Nach einem volatilen ersten Halbjahr am Kapitalmarkt hätte man sich bis zum Ausgang der US-Zwischenwahlen im Herbst eine geopolitisch ruhigere Phase erhofft. Gekommen ist es anders, denn der ohnehin brüchige Waffenstillstand in der Golfregion wurde Anfang Juli mit dem Aufflammen neuer Kampfhandlungen de facto aufgekündigt. Der für die Weltwirtschaft entscheidende Ölpreis hat infolge der weiteren Eskalationswelle wieder merklich angezogen, zumal die globalen Rohöllagerbestände schon signifikant gesunken sind. Sofern die Blockade der Wasserstraße von Hormus weiter anhält, werden sich die höheren Energiepreise neuerlich in steigenden Inflationsraten niederschlagen, was wiederum die Notenbanken zu Leitzinsanhebungen bewegen dürfte, die am Rentenmarkt über entsprechend höhere Anleiherenditen auch bereits vorweggenommen werden. Neben den geopolitischen Belastungen für die Weltwirtschaft stehen weiterhin die Rentabilität und Nachhaltigkeit der enormen KI-Infrastruktur-Investitionen im Anlegerfokus. Zum einen haben die Aktien der asiatischen Speicherchip-Hersteller nach einer massiven Kursrallye im Frühjahr in den letzten Wochen stark korrigiert und sowohl den gesamten Emerging-Markets-Index in Mitleidenschaft gezogen als auch den amerikanischen Halbleitersektor. Zum anderen wird mit dem Bekanntwerden chinesischer KI-Anbieter die Bewertung der entsprechenden US-Pendants immer wieder aufs Neue hinterfragt. Generell war „sell on good news“ im Zuge der Veröffentlichung der ersten – durchwegs sehr guten – Unternehmensergebnisse zu Beginn der aktuellen Berichtssaison insbesondere bei jenen Aktien vermehrt zu beobachten, die zwischen März und Juni stark gestiegen sind. Dass der globale Aktienmarkt im Juli weder von positiven Unternehmensnachrichten noch von vereinzelt positiven Meldungen vom Konflikt am Persischen Golf profitieren konnte, ist ein Indiz dafür, dass zuvor schon viel an Zuversicht eingepreist war. Die zahlreichen Sektorrotationen, die erhöhte Marktbreite und damit eine ausgewogenere Gesamtkonstellation haben jedoch dazu geführt, dass die entwickelten Aktienmärkte auf hohem Niveau bei überschaubarer Volatilität nur konsolidiert haben – trotz der deutlichen Korrektur im Technologiesektor. Basierend auf unseren Marktindikatoren bleiben wir bei einer vorsichtig optimistischen Positionierung bei globalen Aktien.
Staatsanleihen: Französische und deutsche Papiere bleiben weiterhin im Fokus
Wir reduzieren das im Vormonat erhöhte Exposure deutscher Staatsanleihen, bleiben aber in Summe bei diesen und auch französischen Papieren weiterhin bei unserer positiven Einschätzung. Auch australische Staatsanleihen erachten wir weiterhin als interessant. US-Staatsanleihen erwerben wir ausschließlich im Tausch gegen deutsche Staatsanleihen und risikoreichere Anleihe-Assets (US High Yield und Emerging-Markets-Hartwährungs-Anleihen).
Unternehmensanleihen: Risikoprämien weit unter Jahreshöchstständen
Die Risikoprämien von Unternehmensanleihen sind zuletzt geringfügig ausgelaufen, befinden sich jedoch noch weit unter den Jahreshöchstständen vom März. Wir sind bei US High-Yield-Anleihen und EUR Investmentgrade Corporate Bonds vorsichtig positioniert. Deren Spreads stagnieren seit einigen Monaten auf historisch sehr niedrigen Niveaus. Unternehmensanleihen preisen nach wie vor keinerlei nennenswerte Ausfalls-, Bonitäts- oder Liquiditätsrisiken, bieten jedoch weiterhin attraktive Renditen.
Emerging-Markets-Anleihen: Renditen deutlich höher
Die Anleiherenditen von Schwellenländern sind mittlerweile deutlich höher als noch vor wenigen Wochen. Neben Renditeanstiegen sind auch deren Risikoprämien geringfügig angestiegen, notieren aber nach wie vor nahe ihren historischen Tiefständen. Wir denken dennoch, dass Emerging-Markets-Anleihen überkauft sind, und bleiben bei dieser Anleiheklasse zurückhaltend.
Entwickelte Aktienmärkte: Iran-Krieg tritt in den Hintergrund
Die internationalen Aktienmärkte präsentierten sich in den letzten Wochen unverändert sehr freundlich. Der Iran-Krieg ist vollkommen in den Hintergrund getreten. Stärkster Unterstützungsfaktor bleibt aktuell der Blick auf die sehr gute Gewinnentwicklung der Unternehmen. Auch der Ölpreis ist aktuell aus dem Fokus gerückt, wird in den nächsten Monaten aber unverändert Auswirkungen auf die Notenbankpolitik haben. Kurzfristig scheint die Stimmung etwas optimistisch zu sein, angesichts der Unterstützung von der Gewinnseite bleiben wir dementsprechend positioniert.
Emerging-Markets-Aktien: Taiwan und Südkorea mit starker Korrektur
Die starken Kurszuwächse, insbesondere bei Titeln aus Südkorea und Taiwan, hatten zuletzt das Risiko einer größeren Korrektur erhöht. Eine solche war zuletzt festzustellen. Im Zentrum stehen die Chiphersteller. Nachdem diese sehr stark im koreanischen Aktienmarkt konzentriert sind, ist der Markt der stärkste Verlierer. Dennoch sieht man, dass die Performance des IT-Sektors auf Jahressicht weiterhin sehr hoch ist.
Rohstoffmärkte durchwegs stärker
Die internationalen Rohstoffmärkte präsentierten sich zuletzt durch die Bank stärker. Edelmetalle befinden sich nach der starken Phase zu Beginn des Jahres und einer anschließenden Konsolidierung zuletzt in einer Seitwärtsphase. Energierohstoffe sind zuletzt wieder stark angestiegen und anschließend gefallen, die Volatilität bleibt hier weiter hoch.
von Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management
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