Nicht nur über den bisherigen Verlauf der Fußball-WM, sondern auch über die erste Hälfte des Kapitalmarktjahres lässt sich resümieren. Die Leiterin des Internationalen Währungsfonds hat kürzlich in einem Interview angemerkt, dass die Welt lernen muss, mit dauerhaften Schocks zu leben, zumal die Weltwirtschaft mit häufigeren Krisen konfrontiert ist. Das ist zwar ein ernüchternder Befund, entspricht jedoch den Realitäten. Trotz des geopolitischen Konflikts am Persischen Golf und um die Seestraße von Hormus hat das Jahr 2026 die ursprünglichen Ertragserwartungen bei risikoreicheren Anlageklassen bislang klar übertroffen.
Zahlreiche Aktienmarktstrategen haben ihre Jahresendziele für den S&P 500 Index mehrfach nach oben angepasst. Und obwohl sich die fundamentalen Rahmenbedingungen infolge des Ölpreisanstiegs und der anziehenden Inflation etwas eingetrübt haben, wird aufgrund des KI-Investitionszyklus, des stabilen Arbeitsmarktes und des bislang ungebrochenen Privatkonsums ein globales Wirtschaftswachstum von rund drei Prozent prognostiziert und die Rezessionswahrscheinlichkeit als gering angesehen. Allerdings divergieren die Weltregionen deutlich. So ist die Euro-Zone einmal mehr am stärksten betroffen, angesichts der hohen Abhängigkeit von Energieimporten. Darüber hinaus sah sich die EZB infolge der Inflationsgefahren zum Handeln gezwungen und hat die Leitzinsen angehoben.
In Asien sind China und Japan auch aufgrund der enormen strategischen Ölreserven weitgehend unbeschadet durch die neuerliche Energiekrise gekommen. Bei den globalen Makrodaten haben sich die Frühindikatoren nur zwischenzeitig abgeschwächt und sind relativ schnell in den expansiven Bereich zurückgekehrt. Auch die Analystenschätzungen für die Unternehmensgewinne halten sich bislang auf hohem Niveau, was derzeit maßgeblich auf die Dynamik bei den Halbleiterherstellern zurückzuführen ist, die besonders stark vom AI-Boom profitieren.
Die Stimmung am Kapitalmarkt ist, abgesehen von kurzen Unterbrechungen, durchgehend positiv und weitgehend unbeeindruckt von den geopolitischen Verwerfungen, was sich zuletzt auch an der Euphorie rund um SpaceX, dem größten Börsengang der Geschichte, gezeigt hat. Da die Zukunft des „US-Deals“ mit dem Iran unklar ist und globale Lieferketten weiterhin Herausforderungen gegenüberstehen, bleibt die wirtschaftliche Erholung in der Euro-Zone unsicher. Rückläufige Preisindikatoren könnten dennoch dazu beitragen, den Druck auf die Notenbanken zu mindern. Wir bleiben nach wie vor etwas stärker in Aktien (in Relation zu Anleihen) positioniert.
Staatsanleihen: Französische und deutsche Papiere bleiben weiterhin im Fokus
Wir erhöhen das Exposure bei deutschen Staatsanleihen und sind damit in Summe bei französischen und deutschen Staatsanleihen überdurchschnittlich hoch positioniert, während wir bei US-Staatsanleihen derzeit vorsichtig sind. Australische Staatsanleihen erachten wir weiterhin als interessant. US-Staatsanleihen erwerben wir ausschließlich im Tausch gegen deutsche Staatsanleihen und risikoreichere Anleihe-Assets (US High Yield und Emerging-Markets-Hartwährungs-Anleihen).
Unternehmensanleihen preisen keine nennenswerten Risiken ein
Wir sind bei US High-Yield-Anleihen und EUR Investmentgrade Corporate Bonds vorsichtig positioniert. Deren Spreads stagnieren seit wenigen Monaten auf historisch sehr niedrigen Niveaus. Unternehmensanleihen preisen somit keinerlei nennenswerte Ausfalls-, Bonitäts- oder Liquiditätsrisiken, bieten jedoch nach wie vor attraktive Renditen.
Emerging-Markets-Anleihen behaupten sich weiterhin gut
Schwellenländer-Hartwährungsanleihen präsentieren sich nach einer kurzen Schwächephase Anfang des Jahres weiterhin stark, wobei deren Risikoprämien nahe ihren historischen Tiefständen handeln. Ähnlich wie an den Aktienmärkten behaupten sich Emerging-Markets-Anleihen gegenüber Anleihen entwickelter Märkte außerordentlich gut. Wir denken dennoch, dass EM-Anleihen überkauft sind, und sind bei dieser Anleiheklasse weiter zurückhaltend.
Entwickelte Aktienmärkte von Gewinnentwicklung unterstützt
Die internationalen Aktienmärkte präsentierten sich in den letzten Wochen unverändert sehr freundlich. Der Iran-Krieg ist zuletzt in den Hintergrund getreten. Stärkster Unterstützungsfaktor bleibt aktuell der Blick auf die sehr gute Gewinnentwicklung der Unternehmen. Die Entspannung beim Ölpreis hat kurzfristig Druck von den Notenbanken genommen. Kurzfristig scheint die Stimmung etwas optimistisch zu sein, angesichts der Unterstützung von der Gewinnseite bleiben wir jedoch unverändert positioniert.
Emerging-Markets-Aktien von KI-Euphorie erfasst
Die Aktienmärkte der Schwellenländer sind auch vollkommen von der KI-Euphorie erfasst. Insbesondere die Chiphersteller verzeichnen YTD hohe Performance-Zuwächse. Nachdem diese sehr stark im koreanischen Aktienmarkt konzentriert sind, ist dieser Markt der stärkste Gewinner. Die Performance-Kraft, die sich aktuell in diesem Sektor freisetzt, ist zudem sehr deutlich in der YTD-Bewegung der Sektoren zu sehen. Hier kommt der IT-Sektor auf mehr als 80 % Ertrag seit Jahresbeginn.
Rohstoffmärkte zuletzt etwas schwächer
Die internationalen Rohstoffmärkte präsentierten sich zuletzt etwas schwächer. Auf einen starken Jahresbeginn bei Edelmetallen folgte in den letzten Monaten eine Konsolidierung der Preise. Die Risikoprämie bei Energierohstoffen wurde zuletzt nach der geopolitischen Entspannung zwischen den USA und dem Iran deutlich ausgepreist.
von Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management
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