Fünf Dinge, die man angesichts der aktuellen geopolitischen Turbulenzen über Anleihen wissen sollte

Warum Anleihen diesmal nicht als sicherer Hafen fungieren Aberdeen Investments | 24.03.2026 15:25 Uhr
Luke Hickmore, Investment Director, Fixed Income - Sterling Investment Grade & Sterling Aggregate bei Aberdeen Investments / © e-fundresearch.com / Aberdeen Investments
Luke Hickmore, Investment Director, Fixed Income - Sterling Investment Grade & Sterling Aggregate bei Aberdeen Investments / © e-fundresearch.com / Aberdeen Investments

Angesichts der aktuellen geopolitischen Turbulenzen sind die Renditen von Staatsanleihen parallel zu den Ölpreisen gestiegen. Anleihen, die in Zeiten von Marktstress üblicherweise als „sicherer Hafen“ gelten, haben diesem Status in den letzten Wochen nicht gerecht werden können. Dies spiegelt eine veränderte Sichtweise der Anleger auf Inflation, Zinsen und Risiko wider. Hier erfahren Sie, was Sie wissen müssen.  

1. Warum der Ölpreis wichtig ist

Der Ölpreis wirkt sich unmittelbar auf Transportkosten, Heizrechnungen und die Kosten für den Warenverkehr in der gesamten Wirtschaft aus. Steigen die Ölpreise stark an, erhöht sich auch das Inflationsrisiko. Selbst wenn die Gesamtinflation zuvor rückläufig war, setzen höhere Energiekosten eine Untergrenze dafür, wie weit und wie schnell sie tatsächlich fallen kann.

Für Anleiheinvestoren ist das von großer Bedeutung, denn Anleihen zahlen feste Zinsen. Fällt die Inflation höher aus als erwartet, verliert dieses Einkommen an Kaufkraft. Die Reaktion darauf ist eindeutig: Anleger verlangen eine höhere Rendite als Ausgleich. Steigen die Renditen, fallen die Anleihekurse.

Diese Dynamik zeigte sich in den vergangenen Wochen sehr deutlich. Mit den steigenden Ölpreisen aufgrund von Sorgen über das Angebot haben die Märkte ihre Inflationserwartungen kontinuierlich nach oben angepasst. In der Folge sind die Anleiherenditen in den großen Volkswirtschaften gestiegen.

2. Warum sich Anleihen nicht wie ein traditioneller sicherer Hafen verhalten haben

Steigende Ölpreise erhöhen das Risiko, dass die Inflation hartnäckig bleibt. Dadurch müssen Entscheidungsträger vorsichtig bleiben, selbst wenn das Wachstum nachlässt. Märkte, die zuvor fest mit Zinssenkungen gerechnet hatten, mussten ihre Erwartungen korrigieren. Weniger Zinssenkungen – oder weiter in die Zukunft verschobene – bedeuten zwangsläufig höhere Renditen heute.

Das erklärt, warum Anleihen sich zuletzt nicht wie ein klassischer sicherer Hafen verhalten haben. In der Vergangenheit führten geopolitische Schocks oft zu fallenden Renditen, weil Anleger in Staatsanleihen flüchteten. Dieses Mal ist es anders. Der Schock wirkt über Energiepreise und Inflation, nicht über einen Einbruch der Nachfrage.

Wenn Inflation das zentrale Problem ist, bieten Anleihen keinen Schutz.

3. Was Anleger unter einer „Prämie“ verstehen und warum diese steigen

Das Wort „Prämie“ wird an den Märkten häufig verwendet, doch das Konzept dahinter ist schlicht: Eine Prämie ist der zusätzliche Ertrag, den Anleger für zusätzliches Risiko verlange

Stellen Sie sich das wie eine Versicherungsprämie vor. Wenn die Welt ruhig und berechenbar erscheint, sind Anleger bereit, geringere Renditen zu akzeptieren. Wenn die Unsicherheit jedoch steigt, wollen die Anleger mehr dafür erhalten, dass sie ihr Geld verleihen.

In den heutigen Anleihemärkten steigen gleich mehrere Risikoprämien gleichzeitig.
Da ist zum einen eine höhere Inflationsprämie, die das Risiko widerspiegelt, dass der Ölpreis die Inflation dauerhaft hoch hält.
Zum anderen eine höhere Laufzeitenprämie, die die Unsicherheit darüber reflektiert, wo sich die Zinsen langfristig einpendeln werden.
Und zunehmend kommt noch eine geopolitische Risikoprämie obendrauf.

Keine dieser Prämien ist in einer einzelnen Zeile einer Tabelle sichtbar. Aber zusammen treiben sie die Renditen nach oben.

4. Geopolitik und die Rückkehr der Risikoprämie

Die Geopolitik spielt hier nicht deshalb eine Rolle, weil Anleger versuchen, die nächste Schlagzeile vorherzusagen, sondern weil sie die Bandbreite möglicher Entwicklungen vergrößert.

Konflikte in energieproduzierenden Regionen erhöhen das Risiko von Versorgungsunterbrechungen, Engpässen im Schiffsverkehr und plötzlichen Preissprüngen. Selbst wenn die schlimmsten Szenarien ausbleiben, steigt die Wahrscheinlichkeit von Störungen. Märkte bepreisen genau diese Unsicherheit.

An dieser Stelle setzt die geopolitische Risikoprämie an. Anleger verlangen zusätzlichen Ausgleich dafür, dass sie in einer Welt investieren, in der Inflationsschocks wahrscheinlicher sind und politische Reaktionen weniger vorhersehbar ausfallen.

Entscheidend ist: Diese Prämie verschwindet nicht einfach, nur weil sich die Märkte ein paar Tage „beruhigt“ haben. Sie bleibt bestehen, solange die zugrunde liegenden Risiken ungelöst bleiben. Deshalb können die Renditen hoch bleiben, selbst wenn keine neuen schlechten Nachrichten hinzukommen.

5. Anleiherenditen spiegeln unangenehme Wahrheiten wider

Kurz gesagt haben die gestiegenen Ölpreise die Märkte an drei unangenehme Wahrheiten erinnert.

Erstens: Die Inflationsrisiken sind nicht verschwunden.
Zweitens: Zentralbanken haben keinen unbegrenzten Spielraum, die Zinsen zu senken, wenn die Energiepreise weiter steigen.
Drittens: Geopolitik verursacht reale ökonomische Kosten, die Investoren nicht ignorieren können.

Die Anleiherenditen spiegeln all diese Faktoren wider. Solange sich die Ölpreise nicht stabilisieren und die geopolitischen Risiken nicht zurückgehen, werden Anleger vermutlich weiterhin eine höhere Prämie dafür verlangen, Anleihen zu halten. Das ist keine Panik – sondern rationale Preisbildung in einer weniger vorhersehbaren Welt.

Von Luke Hickmore, Investment Director, Fixed Income - Sterling Investment Grade & Sterling Aggregate bei Aberdeen Investments

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