2026 ist in Kolumbien ein entscheidendes Wahljahr – einerseits fanden im März die Parlamentswahlen statt, andererseits werden die Wahlberechtigen am 31. Mai erneut zu den Urnen gerufen und zur Stimmabgabe bei den Präsidentschaftswahlen gebeten.
Für den ersten Wahl-Durchgang am 31. Mai wird der linke Kandidat Ivan Cepeda als starker Favorit gehandelt. Cepeda steht für eine Fortführung der derzeitigen Politik von Präsident Petro, für soziale Umverteilung, Einhaltung der Menschenrechte und pro Gewerkschaften. Er setzt sich außerdem für einen Dialog mit bewaffneten Gruppen im Land statt einer rein militärischen Eskalation ein.
Neben Ivan Cepeda, sind die wichtigsten Kandidaten die Mitte-rechts Kandidatin Paloma Valencia und der rechte Abelardo de la Espriella. Die in den letzten drei Wochen veröffentlichten Umfragen zeigen, dass die beiden genannten rechten Kandidaten für den zweiten Wahldurchgang vor Cepeda liegen. Falls im ersten Wahldurchgang keiner der Kandidaten über 50 Prozent kommt – wovon nach den Umfragen auszugehen ist – kommt es am 21. Juni zu einer Stichwahl.
Unklar ist noch, wer von den beiden rechten Kandidaten in die Stichwahl gegen Cepeda einziehen wird, wobei beide für einen politischen Wandel hin zu einer möglicherweise marktfreundlicheren Regierung stehen.
Klar ist, dass die Geldpolitik der kolumbianischen Zentralbank vom Ausgang der Wahlen beeinflusst werden wird: Sollte ein marktfreundlicherer Kandidat an die Macht kommen, ist zu erwarten, dass die Zentralbank ihre aktuelle Geldpolitik bis zum Jahresende beibehält und anschließend relativ zügig eine Lockerung einleitet. Obwohl Kolumbiens strukturelle Herausforderungen nicht über Nacht gelöst werden können, könnte ein glaubwürdiges Bekenntnis zur Haushaltskonsolidierung, selbst wenn es schrittweise erfolgt, die Risikoprämien von Staatsanleihen senken und den Inflationsdruck, der durch eine zu expansive Fiskalpolitik entsteht, mindern. Dies würde Spielraum für Zinssenkungen schaffen, möglicherweise beginnend im ersten Quartal 2027. Im Gegensatz dazu könnte ein Sieg von Cepeda – ohne Anzeichen für eine Haushaltskonsolidierung – zu höheren Risikoprämien bei Staatsanleihen, Wechselkursdruck und einer erneuten Straffung der Geldpolitik führen.
Vor dem Hintergrund eines volatilen globalen Umfelds und einer unsicheren innenpolitischen Lage, kann die Möglichkeit weiterer Zinserhöhungen derzeit nicht ausgeschlossen werden. Steigende internationale Ölpreise aufgrund eskalierender Spannungen im Nahen Osten sowie ein mögliches starkes El-Niño-Ereignis bleiben relevante Aufwärtsrisiken für die Inflation. Zudem soll Kolumbiens Wirtschaft heuer lt. IMF mit (nur) 2,3% wachsen, was nicht stark genug ist, um von einem robusten Aufschwung zu sprechen. Der eindeutige Schwachpunkt Kolumbiens ist aber die Fiskallage: Der IMF prognostiziert für 2026 ein Haushaltsdefizit von 6,2 % des BIP und eine Staatsverschuldung von über 60 % des BIP. Das Land hat außerdem 2021 das Investment-Grade-Rating verloren und das Rating hat sich während der Amtszeit von Petro weiter verschlechtert. Mit einem linken Nachfolger Cepeda ist die Aussicht auf eine Rückkehr in den Investment-Grade-Bereich nicht zu erwarten. In Summe steht Kolumbien also vor weiteren Herausforderungen in einem unsicheren politischen Umfeld.
Von Judith Haßlbäck, Fondsmanagerin im Team "Bonds, Emerging Markets" bei Raiffeisen Capital Management
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