DPAM-Spezialist Welch: ESG und Wirkung - Zwei Seiten einer anderen Münze

DPAM | 21.06.2022 11:15 Uhr
Matthew Welch, Spezialist für verantwortungsvolle Investments bei DPAM / © DPAM
Matthew Welch, Spezialist für verantwortungsvolle Investments bei DPAM / © DPAM

Während sich die Mehrheit der Anleger über die Vorteile nachhaltiger Geldanlagen einig ist, vertraten zwei berühmte Persönlichkeiten in den USA kürzlich gegensätzliche Ansichten. Die erste Kritik kam von Mike Pence, dem früheren Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten und bekannten Klimawandelskeptiker. Seine Ablehnung einer klimaorientierten ESG-Regulierung steht im Einklang mit seiner früheren Haltung und kommt nicht unbedingt überraschend. Die zweite Behauptung stammt von Elon Musk, dem Tech-Milliardär und Hauptakteur in der Elektromobilitätsszene. Obwohl sie nur eine kleine Minderheit darstellen, erreichen ihre Worte ein großes Publikum. Daher ist es wichtig, beide Behauptungen objektiv zu betrachten, um jegliche Verwirrung zu beseitigen und mögliche Unwahrheiten zu entlarven.

Elon Musk argumentiert, dass ESG zu politisch geworden ist und ein nicht vertrauenswürdiger Indikator für Nachhaltigkeit sei. Der Grund für diese Behauptung ist, dass Exxon vom S&P500 als eines der zehn besten ESG-Unternehmen der Welt eingestuft wird, während Tesla es nicht einmal in diese Liste geschafft hat. Auf den ersten Blick scheint dies überraschend: Ein Öl- und Gasunternehmen, das in Bezug auf ESG-Faktoren positiv bewertet wird, während ein Elektroautomobilhersteller nicht einmal in diese Liste aufgenommen wurde. 

Während einer energiepolitischen Rede in Houston erklärte Mike Pence außerdem, dass die Interessen der Unternehmen und ihrer Mitarbeiter zugunsten politischer Ziele zurückgedrängt werden, und bezog sich dabei auf einen Vorstoß von Investorenaktivisten, die Unternehmen zur Einhaltung sozialer Anlagerichtlinien zwingen wollen. 

Beide Diskurse zeigen, dass einige der grundlegenden Prinzipien von ESG nicht vollständig verstanden werden. 

Zunächst ist es wichtig, klar zwischen "ESG" und "Wirkung" zu unterscheiden. ESG-Bewertungen von Anbietern wie S&P versuchen, die wichtigsten Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken im Zusammenhang mit den Aktivitäten eines Unternehmens und seiner Wertschöpfungskette aufzulisten. Diese Risiken können finanzielle Auswirkungen auf die Unternehmen haben. Solche ESG-Bewertungen stellen ein Unternehmen in einen breiteren Kontext und sollten den Anlegern einen präzisen Maßstab bieten, um die Auswirkungen der Aktivitäten eines Unternehmens auf seine Stakeholder (d. h. Mitarbeiter, Aktionäre und Endverbraucher) zu berücksichtigen. Das bedeutet, dass Unternehmen, die ein ESG-Rating erhalten, sich in der Regel auf die Offenlegung von ESG-Themen durch das Unternehmen konzentrieren, wie z. B. das Vorhandensein von Gesundheits- und Sicherheitsrichtlinien, Recycling-Programmen, den Kauf von erneuerbaren Energien, die Vielfalt in der Unternehmensleitung oder bedeutende Kontroversen zu ESG-Themen. 

Diese ESG-Bewertungen legen den Schwerpunkt nicht unbedingt auf die Auswirkungen der Endprodukte und Dienstleistungen eines Unternehmens, sonst würde Exxon in der Rangliste wahrscheinlich nicht so weit oben auftauchen.  Hier besteht auch der entscheidende Unterschied zwischen ESG-Bewertungen und Impact. Ersteres befasst sich mit den ESG-Risiken im Zusammenhang mit der Herstellung eines Produkts oder einer Dienstleistung, letzteres mit den Auswirkungen des Produkts oder der Dienstleistung auf die Stakeholder. Exxon könnte zum Beispiel die strengsten Gesundheits- und Sicherheitsrichtlinien eingeführt haben, sich an solide ethische Grundsätze halten und über ein umfassendes Umweltmanagementsystem verfügen, was dem Unternehmen einen hohen ESG-Score einbringt. Dennoch ist der Impact Score des Unternehmens deutlich niedriger, da es etwa 3 % des weltweiten Erdöls fördert, was sich auf die meisten seiner Stakeholder nachteilig auswirkt. Tesla hingegen schneidet im ESG-Bereich nicht so gut ab (basierend auf der S&P-Methode), was auf die unzureichenden Gesundheits- und Sicherheitsstandards für die Mitarbeiter, Diskriminierungsvorwürfe und die Sicherheit der Endverbraucher zurückzuführen ist.[1] 

Vor dem Hintergrund der europäischen Regulierung müssen Vermögensverwalter in ihrem Produktangebot zwischen nachhaltigen Anlagezielen (= Impact) und nachhaltigen Anlagemerkmalen (= traditionellere" ESG) trennen. Natürlich sind beide Prinzipien komplementär. Mit der EU-Taxonomie versucht die Regulierungsbehörde, diese Impact-Aktivitäten zu definieren und zu identifizieren, und die SFDR-Verordnung versucht, die Vermischung von ESG und Impact zu verhindern, indem sie Ziele und Merkmale klar voneinander trennt. 

All dies zeigt, dass ein wirklich nachhaltiger und verantwortungsbewusster Vermögensverwalter sowohl auf die Außenwirkungen der Tätigkeit eines Unternehmens achten muss, indem er die positiven verstärkt und die negativen verringert, als auch nachhaltige Investments durch die Produkte und Dienstleistungen der Unternehmen, in die er investiert, fördern muss. 

Globale Herausforderungen und adäquate Lösungen für diese Probleme lassen sich nicht immer durch ein Ranking, einen einzelnen Wert oder einen Index darstellen. Die große Diskrepanz zwischen den ESG-Bewertungen verschiedener Datenanbieter verstärkt diese Aussage. Einzelpersonen, die behaupten, sie seien dazu in der Lage, nutzen die Verunsicherung der Anleger aus. 

Wir sind davon überzeugt, dass unser aktiver, nachhaltiger und forschungsorientierter Ansatz diese Herausforderungen bewältigen, die Unklarheiten beseitigen und die richtigen Opportunitäten für unsere Kunden identifizieren kann.

Matthew Welch, Spezialist für verantwortungsvolle Investments bei DPAM 

1 Die Gesundheits- und Sicherheitsstandards im Tesla-Werk in Fremont wurden als unzureichend eingestuft, und die Sicherheit der Endverbraucher des Unternehmens wurde aufgrund angeblich falsch durchgeführter Untersuchungen von Verletzungen und Todesfällen im Zusammenhang mit der Autopilot-Funktion des Fahrzeugs negativ bewertet. 

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