombination aus langsamerem Wachstum und hartnäckiger Inflation ist nicht ideal, und eine restriktive EZB könnte die Lage noch verschlimmern. Solange die EZB weiterhin schrittweise und datenabhängig vorgeht, sollten die allgemeinen finanziellen Rahmenbedingungen allerdings geordnet bleiben.

Fazit: Für die EZB ist von einer ruhigen Wachsamkeit auszugehen. Die Zentralbank dürfte signalisieren, dass sie die Inflationsdaten genau beobachtet und bereit ist, bei Bedarf schnell und entschlossen zu handeln.

Von Michael Krautzberger, CIO Public Markets bei AllianzGI

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