e-fundresearch.com: Herr Seitinger, wie hat sich das Spread-Niveau im High-Yield-Markt in den vergangenen Jahren entwickelt, und wie ordnet die Security KAG das aktuelle Niveau im Vergleich zu früheren Marktphasen ein?
Martin Seitinger: Das Spread-Niveau im High-Yield-Markt war in den letzten Jahren von einer hohen Dynamik geprägt. Die Asset Swap Spreads (ASW) reagierten äußerst sensibel auf Krisen und zeigten in Stressphasen teils eine Verdopplung der Risikoprämien. Historisch betrachtet kam es wiederholt zu deutlichen Drawdowns, ausgelöst durch eine starke Ausweitung der Spreads. Aktuell bewegen sich die Spreads auf einem vergleichsweise engen Niveau. Diese Enge ist jedoch nicht ausschließlich ein Zeichen für Sorglosigkeit, sondern spiegelt auch strukturelle Veränderungen wider, wie eine verbesserte durchschnittliche Kreditqualität und einen geringeren Anteil von Distressed Bonds. Ein bloßer Vergleich des absoluten Spread-Levels mit früheren Marktphasen greift zu kurz, da sich die Indexzusammensetzung und Bonitätsstruktur im Zeitverlauf signifikant verändert haben. Für eine fundierte Bewertung ist daher eine differenzierte Betrachtung unter Berücksichtigung dieser Faktoren unerlässlich.
e-fundresearch.com: Welche strukturellen Veränderungen sind derzeit am High-Yield-Markt zu beobachten, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Interpretation von Risikoprämien?
Martin Seitinger: Die wohl gravierendste strukturelle Veränderung ist die „Konkurrenz“ durch Private Debt. Früher finanzierten sich schwächere Unternehmen fast ausschließlich über den öffentlichen High-Yield-Markt. Heute wandern viele dieser risikoreicheren Finanzierungen (besonders im niedrigen Single-B oder CCC-Bereich) in Private Debt ab. Die Konsequenz: Der öffentliche High-Yield-Markt ist „sauberer“ geworden. Er fungiert nicht mehr als alleiniges Auffangbecken für bonitätsschwache Emittenten. Das bedeutet für die Interpretation der Risikoprämien, dass wir heute für ein niedrigeres Gesamtrisiko auch logischerweise eine niedrigere Prämie erhalten. Ein weiterer Faktor ist die verkürzte Duration vieler Indizes. Wer diese strukturelle Verschiebung ignoriert und auf die Rückkehr zu „alten“ Spread-Höchstständen wartet, könnte lange an der Seitenlinie stehen bleiben und attraktive Carry-Erträge verpassen.
e-fundresearch.com: Welche Bedeutung haben Veränderungen in der Indexzusammensetzung sowie in der Bonitätsstruktur des High-Yield-Marktes für die Entwicklung der Risikoprämien?
Martin Seitinger: Die Bedeutung ist nicht zu vernachlässigen und wirkt primär über zwei Hebel: die Bonität und die Laufzeitstruktur. Zum einen sehen wir eine klare „Qualitäts-Migration“ hin zu höherer Bonität. Der Anteil an BB-Rating-Anleihen ist historisch hoch, während das CCC-Segment kleiner geworden ist. Da ein Portfolio mit besserer Durchschnittsnote zwangsläufig weniger Rendite abwirft, drückt dies den Index-Spread.
Zum anderen – und das wird oft übersehen – spielt die verkürzte Restlaufzeit eine entscheidende Rolle. High-Yield-Emittenten weisen typischerweise eine steile Spreadkurve auf: Das Ausfallrisiko steigt mit der Zeit überproportional, weshalb Investoren für längere Laufzeiten deutlich höhere Aufschläge verlangen. Da sich die durchschnittliche Restlaufzeit im Gesamtmarkt verkürzt hat, bewegen wir uns auf dieser steilen Kurve automatisch nach unten. Der optisch niedrigere Spread ist somit eine logische, mathematische Konsequenz aus kürzerer Duration und besserer Bonität. Der Markt ist also nicht zwingend „teurer“ geworden, sondern das verpackte Risiko im Index hat sich reduziert. Für Investoren bedeutet das: Die Risikoprämie pro Risikoeinheit ist weiterhin attraktiv, auch wenn die absolute Zahl niedriger erscheint als in der Vergangenheit.
e-fundresearch.com: Wie hat sich der Anteil von Distressed Bonds im High-Yield-Markt in den vergangenen Jahren entwickelt, und welchen Einfluss hat diese Entwicklung auf das aktuelle Spread-Niveau?
Martin Seitinger: Der Anteil echter „Distressed Bonds“ – also Anleihen, die bereits mit extrem hohen Abschlägen jenseits von 1.000 Basispunkten handeln – ist im Vergleich zur Vergangenheit auffällig gering. Das hat einen starken mathematischen Effekt auf das allgemeine Spread-Niveau: Distressed Bonds verzerren den Durchschnitt traditionell stark nach oben. Fehlen diese extremen Ausreißer, sinkt der Durchschnitts-Spread des gesamten Marktes signifikant, ohne dass sich für den „gesunden“ Rest der Unternehmen viel geändert hätte. Wir befinden uns in einer Phase mit vergleichsweise niedrigen Ausfallraten, gestützt durch solide Unternehmensgewinne. Das Fehlen dieser „Problemkinder“ im Index lässt den Markt optisch teurer erscheinen, als er für den gesunden Median-Emittenten tatsächlich ist.
e-fundresearch.com: Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus diesen Entwicklungen für zukünftige Anlageentscheidungen im High-Yield-Segment ziehen?
Martin Seitinger: Für Investoren lautet das Fazit: „Carry is King“, aber Selektion ist Pflicht. Da die Spreads enger sind, ist der Puffer für Fehler kleiner geworden. Dennoch bleibt High Yield attraktiv, da die laufende Verzinsung (der Carry) im Vergleich zu Staatsanleihen oder Investment Grade signifikant zur Gesamtperformance beiträgt. Wir raten dazu, sich nicht von optisch engen Spreads abschrecken zu lassen, sondern den Fokus auf die fundamentale Stärke der Emittenten zu legen. In einem Markt, der qualitativ hochwertiger geworden ist, sollten Investoren aktive Manager bevorzugen, die trotz der Strukturveränderungen noch Überrenditen bieten. Der High-Yield-Markt ist heute weniger ein „Zockermarkt“ und mehr ein fester Baustein für stabilen Ertrag.
e-fundresearch.com: Vielen Dank für das Gespräch & weiterhin viel Erfolg, Herr Seitinger!
Über Martin Seitinger:
Martin Seitinger, MSc, CEFA, fungiert als Prokurist und Leiter Anleihenmanagement bei der Security Kapitalanlage AG. Unter seiner Ägide entwickelte sich das Anleihenteam zu einem nahezu umfassenden Komplettanbieter, der heute sämtliche Segmente und Kategorien von Anleihenfonds professionell abdeckt.
Das fachliche Fundament für seine Karriere legte Seitinger an der Karl-Franzens-Universität Graz. Dort absolvierte er sein Studium der Betriebswirtschaftslehre, das er sowohl im Bachelor als auch im Master mit einem klaren Fokus auf Finanzwirtschaft abschloss. Seine praktische Tätigkeit untermauert Martin Seitinger durch weitere Ausbildungen. So absolvierte er 2017 erfolgreich den Lehrgang für Fonds- und Portfoliomanagement zum „Certified Portfolio Manager“ (CPM). Darauf aufbauend erlangte er im Jahr 2019 das Diplom zum „Certified European Financial Analyst“ (CEFA) mit einer vertiefenden Spezialisierung auf Asset Management und Finanzanalyse.
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