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Befinden wir uns weiterhin in einer Eurokrise?

Entspannt sich die Situation oder wird alles noch schlimmer? Ökonom Dr. Martin Hüfner liefert im Rahmen seines aktuellen Marktkommentars interessante Ansätze zur Beantwortung dieser Fragen. Economics | 26.09.2013 11:30 Uhr

Ein Indikator für die Eurokrise

Wie ist die aktuelle Lage in der Eurokrise zu beurteilen? Entspannt sich die Situation oder wird alles noch schlimmer? Wie schön wäre es, wenn man dazu nicht nur auf vage Stimmungen und subjektive Einschätzungen angewiesen wäre, sondern wenn es dazu einen objektiven Indikator gäbe. Den gibt es tatsächlich. Es sind die sogenannten Targetsalden.

Die Graphik zeigt die Entwicklung der Targetsalden der Bundesbank. Seit Beginn der Finanz- und Währungskrise 2007, als die Eurokrise begann, sind sie kontinuierlich gestiegen. Der Höhepunkt lag bei 751 Mrd Euro Mitte 2012. Das war die Zeit, als viele mit einem Zusammenbrechen der Gemeinschaftswährung rechneten. Dann gingen sie Stück für Stück bis auf 575 Mrd Euro zurück. Die Spannungen in der Währungsunion nahmen ab. In den letzten zwei Monaten hat sich dieser Prozess jedoch verlangsamt. Kann man daraus schließen, dass die Besserung im Euro zu Ende geht?

Quelle: ifo, direktanlage.at
Quelle: ifo, direktanlage.at

Zunächst ein Wort zum Begriff der Targetsalden, der immer noch nicht jedem verständlich ist. Er leitet sich ab vom Target-System. Das ist das Zahlungssystem innerhalb der Währungsunion, das die Europäische Zentralbank zur Erleichterung der grenzüberschreitenden Überweisungen eingerichtet hat. Über dieses System laufen alle Zahlungen zwischen den Mitgliedern der Währungsunion.

Dr. Martin Hüfner, direktanlage.at
Dr. Martin Hüfner, direktanlage.at
Wie bei jedem Zahlungssystem entstehen hier Salden, wenn Zahlungsein- und ausgänge eines Landes nicht gleich sind. Deutschland und die Niederlande haben beispielsweise einen positiven Saldo (also mehr Eingänge als Ausgänge), Italien und Spanien einen negativen. Österreich hat einen negativen Saldo, aber einen sehr kleinen. Solche Salden sind normalerweise kein Problem. In den nationalen Zahlungssystemen werden sie von den beteiligten Banken in die Bücher genommen. Die Notenbanken haben damit nichts zu tun. So war das in den Anfangsjahren auch in der Währungsunion. Es gab daher keine Targetsalden.

Erst mit dem Ausbruch der Eurokrise änderte sich das. Da wollten die Banken plötzlich keine Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber anderen Eurostaaten mehr haben. Sie vertrauten einander nicht mehr. Sie veräußerten die Salden des Zahlungsverkehrs daher unmittelbar an die nationalen Notenbanken. So entstanden die Targetsalden der nationalen Notenbanken. Sie sind juristisch Forderungen beziehungsweise Verbindlichkeiten der nationalen Notenbanken gegenüber dem Eurosystem als dem Träger des Target-Systems.

Der Anstieg der deutschen Targetforderungen in den letzten Jahren hatte vier Ursachen: a) die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands gegenüber den anderen Staaten des Euroraums; b) die deutschen Kapitalimporte aus Ländern des Euroraums und c) die zeitweilige Kapitalflucht aus Südeuropa. All das führte zu Zahlungseingängen in Deutschland. Hinzu kam d) natürlich der Verlust des Vertrauens zwischen den Banken, der die Bundesbank ins Spiel brachte.

Seit Juli 2012 hat sich die Situation verändert. Es gibt bei der Bundesbank per Saldo keine Zahlungseingänge mehr. Vielmehr überwogen die Abflüsse. Hauptgrund dafür ist die Rückkehr der Gelder, die vorher aus den Schuldnerländern geflüchtet waren. Als sich die unmittelbare Gefahr verringerte, dass der Euro auseinanderbrechen könnte oder dass das eine oder andere Land aus dem Euro ausscheiden würde, holten eine Reihe von Kapital“flüchtlingen“ ihr Geld aus Deutschland wieder zurück in die Heimat. Sie erzielten dort mehr Erträge als die Minizinsen, die sie in der Bundesrepublik erhielten.

Diese Rückflüsse gehen jetzt zu Ende. Weitere größere Verbesserungen bei den Targetsalden sind von dieser Seite also nicht mehr zu erwarten. Sie können jetzt nur noch dadurch kommen, dass entweder die Leistungsbilanzsalden innerhalb der Gemeinschaft kleiner werden oder dass mehr Kapital von Deutschland in die Schuldnerländer in Südeuropa exportiert wird. Mit beidem ist kaum zu rechnen.

Dann bleibt als einzige Möglichkeiten für eine Verringerung der Targetsalden nur noch, dass wieder Vertrauen in das europäische Bankensystem zurückkehrt. Die Geschäftsbanken müssen wieder bereit sein, grenzüberschreitende Forderungen und Verbindlichkeiten selbst zu halten und sie nicht an die Bundesbank zu veräußern. So ein Aufbau des Vertrauens braucht viel Zeit. Dies insbesondere auch deshalb, weil es wie jeder weiß nach wie vor eine Reihe von Baustellen in der Währungsunion gibt (Griechenland, Italien etc.).

Die Tatsache, dass sich die Targetsalden jetzt nur noch langsam zurückbilden, heißt also nicht, dass sich die Lage in der Währungsunion erneut verschlechtert. Sie zeigt nur, dass die Phase der Kapitalflucht vorbei ist. Jetzt geht es um den Kern der Währungsunion, nämlich die Wiederherstellung des Vertrauens auf den Geld- und Kapitalmärkten.

Für den Anleger: Im Augenblick schauen immer mehr Investoren auf die Chancen, die sich bei einem Ende der Eurokrise auf den Märkten der südeuropäischen Schuldnerländer bieten. Ich halte diese Erwartungen für realistisch. Ich rate jedoch, die Situation in Euroland genau zu beobachten. Sehen Sie sich dazu die Targetsalden an. Das ifo Institut veröffentlicht sie monatlich auf ihrer Website. Solange sich die Salden wenn auch nur langsam weiter verringern, ist alles in Ordnung. Aufpassen müssen sie aber, wenn die Salden wieder ansteigen sollten. Dann verschlechtert sich die Situation in der Währungsunion und Sie sollten mit Investitionen in Europa vorsichtig werden.

Dr. Martin Hüfner
Volkswirtschaftlicher Berater
direktanlage.at 
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