Börsenbarometer | Glanz und Glorie – oder nur ein ökonomischer Kater?

Pünktlich zum Start in das Wochenende kommentiert e-fundresearch.com Gastkolumnist & Kapitalmarktexperte Dr. Josef Obergantschnig wöchentlich das Börsengeschehen aus erfrischend neuen Blickwinkeln. Markets | 04.04.2025 16:00 Uhr
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH / © e-fundresearch.com / Obergantschnig Management GmbH (Foto: Vicky Posch)
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH / © e-fundresearch.com / Obergantschnig Management GmbH (Foto: Vicky Posch)

Wöchentlicher Börsenbarometer von Dr. Josef Obergantschnig | Glanz und Glorie – oder nur ein ökonomischer Kater?

Heute früh brummt meine Espressomaschine etwas lauter als sonst. Vielleicht spürt auch sie die angespannte Stimmung in Europa. Ich scrolle durch die neuesten Eurostat-Daten, während mein Espresso durchläuft – und bleibe bei einer Statistik hängen, die sich gewaschen hat: Die Stundenlöhne in Europa sind 2024 im Schnitt um 5,3% gestiegen. In Österreich lag das Lohnplus bei 6,2%. Klingt erstmal nicht schlecht – wäre da nicht die Krux mit der Produktivität und dem fehlenden Wachstum.

Denn gleichzeitig zeigt der jüngste Eurostat-Bericht: Österreich ist beim Wirtschaftswachstum 2024 das Schlusslicht in der gesamten EU. Minus 1,2% – das ist nicht nur ein „Wachstumsende“, das ist ein Rückwärtsgang mit durchgetretenem Gaspedal. Noch hinter Lettland, Estland und dem angeschlagenen Deutschland. Es ist die längste Rezession seit der Zweiten Republik, sagen die Wirtschaftsforscher. Und das in einem Land, das sich beim BIP pro Kopf noch immer auf Platz sechs in Europa hält – mit satten 44.740 Euro pro Nase, nur geschlagen von Luxemburg, Irland, Norwegen, Dänemark und den Niederlanden. Zum Vergleich: Der EU-Schnitt liegt bei 33.530 Euro. Österreich ist also – gemessen am Wohlstand – immer noch eines der reichsten Länder. Doch dieser Wohlstand ist ein Erbe der Vergangenheit. 

Aber was bringt uns dieser Wohlstand, wenn wir Jahr für Jahr an Boden verlieren und der Blick in die Zukunft ohne überfällige Reformen zunehmend an Glanz verliert? WIFO und IHS sprechen inzwischen ungeschminkt von einer Wirtschaftskrise. Die Mahnung ist klar: Ohne mutige Strukturreformen droht Österreich eine „lost decade“. Und während die Regierung über Sparpakete, Budgetlücken und Einsparungen diskutiert, verliert der Standort an Attraktivität – für Unternehmen ebenso wie für Fachkräfte.

Die Sorgen sind freilich kein rein österreichisches Phänomen. Auch global ziehen dunkle Wolken auf. Die US-Wirtschaft schwächelt spürbar. Laut aktuellen Arbeitsmarktdaten befinden sich die Jobangebote auf dem niedrigsten Stand seit fast vier Jahren. Die vielzitierte „weiche Landung“ wird immer mehr zur zähen Bodenberührung – und das macht sich auch an den Börsen bemerkbar.

Apropos Börse: BlackRock hat soeben sein erstes Bitcoin-Produkt in Europa aufgelegt – ein klares Signal. Über 50 Milliarden Dollar flossen in den USA bereits in vergleichbare Krypto-Produkte. Die Krypto-Welle schwappt also nun offiziell nach Europa – allerdings zu einem Zeitpunkt, an dem sich viele Investoren fragen, ob die große Krypto-Party schon vorbei ist oder erst so richtig beginnt.

Parallel dazu knirscht es auch geopolitisch gewaltig. Die von Donald Trump durchgesetzten neuen Zölle bremsen das globale Wachstum, warnen selbst Notenbanken wie jene im fernen Australien. Die australische Zentralbank beließ ihren Leitzins bei 4,1%, verzichtete aber auf klare Signale für Zinsschritte. In einem Umfeld voller Unsicherheiten will derzeit niemand der Erste sein, der vorprescht – ganz gleich, ob in Sydney, Frankfurt oder Washington.

Bleibt zu hoffen, dass wir in Österreich bald mehr tun, als auf alte Stärken zu bauen – und den gefühlten Stillstand durch mutige Entscheidungen ersetzen. Die Lage ist zweifelsohne ernst, aber nicht hoffnungslos. Wir haben nach wie vor einen Vorsprung gegenüber vielen anderen Ländern – wir sollten ihn bloß nicht verspielen. Während ich meinen Espresso trinke, muss ich unweigerlich an eine meiner Lieblingsbands aus Kindheit und Jugend denken. Bereits Anfang der 1980er sang die Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV):

„Und jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt!“

Irgendwie scheinen diese Zeilen auch mehr als vier Jahrzehnte später immer noch topaktuell zu sein. Meinen Sie nicht auch?

Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH & e-fundresearch.com Gastkolumnist

Dr. Josef Obergantschnig ist anerkannter Kapitalmarktexperte, Unternehmer, Autor und ehemaliger Chief Investment Officer eines Asset-Managers. In der Führungsebene der NIXDORF Kapital Unternehmensgruppe bringt er seine Expertise in den Bereichen Strategie, Finanzen und Nachhaltigkeit ein, um das Thema Impact-Investing weiter voranzutreiben. Darüber hinaus ist es ihm ein besonderes Anliegen, seinen jahrzehntelangen Erfahrungsschatz nicht nur an Finanzexperten und Privatpersonen, sondern vor allem auch an junge Menschen auf unterhaltsame Weise weiterzugeben.

Infos zum aktuellen Buch: https://www.vonnullaufreich.com

Keynote Speaker: www.josefobergantschnig.at

Weitere Informationen unter: www.ecobono.com / www.obergantschnig.at

Weitere beliebte Meldungen:

Performanceergebnisse der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Investmentfonds oder Wertpapiers zu. Wert und Rendite einer Anlage in Fonds oder Wertpapieren können steigen oder fallen. Anleger können gegebenenfalls nur weniger als das investierte Kapital ausgezahlt bekommen. Auch Währungsschwankungen können das Investment beeinflussen. Beachten Sie die Vorschriften für Werbung und Angebot von Anteilen im InvFG 2011 §128 ff. Die Informationen auf www.e-fundresearch.com repräsentieren keine Empfehlungen für den Kauf, Verkauf oder das Halten von Wertpapieren, Fonds oder sonstigen Vermögensgegenständen. Die Informationen des Internetauftritts der e-fundresearch.com AG wurden sorgfältig erstellt. Dennoch kann es zu unbeabsichtigt fehlerhaften Darstellungen kommen. Eine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen kann daher nicht übernommen werden. Gleiches gilt auch für alle anderen Websites, auf die mittels Hyperlink verwiesen wird. Die e-fundresearch.com AG lehnt jegliche Haftung für unmittelbare, konkrete oder sonstige Schäden ab, die im Zusammenhang mit den angebotenen oder sonstigen verfügbaren Informationen entstehen.

Melden Sie sich für den kostenlosen Newsletter an

Regelmäßige Updates über die wichtigsten Markt- und Branchenentwicklungen mit starkem Fokus auf die Fondsbranche der DACH-Region.

Der Newsletter ist selbstverständlich kostenlos und kann jederzeit abbestellt werden.