Es wird erwartet, dass die Europäische Zentralbank ihre Leitzinsen an diesem Donnerstag, dem 23. Juli 2026, unverändert bei 2,25 Prozent belassen wird. Diese Entscheidung dürfte keine Überraschung sein: Nach der Zinserhöhung im Juni und der Unterzeichnung der Absichtserklärung von Islamabad haben die Märkte ihre Erwartungen hinsichtlich einer weiteren kurzfristigen geldpolitischen Straffung weitgehend zurückgeschraubt.
Eher ein Inflations- als ein Wachstumsproblem
Die Inflation in der Eurozone hat sich auf 2,8 Prozent verlangsamt und liegt damit unter den Erwartungen, was vor allem auf einen vorübergehenden Rückgang der Ölpreise zurückzuführen ist. Eine willkommene Atempause, die jedoch womöglich trügerisch ist: Wenn es um Energiekosten geht, halten gute Nachrichten manchmal nicht länger an als ein Waffenstillstand.
Angesichts des erneut aufflammenden Konflikts sieht sich der EZB-Rat einem doppelten Risiko gegenüber: einerseits einem erneuten Inflationsdruck durch höhere Energiepreise und andererseits einem nachlassenden Wachstum. Der Preis für Brent-Rohöl liegt wieder bei rund 90 US-Dollar pro Barrel, während die Konsensprognosen für das Wachstum im Jahr 2026 auf 0,5 Prozent gesenkt wurden und damit deutlich unter dem Basisszenario der EZB von 0,8 Prozent liegen.
Die jüngsten Inflationsdaten fielen niedriger aus als von den Experten der EZB erwartet, da der Waffenstillstand im Juni für eine vorübergehende Entlastung vom Energiepreisdruck sorgte. Die Märkte bleiben jedoch vorsichtig und preisen weiterhin einen länger anhaltenden Inflationspfad mit höheren Raten ein. Während das Basisszenario der EZB davon ausgeht, dass die Inflation bis zum zweiten Quartal 2027 wieder auf 2 Prozent zurückkehrt, liegen die Markterwartungen weiterhin deutlich näher am Negativszenario der Institution, bei dem die Inflation Ende 2026 und Anfang 2027 bei rund 4 Prozent verharrt.
Christine Lagarde dürfte sich daher auf die bekannte Argumentation stützen: eine weiterhin widerstandsfähige Wirtschaft, Zweitrundeneffekte, die eine genaue Beobachtung erfordern, und das Risiko, dass höhere Ölpreise zunächst zu Lohnforderungen führen, bevor sie sich breiter auf die Wirtschaft auswirken. Nach den jüngsten Prognosen der EZB würden sich diese Zweitrundeneffekte ab dem dritten Quartal 2026 bemerkbar machen.
Derzeit räumt die EZB den Inflationsrisiken eindeutig Vorrang vor der Gefahr eines schwächeren Wachstums ein. Die geringeren Inflationsdaten geben dem EZB-Rat genügend Spielraum für eine Pause im Juli, aber nicht genug Sicherheit, um eine Zinserhöhung im September gänzlich auszuschließen, zumal die Inflationsrisiken nach wie vor deutlich nach oben tendieren.
Der Juli dürfte daher kaum mehr als eine Bestandsaufnahme sein. Der September ist der eigentliche Scheideweg, wobei die Märkte einer weiteren Zinserhöhung bereits eine Wahrscheinlichkeit von über 80 Prozent beimessen.
Bis dahin wird die EZB über neue Prognosen verfügen, um die Aussichten neu zu bewerten und eine solidere Grundlage für ihre Entscheidung zu schaffen. Im heutigen volatilen geopolitischen Umfeld ist das Gewinnen von Zeit nicht mehr nur ein Zeichen der Vorsicht, sondern hat sich zu einem eigenständigen geldpolitischen Instrument entwickelt.
Auswirkungen auf den Anleihemarkt: Interesse am Mittelteil der Kurve
Innerhalb der Euro-Anleihemärkte bietet das Segment mit Laufzeiten von zwei bis fünf Jahren unserer Ansicht nach derzeit das attraktivste Risiko-Rendite-Profil. Die Märkte preisen derzeit mehr als zwei Zinserhöhungen in den kommenden zwölf Monaten ein, wodurch der Leitzins der EZB auf 2,75 Prozent steigen würde, gefolgt von einem nahezu unbefristeten Verbleib auf diesem Niveau. Unserer Ansicht nach erscheint dieser Kurs im Vergleich zum wahrscheinlichen neutralen Zinssatz zu restriktiv.
Sollte der endgültige Leitzins der EZB näher bei 2 Prozent liegen, lassen die aktuellen Marktpreise Spielraum für eine deutliche Abwärtskorrektur der Zinserwartungen. Vor diesem Hintergrund sticht der mittlere Bereich der Kurve als „Sweet Spot“ hervor, da er attraktive Carry-Erträge, günstige Bewertungen und das größte Potenzial bietet, von einem eher expansiven geldpolitischen Kurs zu profitieren.
Von Kevin Thozet, Mitglied des Investment-Komitees bei Carmignac
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