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Demografischer Wandel lässt Leistungsbilanz-Überschuss schmelzen

In der derzeitigen Wirtschaftskrise wird Deutschland häufig der Vorwurf gemacht, einen zu hohen Leistungsbilanzüberschuss auf Kosten anderer EU-Staaten zu erwirtschaften. Research | 21.09.2012 09:34 Uhr

 

Gefordert wird daher, die Deutschen sollten mehr konsumieren und weniger exportieren, damit das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen den EU-Staaten abnehme und nicht weiter wachse. Indessen ist der deutsche Leistungsbilanzüberschuss nur eine Momentaufnahme. Langfristig wird er mehr und mehr abschmelzen und etwa bis zum Jahr 2030 ganz verschwunden sein. Danach ist sogar ein Minus in der Leistungsbilanz zu erwarten, das sich in seiner Höhe dauerhaft bei etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr einpendeln könnte. Die Ursache dieser Entwicklung ist der demografische Wandel, die Schrumpfung und Alterung der deutschen Bevölkerung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung  (ZEW) Mannheim in Zusammenarbeit mit der Universität Ulm, die im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen durchgeführt wurde. Eine Zusammenfassung der Studie erscheint im September-Monatsbericht des Bundesministeriums der Finanzen.

Untersucht werden in der Studie die Auswirkungen des demografischen Wandels auf Ersparnisbildung und Investitionen in Deutschland und die damit verbundenen gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen. Dabei gehen die ZEW Wissenschaftler von einem bereits heute absehbaren deutlichen  Rückgang der Bevölkerungszahl sowie von einer drastischen Veränderung der Altersstruktur bis zum Jahr 2060 aus. Der Anteil der Älteren an der Bevölkerung wird erheblich zunehmen und im Durchschnitt werden die Rentner in Deutschland, so legen es die Beobachtungen zum Sparverhalten über den Lebenszyklus nahe, einen Teil ihres in der Erwerbsphase angesammelten Vermögens im Alter aufbrauchen. Deshalb muss in  Deutschland in den kommenden Jahrzehnten mit einem deutlichen Rückgang der aggregierten Sparquote aufgrund der absehbaren Alterung der Gesellschaft gerechnet werden. Da die Anzahl der Erwerbspersonen zurückgehen wird, werden auch Anpassungen des Kapitalbestands erforderlich. Der demografische Wandel wird daher weitreichende ökonomische Folgen mit sich bringen, die sich allerdings dem Erfahrungs- und Datenbereich für Deutschland entziehen. Aus diesem Grund werden in der ZEW Studie die Auswirkungen auf Ersparnis, Investitionen, Leistungsbilanz und weitere gesamtwirtschaftliche Kennziffern mittels eines speziell auf die deutsche Situation angepassten Rechen- und Simulationsmodells ermittelt.

Die Veränderungen bei Ersparnisbildung und Investitionen werden erhebliche Auswirkungen auf die deutsche Leistungsbilanz haben. Heute noch wegen seiner hohen Leistungsbilanzüberschüsse kritisiert, wird Deutschland bis 2030 keine solchen Überschüsse mehr erwirtschaften. Ab  2033 werden sogar die inländischen Investitionen jährlich höher  ausfallen als die inländischen Ersparnisse. Kapital aus dem Ausland muss dann zur Finanzierung dieser Investitionen herangezogen werden.

Die deutsche Leistungsbilanz rutscht ins Minus.Diese qualitative Entwicklung des Gesamttrends erweist sich selbst dann als stabil, wenn man unterschiedliche Szenarien betrachtet, in denen bestimmte Parameter verändert werden. Nur quantitativ kommt es zu leichten Veränderungen, wenn beispielsweise die Annahmen zur Entwicklung der Geburtenrate oder der Zuwanderung nach oben modifiziert werden. Ein quantitativ stärkerer Effekt ist zu beobachten, wenn die Annahmen zur Lebenserwartung verändert werden und die deutlichsten Reaktionen ergeben sich, wenn an makroökonomischen Stellschrauben wie den Zinssätzen oder den Abschreibungsraten gedreht wird. Am Gesamttrend hin zu einer negativen Leistungsbilanz für Deutschland ändern allerding auch unterschiedliche Zinssätze oder Abschreibungsraten nichts.

 


Die Studie zum Download finden Sie auf der Webseite des ZEW unter:
http://ftp.zew.de/pub/zew-docs/gutachten/Endbericht_SparenundInvestieren2012.pdf

 



Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim

Das ZEW arbeitet auf dem Gebiet der anwendungsbezogenen empirischen Wirtschaftsforschung. Dabei hat es sich insbesondere durch die Bearbeitung international vergleichender Fragestellungen im europäischen Kontext sowie den Aufbau wissenschaftlich bedeutender Datenbanken (z. B. Mannheimer Innovationspanel, ZEW Gründungspanel) national und international profiliert. Die zentralen Aufgaben des ZEW sind die wirtschaftswissenschaftliche Forschung, die wirtschaftspolitische Beratung und der Wissenstransfer. Das ZEW wurde 1991 gegründet. Derzeit arbeiten am ZEW 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, von denen rund zwei Drittel wissenschaftlich tätig sind.

Forschungsfelder des ZEW:

Internationale Finanzmärkte und Finanzmanagement; Arbeitsmärkte, Personalmanagement und Soziale Sicherung; Industrieökonomik und Internationale Unternehmensführung; Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft; Umwelt- und Ressourcenökonomik, Umweltmanagement; Informations- und Kommunikationstechnologien; Wachstums- und Konjunkturanalysen; Wettbewerb und Regulierung.

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