CIO Chris Iggo: Chips und Öl - Zwischen Tech-Rallye und Energiekrise

Koreanische Aktien befinden sich im Höhenflug, dank Halbleitern und anderer Hardware. US- Technologieunternehmen legten bislang gute Erstquartalszahlen vor. Der NASDAQ 100 hat den S&P 500 seit Ende März um 5 Prozentpunkte hinter sich gelassen. BNP Paribas Asset Management | 28.04.2026 13:42 Uhr
Chris Iggo, Chief Investment Officer für Core Investments und Vorsitzender des Investment Institute von AXA IM, BNP Paribas Asset Management / © e-fundresearch.com /  BNP Paribas Asset Management
Chris Iggo, Chief Investment Officer für Core Investments und Vorsitzender des Investment Institute von AXA IM, BNP Paribas Asset Management / © e-fundresearch.com / BNP Paribas Asset Management

Anleger entdecken neue Technologien, die Engpässe beseitigen und die Kapazitäten von Datenzentren steigern können. Im IT-Sektor dominieren noch immer Ermöglicher, also Anbieter von Infrastruktur und anderer wichtiger Technik.

Und doch ist nach wie vor nicht auszuschließen, dass der Nahostkrieg die Kursgewinne schon bald wieder zunichtemacht. Noch wissen wir nicht, ob die schlimmsten Auswirkungen der Energieknappheit auf Konjunktur und Konsum hinter uns liegen. Ohne eine Einigung zur Straße von Hormus werden Anleger misstrauisch bleiben. Aller Augen sind also auf die Gespräche gerichtet, wann auch immer sie stattfinden.

  • Wichtige Makrothemen: Wird die Energieknappheit die Wirtschaft noch härter treffen?
  • Wichtige Marktthemen: Hardware bleibt das wichtigste Investmentthema.

Chips mit allem

2026 ist zu fast einem Drittel vorbei, und trotz des Nahostkrieges bleibt Technologie das wichtigste Aktienmarktthema. Das zeigt die hervorragende Performance technologielastiger Märkte wie Korea, Taiwan, Japan und Israel. NASDAQ 100 und S&P 500 sind hinter asiatischen Aktien zurückgeblieben. Beide Indizes liegen aber solide im Plus.

Dass sich die Indizes für Korea und Taiwan nicht nur gut, sondern geradezu hervorragend entwickelten, hat einen einfachen Grund: In beiden Ländern dominieren Hersteller von Halbleitern und anderer Technik, während in den USA Softwarefirmen einen wesentlich größeren Anteil haben. Sie könnten aber mittelfristig Probleme durch Künstliche Intelligenz bekommen. Wer Software-as-a-Service anbietet, wird vielleicht schon bald unterboten.

Da setzt man doch besser auf die Ermöglicher. Diese Woche hob der Halbleiterhersteller TSMC seine Umsatzprognose an. Die wenigen Technologieunternehmen des S&P 500, die schon Erstquartalszahlen vorgelegt haben, übertrafen die Erwartungen deutlich, vor allem in der Halbleiterbranche.

Technologie bestimmt die Aktienerträge weltweit noch immer maßgeblich. Mit Chips und Asien hat man dieses Jahr bislang am meisten verdient.

Die Auftragsbücher der Technologieunternehmen sind gut gefüllt; der Ausbau von Datenzentren und Rechenkapazität geht nahezu unvermindert weiter. Der Betrieb der Server und die für die wachsende KI-Nutzung nötige Rechenleistung erfordern aber viel Energie, Wasser und kritische Metalle. Technologien, die Engpässe beseitigen können, werden zu neuen Anlage­chancen. Ein gutes Beispiel sind effizientere Kühlsysteme, die mit weniger Wasser auskommen – denn Wasser ist knapp.

Der Energiebedarf kann für den Technologiesektor zu einer Herausforderung werden, vor allem angesichts der Lage im Nahen Osten. Bei Rohöl wie bei Flüssigerdgas gibt es große Angebotsstörungen. Der Betrieb von Datenzentren verteuert sich, auch wenn sich Technologie­unternehmen um eine eigene Energieversorgung bemühen.

Energiegeladen

Die Energiekrise dürfte weiteren Gewinnen von KI-Werten nicht im Wege stehen. Sie ist nicht schön, aber irgendwann werden die Störungen aufhören. Das Energieangebot wird sogar wachsen, weil immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien, Kernkraft, Wasserenergie und Biomasse erzeugt wird.

Der Ausbau von Rechenkapazitäten, Stromerzeugung sowie Daten- und Stromnetzen hängt miteinander zusammen und wird noch länger ein wichtiges Anlagethema sein.

Die seit Jahresbeginn fünf erfolgreichsten Industriewerte des S&P 500 haben mit Stromversorgung und Kraftwerkstechnik zu tun.

Es geht weiter

Der Nahostkrieg verursacht weiter Volatilität. In den letzten Wochen schrieben wir bereits, dass Anleger mit einem Frieden im Nahen Osten rechnen und sich der Energiemarkt allmählich normalisieren könnte. Man geht davon aus, dass Öl und Gas langfristig wieder billiger werden und energieintensive Branchen nicht dauerhaft Probleme bekommen. Das erklärt die jüngste Rallye.

Dennoch sollte man sich auch auf ein Negativszenario vorbereiten. Die politische Entwicklung ist unklar, und niemand weiß, wie sich die Lage im Nahen Osten in den nächsten Monaten und Jahren verändert. Regelmäßige Störungen des Ölangebots sind ebenso wenig auszuschließen wie ein dauerhafter Kursabschlag für politische Risiken. Dann würden zum Beispiel Schiffsversicherungen teurer.

Die Energiewende, also der Wechsel von Öl und Gas zu anderen Energieformen, wird dann noch wichtiger. Das gilt vor allem für asiatische Länder, die die Energiekrise deutlich zu spüren bekommen.

Wenn auch künftig nur wenig Öl die Straße von Hormus passieren kann, fürchtet man eine schwächere Weltkonjunktur. In Asien versucht man bereits, mit weniger Energie auszukommen.

Jetzt heißt es, dass Kerosin in Europa knapp werden könnte. In manchen Ländern muss die Industrie möglicherweise Prozesse stoppen, die Ölderivate aus der Golfregion benötigen. Und Bauern fürchten, dass der Dünger nicht für die Aussaaten im Frühjahr reicht.

Was wäre, wenn die Kursverluste im März nur die erste Reaktion auf den Kriegsbeginn waren und weitere schlechte Nachrichten folgen? Die Erholung beruhte auf der Annahme, dass die Wirtschaft nur wenig unter dem Krieg leidet, wenn sich die USA, Israel und Iran um eine Verständigung bemühen.

Vielleicht haben die Störungen am Energiemarkt schon jetzt Folgen. Die Kosten könnten steigen, Lagerbestände werden abgebaut, Vorprodukte könnten knapp werden, und die hohen Benzinpreise könnten (wie zuletzt in Irland) Menschen auf die Straße bringen. Außerdem kann das Konsumklima nachlassen, und selbst eine Rationierung ist nicht ausgeschlossen.

Natürlich sind nicht alle Szenarien gleich wahrscheinlich. Dennoch muss man auch an die Möglichkeit einer weltweiten Rezession denken.

Nach den offiziellen Märzzahlen vieler Industrieländer haben die höheren Preise für Benzin und andere Energieträger die Verbraucherpreise bereits steigen lassen. Noch rechnet man am Markt damit, dass die Inflation zwar kurzfristig leicht zulegt, aber dann wieder nachlässt, weil die Energiepreise nicht mehr weiter steigen.

Unklar ist aber, ob die möglicherweise schwächere Konjunktur, Angebotsstörungen und niedrigere Margen wirklich in den Preisen berücksichtigt sind. Wegen der Hausse von Technologieaktien machen sich Anleger darüber zurzeit aber nur wenig Gedanken.

Leere Lager

Der letzte Tanker, der die Golfregion Richtung Westen verlassen hat, ist bereits am Ziel. Ab jetzt fallen die Lagerbestände. Diese Woche las ich, dass sich kein Öl mehr auf dem Seeweg befände.

Das wichtigste europäische Drehkreuz für den Rohölhandel ist der Hafen von Rotterdam. Jedes Jahr werden hier etwa 100 Millionen Tonnen Rohöl umgeschlagen, für Raffinerien in den Niederlanden, Belgien und Deutschland.

Nach den Erstquartalszahlen ist das Frachtvolumen einschließlich Rohöl und Flüssigerdgas nur minimal zurückgegangen. Die Hafengesellschaft erwartet aber größere Auswirkungen im 2. Quartal.

Die Straße von Hormus muss schnell wieder geöffnet werden, bevor ihre Sperrung die Weltwirtschaft zu sehr belastet.

Die Kurse werden wieder steigen, wenn die USA und der Iran miteinander sprechen und sich auf eine Öffnung der Meerenge einigen. Doch selbst dann könnte sich der bereits angerichtete Schaden in den nächsten Monaten in den Unternehmensgewinnen, den Ausblicken und den offiziellen Konjunkturdaten zeigen. Die Hausse ist noch nicht vorbei, aber rechnen Sie mit Rückschlägen.

Von Chris Iggo, Chief Investment Officer für Core Investments und Vorsitzender des Investment Institute von AXA IM, BNP Paribas Asset Management 

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Performancedaten/Quellen: LSEG Workspace Datastream, ICE Data Services, Bloomberg, BNP Paribas AM, Stand 23. April 2026, falls nicht anders angegeben. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Hinweis auf künftige Erträge.

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