Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen ist so hoch wie seit 25 Jahren nicht mehr. Anleger schauen mit Besorgnis auf diesen jüngsten Anstieg. Doch er ist das Resultat eines Anleihenmarktes, der genau so funktioniert, wie er soll, indem er eine Kombination aus zyklischen und strukturellen Faktoren widerspiegelt.
Anhaltende Defizite, wachsender Emissionsbedarf, Inflation
Die USA haben die Schwelle von 40 Billionen Dollar bei der Staatsverschuldung überschritten – ein Wert, der die Aufmerksamkeit der Investoren auf den fiskalischen Zustand der größten Wirtschaftsmacht der Welt lenkt. Aufgrund anhaltender Defizite, des wachsenden staatlichen Emissionsbedarfs, der Policy-Änderungen der Fed und der Inflation verlangen Anleger höhere Prämien für die langfristige Kapitalbindung. Einen Teil des Rückgangs, der während der Ära der quantitativen Lockerung nach der großen Finanzkrise 2008 und als Reaktion auf die fiskalpolitischen Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Krise im Jahr 2019 zu beobachten war, hat sich somit wieder umgekehrt.
Konkurrenz um Anlegerkapital durch Tech-Unternehmen
Große Technologieunternehmen werden zu immer bedeutenderen Emittenten für langfristige Anleihen. Sie nehmen vermehrt Kapital auf, um in beispiellosem Umfang in KI-Infrastruktur, Cloud-Computing und Rechenzentren zu investieren. Die jüngsten Emissionen einiger der größten US-Technologieunternehmen beliefen sich auf Hunderte von Milliarden Dollar und werden voraussichtlich weiter zunehmen. Dadurch vergrößert sich das Angebot an Anleihen mit langer Laufzeit auf dem Markt erheblich. Diese zusätzliche Konkurrenz um Anlegerkapital ist ein wichtiger Faktor für den Aufwärtsdruck bei den Renditen.
Der Anleihenmarkt funktioniert wie er soll …
Anleiheninvestoren treibt aktuell eine Frage um: Ist die Entwicklung der US-Staatsanleihen ein Grund für Besorgnis, oder finden die Märkte angesichts der aktuellen Marktinformationen lediglich einen Ausgleichspreis, um das Emissionsvolumen zu absorbieren? US-Finanzminister Scott Bessent scheint von ersterem überzeugt zu sein.
Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass sich die Anleiherenditen nicht auf Extremwerten befinden, sondern sich lediglich wieder in Richtung der Durchschnittswerte dieses Jahrhunderts bewegen. Die 30-jährigen Inflationsbreakeven-Renditen in den USA liegen bei 2,26 (Durchschnitt: 2,24), die 2-30-Kurve bei 0,96 (deutlich unter dem Durchschnitt von 1,63), während die Kreditspreads weiterhin auf historischen Tiefstständen verharren. Das spiegelt einen Markt wider, der genau so funktioniert, wie er soll.
… doch das US-Finanzministerium ist auf dem Holzweg
Nun hat US-Finanzminister Bessent angedeutet, dass es ein Problem am Markt gebe, um das sich das Ministerium kümmern müsse. Dazu könnte er den Treasury General Account (TGA) nutzen, um vorübergehend Anleihen mit längerer Laufzeit zu kaufen. Dies könnte durchaus zu einem vorübergehenden Rückgang der Renditen führen, doch die strukturellen Probleme werden dadurch nicht behoben. Eine solche Intervention dürfte auch nur von kurzer Dauer sein, doch lenkt sie die Aufmerksamkeit auf ein Problem, das nicht unbedingt vorhanden ist.
Finanzminister Bessent wäre gut beraten, die Worte von James Carville, dem Berater von Präsident Clinton, aus dem Jahr 1993 zu beherzigen. „Früher dachte ich, wenn es eine Reinkarnation gäbe, würde ich gerne als Präsident oder als Baseballspieler mit einer Schlagquote von 400 wiedergeboren werden. Aber jetzt würde ich als Anleihemarkt zurückkommen. Damit kann man jeden einschüchtern.“ Anstelle von vorübergehenden Maßnahmen sollten sich Herr Bessent und die US-Regierung auf die langfristigen strukturellen Ursachen des Defizits konzentrieren, deren Beseitigung ganz natürlich zu niedrigeren Laufzeitprämien und niedrigeren Renditen führen würde.
Staatsanleihen bleiben sicherer Hafen
Trotz allem gehören hochwertige Staatsanleihen in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche, Rezession oder Risikoaversion nach wie vor zu den effektivsten Diversifizierungsinstrumenten. In fünf der letzten sieben Phasen, in denen der S&P um mindestens zehn Prozent fiel, stiegen die Kurse 30-jähriger Anleihen und sorgten so für diese Diversifizierungsvorteile – daran ändert auch die aktuelle Situation nichts. Was sich dagegen verändert hat, ist der Preis für diese Sicherheit. Anleger verlangen heute eine höhere Vergütung für die langfristige Bindung ihres Kapitals. Höhere Renditen stehen daher eher für eine Normalisierung der Risikobepreisung als für das Ende von Staatsanleihen als defensive Kernanlageklasse.
Chancen durch Durationssteuerung und Derivate
Aktive Anleihemanager können von diesem Umfeld sogar profitieren. Sie können beispielsweise das Engagement in den anfälligsten Anleihen mit langer Laufzeit reduzieren und in kürzere Laufzeiten umschichten. Die Gesamt-Duration des Portfolios kann dabei durch gezielte Positionierung beibehalten werden. Zudem kann durch Derivate eine höhere Präzision bei der Durationssteuerung erreicht werden. So können Anleger von Chancen profitieren, die entlang der Zinsstrukturkurve oder durch marktübergreifende Diskrepanzen entstehen, anstatt sich ausschließlich auf das Zinsniveau zu verlassen.
Von Keith Patton, Head of Global Rates and Unconstrained Fixed Income bei Columbia Threadneedle Investments
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