Flossbach-Anleihenexperte: „Märkte stellen Haushaltsdefizite immer stärker infrage“

Im Interview mit e-fundresearch.com erläutert Lars Conrad, Portfolio Director Fixed Income bei Flossbach von Storch, die gegenläufige Entwicklung von Kurz- und Langfristzinsen, den Einfluss steigender Staatsverschuldung, die Rolle von Fremdwährungen im Portfolio sowie die Chancen und Risiken im aktuellen Rentenmarktumfeld. Welche Strategien er verfolgt, lesen Sie hier. Markets | 29.08.2025 10:55 Uhr
Lars Conrad, Portfolio Director - Fixed Income, Flossbach von Storch / © e-fundresearch.com / Flossbach von Storch
Lars Conrad, Portfolio Director - Fixed Income, Flossbach von Storch / © e-fundresearch.com / Flossbach von Storch

e-fundresearch.com: Herr Conrad, während die Renditen am kurzen Ende – insbesondere im Euroraum – in den vergangenen zwölf Monaten spürbar gefallen sind, liegen langfristige Anleihenrenditen aktuell wieder in etwa auf dem Niveau von 2023. Welche wirtschaftlichen und marktseitigen Faktoren sehen Sie als Haupttreiber dieser gegenläufigen Entwicklung – und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Stimmung unter Investoren und Ihre strategische Ausrichtung im Rentenportfolio? 

Lars Conrad: Bereits seit einiger Zeit sind die Zinskurven vielerorts wieder steiler geworden. Es werden also wieder höhere Renditen für längere Laufzeiten bezahlt. Denn am kurzen Ende der Zinsstrukturkurve dominieren die geldpolitischen Impulse der Zentralbanken. Und im Zuge des beginnenden Zinssenkungszyklus haben die Notenbanken, insbesondere die Europäische Zentralbank, die kurzfristigen Renditen spürbar nach unten bewegt.

Am langen Ende hingegen spielen andere, strukturellere Faktoren eine tragende Rolle. Und ein zentrales Thema in vielen entwickelten Volkswirtschaften ist derzeit die Verschuldung – sowohl in absoluten Zahlen als auch im Hinblick auf die Dynamik. Der Markt blickt zunehmend kritisch auf die Frage, wie die wachsenden Haushaltsdefizite künftig refinanziert werden sollen. Würden doch mehr Schulden mehr Angebot an Staatsanleihen bedeuten, das vom Markt absorbiert werden muss. Diese Unsicherheit treibt die Risikoprämie für langfristige Anleihen nach oben. Die Entwicklung am langen Ende wird derzeit mit großer Aufmerksamkeit verfolgt – auch wegen der Auswirkungen auf andere Anlageklassen, deren Bewertungen stark von langfristigen Zinsen abhängen.

In unserem Rentenportfolio sind wir am langen Ende der Kurve vorsichtig positioniert – insbesondere bei nominalen Staatsanleihen mit sehr langen Laufzeiten. Zudem setzen wir am langen Ende gezielt auf inflationsgeschützte Papiere sowie auf qualitativ hochwertige Unternehmensanleihen, um attraktivere Rendite-Risiko-Profile zu erzielen.

e-fundresearch.com: Die starke Abwertung des US-Dollars seit Jahresbeginn hatte einige Investoren „auf dem falschen Fuß“ erwischt: Nutzen Sie Fremdwährungen aktiv als Rendite- oder Diversifikationsquelle – oder steht Absicherung im Vordergrund? 

Lars Conrad: Der Flossbach von Storch – Bond Opportunities ist ein global agierender, flexibel gemanagter Rentenfonds. Unser Fokus liegt klar auf Anleihekomponenten als primäre Ertragsquellen – Währungen spielen für uns eine ergänzende Rolle, die wir nur gezielt und mit Bedacht einsetzen.

Grundsätzlich haben wir die Möglichkeit, bis zu 15 Prozent des Portfolios in offenen Fremdwährungspositionen zu halten. Doch Fremdwährungen sind für uns kein Spekulationsinstrument, sondern können potenziell zur Diversifikation beitragen und – in bestimmten Marktphasen – die Rendite optimieren.

Zwei Faktoren stehen im Zentrum unserer Entscheidung, ob und in welchem Umfang wir Währungsrisiken absichern: Erstens betrachten wir die Absicherungskosten. Wir wägen also kaufmännisch ab, wie stark eine Währung abwerten müsste, um die Kosten einer Absicherung zu rechtfertigen – ganz im Sinne eines Chancen-Risiko-Vergleichs. Zweitens analysieren wir, inwieweit eine offene Währungsposition potenziell als Puffer gegenüber steigenden lokalen Renditen fungieren kann. In diesem Sinne ist die Währungssteuerung integraler Bestandteil unserer gesamtheitlichen Portfoliosteuerung.

Die offene Dollar-Position haben wir im Zuge der Verwerfungen rund um den Liberation Day, als Donald Trump im vergangenen April hohe Zölle verkündete, reduziert. Damals funktionierte der US-Dollar temporär nicht mehr gut als Puffer für Renditeanstiege. Aktuell gibt es wieder eine kleinere offene US-Dollar-Position.

Die jüngste Schwäche des US-Dollars hat gezeigt, wie sensibel Wechselkurse auf Zinsdifferenzen und Markterwartungen reagieren können. Umso wichtiger ist es, Fremdwährungen nicht isoliert, sondern stets im Kontext des Gesamtportfolios zu betrachten. Auch in Zukunft setzen wir offene Währungspositionen nur dort ein, wo sie strategisch sinnvoll erscheinen und im Einklang mit dem übergeordneten Portfolioziel stehen.

e-fundresearch.com: Wie ist der Flossbach von Storch – Bond Opportunities Fonds vor dem Hintergrund des aktuellen Zins- und Spreadniveaus positioniert? Können Sie uns bitte einen Einblick geben, welche Duration Sie derzeit bevorzugen, wie die Allokation zwischen Staats- und Unternehmensanleihen aussieht und in welchen Marktsegmenten Sie aktuell das attraktivste Verhältnis von Rendite zu Risiko identifizieren? 

Lars Conrad: Im aktuellen Marktumfeld ist das Portfolio mit einer konstruktiven, das heißt bewusst offensiveren Duration positioniert. Wir sehen derzeit ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis bei Anleihen – sowohl nominal als auch real, also unter Berücksichtigung der Inflation. Anleihen erfüllen damit insbesondere in Multi-Asset-Portfolios wieder eine doppelte Rolle: Sie tragen zur Diversifikation bei und liefern im Vergleich zu anderen Vermögensklassen eine wettbewerbsfähige Rendite.

So sind die Realrenditen von Anleihen in den vergangenen Quartalen spürbar gestiegen, während die Risikoprämien bei Aktien zuletzt deutlich zurückgegangen sind. Das macht Anleihen für langfristig orientierte Investoren wieder deutlich interessanter. Nicht zuletzt sehen wir auf makroökonomischer Ebene weiteres Potenzial für Zinssenkungen – ein Umfeld, das zusätzliches Kurspotenzial eröffnet.

Im Bereich Unternehmensanleihen bewegen sich die Risikoaufschläge (Spreads) nahe historischer Tiefstände. Entsprechend selektiv agieren wir bei Papieren mit niedrigerem Rating: Der potenzielle Mehrertrag rechtfertigt aus unserer Sicht derzeit nicht das zusätzliche Risiko. So spielen Hochzinsanleihen aktuell nur eine sehr untergeordnete Rolle in unserem Portfolio. 

Stattdessen fokussieren wir stark auf Qualität und halten eine solide Allokation in Investment-Grade-Unternehmensanleihen. Wir kombinieren diese mit taktischen Opportunitäten, die sich etwa aus kurzfristigen Marktverwerfungen oder spezifischen Einzeltiteln ergeben.

Unser aktiver und oft antizyklischer Managementansatz erlaubt es uns, in solchen Phasen gezielt Chancen zu nutzen, ohne das Risikoprofil des Portfolios aus dem Gleichgewicht zu bringen. 

e-fundresearch.com: Die Risikoaufschläge vieler Unternehmensanleihen – insbesondere im High-Yield-Segment - liegen auf historisch niedrigen Niveaus. Vor diesem Hintergrund: Lohnt sich aus Ihrer Sicht aktuell überhaupt noch ein Schritt in risikoreichere Segmente des Kreditmarkts? Und wie bewerten Sie den zunehmenden Wettbewerb durch den global stark wachsenden Private-Debt-Markt für traditionelle Anleiheportfolios? 

Lars Conrad: Aus den oben genannten Gründen halten wir das High-Yield-Segment derzeit für wenig attraktiv. 

Der Private-Debt-Markt hat in den letzten Jahren zweifellos an Bedeutung gewonnen und bietet insbesondere für bestimmte Investorengruppen ein attraktives Profil – doch in diesem Segment sind wir selbst nicht aktiv, beobachten die Entwicklungen aber mit Interesse. 

e-fundresearch.com: Es ist kein Geheimnis, dass die Unabhängigkeit der US-Notenbank zuletzt immer stärker hinterfragt wird. Inwieweit fließt diese Debatte in Ihre Szenarioanalysen und Risikoüberlegungen ein? Sehen Sie mögliche Konsequenzen für die langfristige Zinsentwicklung und das Vertrauen institutioneller Investoren in die Stabilität der Anleihemärkte?

Lars Conrad: Die Frage nach der Unabhängigkeit der US-Notenbank hat in den vergangenen Monaten an Relevanz gewonnen und ist entsprechend Teil unserer Szenarioanalysen und Risikoüberlegungen. 

Die öffentliche Kritik an Fed-Chef Jerome Powell – direkt vom US-Präsidenten Donald Trump geäußert – hat deutlich gemacht, wie sensibel das Gleichgewicht zwischen Geldpolitik und politischer Einflussnahme geworden ist. Die jüngsten teils erratischen Bewegungen am US-Treasury-Markt sowie die Schwankungen beim US-Dollar können aus unserer Sicht durchaus als Ausdruck einer entsprechenden Verunsicherung gewertet werden. Auch der Blick auf die geldpolitische Zukunft sorgt für Spekulationen: In der politischen Debatte zeichnet sich ab, dass ein potenzieller Nachfolger Powells womöglich stärker einer expansiven Linie verpflichtet wäre – was langfristig strukturelle Auswirkungen auf die Ausrichtung der US-Geldpolitik haben könnte.

Trotz dieser Entwicklungen sehen wir derzeit jedoch keine Anzeichen für einen grundlegenden Vertrauensverlust institutioneller Investoren in die Stabilität des US-Anleihemarktes. Der US-Treasury-Markt bleibt der wichtigste und liquideste Rentenmarkt der Welt – und ein zentraler Anker für das globale Finanzsystem. Die Marktteilnehmer differenzieren sehr genau zwischen kurzfristigen politischen Einflüssen und den längerfristigen Fundamentaldaten.

Und so fließen politische Risiken in unsere Analysen ein, aber sie dominieren nicht unseren Ausblick. Dennoch beobachten wir kontinuierlich, wie sich geldpolitische Erwartungen, makroökonomische Trends und Investorenverhalten zueinander verhalten – und passen unsere Positionierung entsprechend an.

e-fundresearch.com: Passiv gemanagte Fixed-Income-ETFs gewinnen weiterhin Marktanteile und werden von Investoren zunehmend als kostengünstige Kernbausteine eingesetzt. Wie kann sich ein aktiv gemanagter Rentenfonds wie der Bond Opportunities in einem solchen Wettbewerbsumfeld differenzieren?

Lars Conrad: Mit dem Flossbach von Storch – Bond Opportunities Fonds bieten wir eine aktiv gemanagte Kernlösung für die Anleihenallokation im Portfolio – gewissermaßen eine „One-Stop-Lösung“ für Investoren, die ein breit diversifiziertes, global gesteuertes Rentenportfolio suchen. Unser Ansatz unterscheidet sich klar von passiven Fixed-Income-ETFs, deren Allokation in der Regel starr an Indizes gebunden ist:

So agieren wir global und opportunistisch, gesteuert durch eine detaillierte Risikoanalyse. Wir übernehmen dabei bewusst die Allokationsentscheidungen – über Währungsräume, Laufzeiten und Bonitäten hinweg. Gerade in einem Marktumfeld mit hoher makroökonomischer Unsicherheit und teils volatilen Szenarien ist es entscheidend, flexibel und aktiv auf Veränderungen reagieren zu können. Hier liegt unser Mehrwert.

Seit der Auflage des Fonds im Jahr 2009 konnten wir – trotz des konservativen Risikoprofils – viele gängige Vergleichsindizes übertreffen, und das bei deutlich geringerer Schwankungsbreite. Unsere Steuerung folgt nicht der Benchmark, sondern orientiert sich konsequent an Chancen und Risiken aus Sicht unserer Anleger.

Dagegen enthalten Indizes im Fixed-Income-Bereich häufig Klumpenrisiken – sei es auf Länder- oder Sektorenebene. In stressbehafteten Marktphasen können gerade diese übergewichteten Segmente besonders unter Druck geraten. Als aktiver Manager sind wir davon frei – wir können Risiken bewusst vermeiden, statt sie wie Indextracker abbilden zu müssen.

Kurzum: In einem von ETFs geprägten Umfeld behaupten wir uns durch aktives Risikomanagement, globale Perspektive und nachgewiesene Leistung. Unser Ziel ist nicht, einen Index nachzubauen – sondern echte Mehrwerte für langfristig orientierte Investoren zu schaffen.

e-fundresearch.com: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Conrad!

Über Lars Conrad:

Lars Conrad ist Portfolio Director Fixed Income beim Kölner Vermögensverwalter Flossbach von Storch SE. Er hat knapp 20 Jahre Kapitalmarkterfahrung als Anleihen-Spezialist und betreute Finanzinstitute in Deutschland, Österreich, Skandinavien, den Niederlanden und UK, mit einem Fokus auf Fixed-Income-Produkten, wie Anleihen und Zinsderivaten.

Nach seinem Abschluss als Diplom-Kaufmann an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main arbeitete er u.a. bei Credit Suisse First Boston und Morgan Stanley. Von 2013 bis 2024 war er für UniCredit in München tätig und Gast-Dozent an der Frankfurt School.

Weitere beliebte Meldungen:

Performanceergebnisse der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Investmentfonds oder Wertpapiers zu. Wert und Rendite einer Anlage in Fonds oder Wertpapieren können steigen oder fallen. Anleger können gegebenenfalls nur weniger als das investierte Kapital ausgezahlt bekommen. Auch Währungsschwankungen können das Investment beeinflussen. Beachten Sie die Vorschriften für Werbung und Angebot von Anteilen im InvFG 2011 §128 ff. Die Informationen auf www.e-fundresearch.com repräsentieren keine Empfehlungen für den Kauf, Verkauf oder das Halten von Wertpapieren, Fonds oder sonstigen Vermögensgegenständen. Die Informationen des Internetauftritts der e-fundresearch.com AG wurden sorgfältig erstellt. Dennoch kann es zu unbeabsichtigt fehlerhaften Darstellungen kommen. Eine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen kann daher nicht übernommen werden. Gleiches gilt auch für alle anderen Websites, auf die mittels Hyperlink verwiesen wird. Die e-fundresearch.com AG lehnt jegliche Haftung für unmittelbare, konkrete oder sonstige Schäden ab, die im Zusammenhang mit den angebotenen oder sonstigen verfügbaren Informationen entstehen.

Melden Sie sich für den kostenlosen Newsletter an

Regelmäßige Updates über die wichtigsten Markt- und Branchenentwicklungen mit starkem Fokus auf die Fondsbranche der DACH-Region.

Der Newsletter ist selbstverständlich kostenlos und kann jederzeit abbestellt werden.