Länderratings aus Nachhaltigkeitssicht: Der Aufstieg des Autoritarismus und der Finanzsektor

Skandinavien bleibt vorne, Saudi-Arabien ganz hinten, dazwischen spiegelt sich ein Prozess der Entdemokratisierung wider Research | 02.02.2026 10:48 Uhr

Glaubt man Umfragen, politischen Analysen und den Echokammern nachhaltigkeitsaffiner Menschen, dann erleben wir einen Zeitenumbruch - oft subsummiert unter der Headline "das Ende der liberalen Demokratie". Der Abbau demokratischer Rechte, der Verlust von Unabhängigkeit wichtiger Institutionen (z.B. Medien, Justiz, Militär) sowie Drohungen und Gewalt gegen Oppositionelle und Minderheiten sind wesentliche Charakteristika. Diese Entwicklungen führen dazu, dass Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit in den Hintergrund geraten, wie unter anderem die mediale Ausblendung der Auswirkungen des Klimawandels im südlichen Afrika zeigen.

Wie schlagen sich nun diese gegenwärtigen Entwicklungen in den Nachhaltigkeitsratings der rfu research nieder?

Update Nachhaltigkeits-Länderrating 2026

Beginnen wir mit den nüchternen, technischen Details: 26 neue Indikatoren wurden in das Modell integriert, bestehende wurden aktualisiert. Neben der verbesserten Integration von Inklusion mit Schwerpunkt Disability wurden auch umfassendere Perspektiven dazu eingebaut, u.a. wie partizipativ und egalitär die jeweiligen Demokratien sind. Insgesamt fließen nun 215 Parameter in die Beurteilung von 163 Staaten, die mehr als 99 Prozent der globalen Bevölkerung und des globalen BIPs abdecken. Beim vergangenen Update und auf unsere Homepage erfahren Sie mehr über unsere zugrunde liegenden Annahmen und theoretischen Konzepte, aber auch über Limitierungen von Nachhaltigkeitsbewertung im Allgemeinen.

Wenig Veränderung bei den Frontrunnern und am Ende des Ratings

Eine Betrachtung der am besten und schlechtesten bewerteten Länder zeigt wenig Veränderung im Vergleich zu den Vorjahren. Grund dafür ist, dass ein Großteil der betrachteten Parameter längeren Zeithorizonten als dem zweijährigen Update-Rhythmus unterliegt. 

Schweden hat seine Spitzenposition an Norwegen verloren, unter anderem durch den starken Anstieg an Waffenexporten. Island hingegen machte einen Sprung nach vorne. Auf dem letzten Platz liegt abermals Saudi-Arabien, ein Land, das auf vielen Ebenen - von Menschenrechten bis hin zum Überschreiten planetarer Grenzen - wesentliche Grundpfeiler des rfu-Nachhaltigkeitsverständnisses verletzt. Einmal mehr zeigt sich, dass Länder mit sehr gewaltvollen Entwicklungen in den letzten Jahren - allen voran Iran, Afghanistan, Russland - das Ende der Liste dominieren. Etwa zwei Drittel aller Staaten verletzen eines der Ausschlusskriterien.

Abbildung 1: Top 10

ESG-Bewertung von autoritären Entwicklungen

Anhand acht konkreter Indikatoren werden verschiedene Aspekte demokratischer Freiheiten verglichen. Die Gesamtergebnisse für „Social Effectiveness“ - jener Bereich im rfu Sovereigns Modell, der demokratischen Freiheiten und Mitbestimmung evaluiert - heben hervor, dass Staaten mit ausgeprägten demokratischen Rechten und gelebter Partizipation rar sind (siehe Abbildung 2).

Von der Sahara bis Kamtschatka zieht sich ein rotes Band an Staaten mit stark eingeschränkten Freiheiten. Mit negativen Ergebnissen kommen sozialistisch orientierte Autokratien in Lateinamerika - Venezuela, Cuba und Nicaragua – hinzu. Ein Graubereich sind jene Staaten, die formal demokratisch und faktisch illiberal sind. Ungarn und Serbien sind dafür prominente europäische Beispiele.

Positiv stechen einige Staaten hervor, die teils auch westliche Staaten in Bezug auf demokratische Rechte und Freiheiten hinter sich lassen: die Kap Verden, Costa Rica, Belize und Mauritius.

Abbildung  2: Weltkarte

Eine Herausforderung bei der Bewertung demokratischer Freiheiten stellt das unterschiedliche Tempo gesellschaftlicher Entwicklungen dar. Manche Veränderungen passieren schleichend über längere Zeiträume (z.B. die Umgestaltung und Beeinflussung von Medienlandschaft oder Justiz). Andere politische Umwälzungen gären lange, brechen aber dann spontan aus (z.B. die jüngste Gewalteskalation im Iran). Um das etwas auszugleichen, fließen ins rfu-Rating qualitative Analysen von Presseberichten und themenspezifischen Reports mit ein.

Civicus Monitor und Freedom House im Detail

Zwei  Indizes sind wichtige Orientierungspunkte unserer Analysearbeit: der weit verbreitete, auf institutionelle Ausgestaltung ziviler Freiheiten fokussierte Freedom House Index und der bei ESG-Ratings nur sehr selten berücksichtigte Civicus Monitor, der den Fokus auf Missbrauch staatlicher Gewalt gegenüber der Zivilgesellschaft legt. 

Die Ergebnisse beider Indizes untermauern den vermuteten Trend hin zu autoritären Gesellschaften. 2025 lebten laut Civicus Monitor nur noch 7,2 Prozent der globalen Bevölkerung in "offenen” sowie - in nächster Abstufung - “eingeengten Ländern". Die entspricht einer Halbierung des Anteils im Vergleich zu 2024.

2005 war das letzte Jahr, in dem durch den Freedom-House Index mehr positive Veränderungen als negative verzeichnet wurden. Der Civicus Monitor zeichnet sich im direkten Vergleich oft als ein Frühindikator autoritärer Entwicklungen aus und hat einen kritischeren Blick auf Staaten wie Israel und USA.

Positiv zu verzeichnen ist: beide Indizes würdigen die jüngeren Entwicklungen im Senegal (siehe Abbildung 2). Auch Bhutan, Jordanien, Gabun und Mauretanien weisen positive Trends auf. Dies spiegelt sich auch im rfu-Gesamtrating wider, wo Bhutan und Gabun unter jenen Staaten mit der größten positiven Veränderung sind. Kein anderer Themenbereich korreliert so stark mit unseren Gesamtergebnissen wie die demokratische Qualität.

Was bedeutet das für Investor:innen?

Finanzmärkte spielen eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung oder Schwächung autoritärer Herrschaft. In konventionellen Ratings schneiden viele der Staaten, in denen demokratische Freiheiten in den letzten Jahren drastisch eingeschränkt wurden, gut ab. Stabilität und die Fähigkeiten Kapitalflüsse zu bedienen, stehen hier über Fragen von Demokratie und politischen Rechten.

Nicht nur institutionelle, auch private Anleger:innen können sich daher fragen, ob sie in Fonds investieren wollen, die autoritäre Regime finanzieren (wie z.B. Staatsanleihen)? Hier helfen ESG-Daten dabei, fundiertere Aussagen zu treffen. Schließlich ist Autoritarismus messbar und nimmt weiter zu. Dabei handelt es sich nicht nur um ein Wertethema, sondern stellt einen (Nachhaltigkeits-) Risikotreiber dar. Diese Entwicklung schafft Bedingungen, unter denen eine ökologische wie soziale Transformation unwahrscheinlicher wird. 

Über die rfu:

Die rfu, mit Sitz in Wien, ist Österreichs Spezialistin für Nachhaltiges Investment und Management und unterstützt institutionelle Kunden mit Nachhaltigkeits-Research und der Konzeption von Investmentprodukten. „Technologisches Herz" sind die rfu Nachhaltigkeitsmodelle für Unternehmen, Länder und Rohstoffe.

Weitere Leistungen sind u.a. die Erstellung von Prüfgutachten nach dem Österreichischen Umweltzeichen sowie Second Party Opinions zur Emission von Green und Social Bonds.

Weitere Informationen finden Sie auf www.rfu.at

Über die Artikelserie "GOING GREEN":
GOING GREEN ist eine monatliche Kolumne auf e-fundresearch.com zu Entwicklungen und Hintergründen im nachhaltigen Investment, verfasst von Reinhard Friesenbichler und seinen Kolleginnen und Kollegen aus der rfu.

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