Software, Konsum und Gesundheit: Wo jetzt die nächsten Börsengewinner liegen

Die KI-Investitionswelle sorgt für neue Chancen am Aktienmarkt. Knut Hellandsvik, Head of Equities bei DNB Asset Management, erwartet im zweiten Halbjahr 2026 eine breitere Marktführerschaft und sieht Potenzial bei Software, Konsum, Gesundheit, Finanzwerten und Nebenwerten. DNB Asset Management | 29.07.2026 09:48 Uhr
Knut Hellandsvik, Head of Equities bei DNB Asset Management / © e-fundresearch.com / DNB Asset Management
Knut Hellandsvik, Head of Equities bei DNB Asset Management / © e-fundresearch.com / DNB Asset Management

Das erste Halbjahr 2026 war von geopolitischer Unsicherheit, stark steigenden Investitionen in künstliche Intelligenz und erheblichen Unterschieden zwischen einzelnen Branchen geprägt. Dennoch waren Aktien erneut ein guter Ort für Anleger. Bis Ende des Jahres rechnen wir mit einer Fortsetzung der positiven Entwicklung, allerdings dürfte sich die Marktführerschaft weiter verbreitern. Neben den bisherigen Gewinnern aus der Halbleiterindustrie sehen wir Chancen insbesondere bei Software, Konsum, Gesundheit sowie Banken und Finanzdienstleistern.

Die KI-Investitionen übertreffen selbst hohe Erwartungen

Zu Jahresbeginn wurde erwartet, dass die großen Hyperscaler ihre Investitionen um rund 40 Prozent erhöhen würden. Nach den Ergebnissen des ersten Quartals wurde diese Prognose auf einen Anstieg von 80 Prozent angehoben. Das zeigt, mit welcher Geschwindigkeit derzeit Rechenzentren und die dazugehörige Infrastruktur aufgebaut werden. Davon profitieren zunächst Halbleiter- und Speicherchipunternehmen. Der Philadelphia Semiconductor Index, der sogenannte SOX-Index, ist im bisherigen Jahresverlauf um 93 Prozent gestiegen. Gleichzeitig verlor der Softwaresektor 14 Prozent. Für Anleger war es daher entscheidend, auf welcher Seite dieser ungewöhnlich großen Entwicklung sie positioniert waren.

Doch die Investitionswelle reicht inzwischen weit über die Chipindustrie hinaus. Neue Rechenzentren benötigen Strom, Stromnetze, Kühlsysteme, Kabel, Gebäude und geeignete Grundstücke. Die Nachfrage erreicht deshalb zunehmend Energieversorger, Infrastrukturunternehmen, Baukonzerne und Immobiliengesellschaften. Auch kleinere Unternehmen erhalten inzwischen einen wachsenden Anteil der Aufträge. Die KI-Investitionen führen damit zu einer stärkeren Breite im Aktienmarkt. Dabei handelt es sich nicht mehr ausschließlich um ein amerikanisches Phänomen. Auch andere Regionen legen umfangreiche Investitionsprogramme auf. In Südkorea etwa sollen im Rahmen einer auf zehn Jahre angelegten Initiative neue KI-Rechenzentren und Fabriken entstehen, unter anderem mit Samsung und SK Hynix.

Die Kursentwicklungen zeigen allerdings auch, wie hoch die Erwartungen inzwischen sind. Samsung ist innerhalb eines Jahres um rund 400 Prozent gestiegen. SanDisk legte allein seit Jahresbeginn um 780 Prozent zu. Bei solchen Bewegungen können bereits kleinere Enttäuschungen erhebliche Kursreaktionen auslösen. Trotzdem lässt sich die heutige Situation nicht ohne Weiteres mit der Technologieblase des Jahres 1999 vergleichen. Samsung dürfte 2026 den höchsten Nettogewinn aller Unternehmen weltweit erzielen, wird aber weiterhin nur mit ungefähr dem Sechsfachen seines Gewinns bewertet. Cisco wurde während der Technologieblase dagegen zeitweise mit dem 170-Fachen des Gewinns gehandelt.

Von Halbleitern zu Software und Konsum

Nach der extremen Entwicklung im ersten Halbjahr erwarten wir, dass sich die Marktführerschaft weiter verbreitert. Besonders Softwareunternehmen erscheinen nach dem Kursrückgang wieder interessant. Der Sektor ist stark zurückgeblieben, obwohl künstliche Intelligenz langfristig auch dort erhebliche Produktivitäts- und Effizienzgewinne ermöglichen dürfte. Chancen sehen wir ausserdem im Konsumsektor. Dieser gehört bislang zu den schwächsten Branchen des Jahres und wird inzwischen günstig bewertet. Gleichzeitig bestehen mehrere mögliche Katalysatoren.

Der Konflikt mit Iran hat die Energiepreise und damit auch den Inflationsdruck erhöht. Die Benzinpreise in den USA sind zeitweise um 50 Prozent gestiegen – eine erhebliche Belastung für amerikanische Haushalte, die ihre Fahrzeuge regelmäßig betanken müssen. Sollten die Ölpreise wieder sinken und die Inflation nachlassen, würde dies die Kaufkraft der Verbraucher verbessern.

Der Markt rechnet für 2026 derzeit mit einer Zinserhöhung der US-Notenbank um 25 Basispunkte. Wir sehen jedoch eine gute Chance, dass eine solche Erhöhung nicht notwendig wird, falls sich der Inflationsdruck abschwächt. Ein günstigeres Umfeld aus niedrigeren Energiepreisen, geringerer Inflation und stabileren Zinsen könnte dem Konsumsektor zu einem deutlichen Comeback verhelfen.

Auch das politische Umfeld vor den Zwischenwahlen in den USA könnte diese Entwicklung unterstützen. Für die US-Regierung wird es zunehmend wichtig, sich wieder auf innenpolitische Themen und die finanzielle Belastung der Bevölkerung zu konzentrieren.

Gesundheit und Finanzwerte bieten weiteres Potenzial

Neben Software und Konsum sehen wir weiterhin Chancen bei Banken und Finanzdienstleistern. Finanzwerte gehörten bereits im ersten Halbjahr zu den Bereichen, die sich vergleichsweise gut entwickelt haben. Wir rechnen damit, dass der Sektor auch in der zweiten Jahreshälfte Unterstützung erhält. Zunehmend interessant erscheint zudem der Gesundheitssektor. Er gehörte bislang ebenfalls zu den schwächsten Marktsegmenten, zeigt aber seit einigen Wochen erste Anzeichen einer Erholung. Gleichzeitig ist seine Bewertung im Verhältnis zum erwarteten Gewinnwachstum attraktiv. Ein konkreter Katalysator ist die geplante Unterstützung bestimmter Medikamente durch Medicare in den USA ab dem 1. Juli. Davon dürften unter anderem Novo Nordisk und Eli Lilly profitieren. Darüber hinaus könnte der Gesundheitssektor langfristig zu den größten Nutzniessern künstlicher Intelligenz gehören. Nvidia-CEO Jensen Huang hat Gesundheit als einen der Bereiche bezeichnet, in denen AI künftig besonders große Auswirkungen haben könnte. Die Kombination aus einer niedrigen relativen Bewertung, strukturellem Wachstum und neuen technologischen Möglichkeiten spricht dafür, dass der Sektor in der zweiten Jahreshälfte wieder stärker in den Fokus der Anleger rückt.

Europa und kleinere Unternehmen gewinnen an Bedeutung

Die stärkere Marktbreite zeigt sich nicht nur auf Branchenebene. Der Russell 2000, der Index kleinerer US-Unternehmen, hat den S&P 500 im bisherigen Jahresverlauf deutlich übertroffen. Eine vergleichbare Entwicklung beobachten wir in Europa. Auch europäische Aktien könnten von dem Wunsch vieler Investoren profitieren, ihre Portfolios stärker zu diversifizieren. Nach mehreren Jahren, in denen wenige große US-Technologiekonzerne den Markt dominierten, fließt Kapital zunehmend in andere Regionen, Branchen und Unternehmensgrößen.

Die sogenannten Magnificent Seven sind als Gruppe im laufenden Jahr um etwa drei bis vier Prozent gefallen. Einer der Gründe ist, dass einige große Technologiekonzerne ihre Aktienrückkäufe reduzieren und stattdessen deutlich mehr Kapital in Infrastruktur und künstliche Intelligenz investieren. Teilweise nehmen sie dafür zusätzlich Fremd- oder Eigenkapital auf.

Diese Entwicklung ist nicht grundsätzlich negativ. Sie schafft vielmehr Raum für eine breitere Marktperformance und reduziert die Abhängigkeit der Indizes von wenigen Unternehmen.

Börsengänge stellen bislang keine Belastung dar

Auch die zunehmende Zahl großer Börsengänge hat Diskussionen darüber ausgelöst, ob der Markt zu viel neues Aktienangebot aufnehmen muss. Die Zahlen sprechen bislang jedoch nicht für eine Überlastung. In den USA dürfte es 2026 etwa 100 Börsengänge geben. Im Jahr 2021 waren es rund 250 und 1999 sogar ungefähr 400. Das geschätzte Volumen aus Börsengängen und Kapitalerhöhungen liegt im laufenden Jahr bei etwa 700 Milliarden US-Dollar. Das entspricht rund einem Prozent des gesamten börsennotierten US-Aktienmarktes und liegt im historischen Rahmen.

Gleichzeitig dürften amerikanische Unternehmen 2026 Aktien im Wert von mehr als einer Billion US-Dollar zurückkaufen. Unter dem Strich wird dem Markt somit weiterhin mehr Aktienkapital entzogen, als durch Neuemissionen hinzukommt. Auch der Börsengang von SpaceX wurde vom Markt bislang gut aufgenommen. Nach einem anfänglich starken Kursanstieg haben wir unsere Position zunächst reduziert und später einen Teil wieder zurückgekauft. Allerdings bleibt SpaceX eine relativ kleine Position. Viele der erwarteten Erträge liegen weit in der Zukunft, und die kurzfristige Kursentwicklung wird stark von Anlegerstimmung sowie Angebot und Nachfrage beeinflusst.

Gewinne werden wichtiger als steigende Bewertungen

Geopolitische Spannungen werden die Kapitalmärkte auch in Zukunft begleiten. Die Welt bewegt sich von Globalisierung hin zu stärkerer Regionalisierung. Staaten und Unternehmen wollen ihre Lieferketten bei Rohstoffen, Energie und kritischer Infrastruktur absichern. Gleichzeitig steigen die Investitionen in Verteidigung, Technologie und Rechenzentren.

Diese Entwicklung erhöht die Nachfrage nach Kapital und spricht dafür, dass das allgemeine Zinsniveau länger höher bleiben könnte, als es Anleger aus den vergangenen Jahrzehnten gewohnt waren. Die rund 30 Jahre dauernde Phase tendenziell fallender Zinsen und sinkender Inflation dürfte einer neuen Epoche gewichen sein.

Für Aktienanleger bedeutet das: Ein größerer Teil der zukünftigen Rendite muss aus tatsächlichem Gewinnwachstum kommen – und weniger aus steigenden Bewertungsmultiplikatoren. Genau das haben wir bereits im ersten Halbjahr gesehen. Die Aktienkurse wurden überwiegend von höheren Unternehmensgewinnen getragen, während die Bewertungsmultiplikatoren in vielen Marktsegmenten sogar zurückgegangen sind.

Für das zweite Halbjahr bleiben wir daher konstruktiv. Die enormen Investitionen in künstliche Intelligenz, Energie, Infrastruktur und regionale Lieferketten erzeugen wirtschaftliche Impulse weit über die bisherigen Gewinner hinaus. Gleichzeitig eröffnen die großen Bewertungsunterschiede zwischen Branchen und Einzelunternehmen attraktive Möglichkeiten für aktive Anleger.

Die wichtigste Voraussetzung bleibt allerdings, dass die Unternehmen ihre Gewinnmargen halten und das erwartete Gewinnwachstum tatsächlich liefern können. Die Chancen im Markt sind weiterhin erheblich – sie liegen künftig jedoch breiter verteilt und müssen selektiver erschlossen werden.

Von Knut Hellandsvik, Head of Equities bei DNB Asset Management

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