DPAM Emerging Market Debt Experte: Kolumbien lebt über seine Verhältnisse

Kolumbiens Wirtschaft erscheint auf den ersten Blick stabil: Eine harte Landung wurde vermieden, der Peso ist gestärkt und der Konsum bleibt robust. Hinter diesen Eckdaten sieht es teilweise düster aus, meint Michaël Vander Elst, Head of Emerging Markets bei DPAM: DPAM | 27.01.2026 09:06 Uhr
Michael Vander Elst, Leiter Emerging Market Debt bei DPAM / © e-fundresearch.com / DPAM
Michael Vander Elst, Leiter Emerging Market Debt bei DPAM / © e-fundresearch.com / DPAM

Die Staatsfinanzen verschlechtern sich, die Sicherheitslage in weiten Teilen des Landesebenfalls und die politische Fragmentierung erschwert Entscheidungen. Die bevorstehenden Wahlen werden vorgeben, wie diese Spannungen bewältigt werden.

Haushaltspolitische Zwangsjacke

Kolumbien hat ein Gesamtdefizit von über 6% des BIP. Die Staatsverschuldung liegt dank günstiger Wechselkursentwicklungen niedriger als befürchtet. Die Primärausgaben überschreiten die eigenen Fiskalregeln, eine Anpassung würde erhebliches Wachstum kosten. Das Hauptproblem besteht darin, dass die meisten Staatsausgaben festgelegt sind und sich nicht ohne Weiteres ändern lassen. Solange das Parlament keine Gesetze ändert, ist nur ein kleiner Teil des Haushalts anpassbar.

Die staatlichen Investitionen scheinen hoch genug, um das langfristige Wachstum zu stützen. Aber nur etwa ein Drittel davon fließt in echte Investitionen wie Schulen oder Infrastruktur. Der Rest besteht aus Bargeldzuwendungen und Subventionen, die keine dauerhaften Vermögenswerte schaffen und politisch schwer zu reduzieren sind.

Die Einnahmen enttäuschen ebenfalls. Die Steuereinnahmen liegen um etwa 0,5% des BIP unter den Erwartungen, was die Haushaltskonsolidierung zusätzlich erschwert. Der Staat hat unbezahlte Verbindlichkeiten angehäuft und nur wenig Spielraum für Defizitkürzungen, da ein Großteil der Ausgaben bereits vor neuen politischen Entscheidungen feststeht. Einmalige Maßnahmen haben den Schuldenstand und die Zinszahlungen leicht gesenkt. Die Transparenz hat abgenommen; selbst inländische Finanzinstitutionen werden nur begrenzt informiert. Das ungesicherte Fremdwährungsrisiko erhöht die Anfälligkeit.

Barmittel werden knapper. Verfügbare Liquidität wird schnell ausgegeben. Die Pensionsfonds berichten von wiederholten Anfragen des Finanzministeriums nach zusätzlichen Mitteln. Ein finanzpolitischer Vorstoß hin zu einem größeren öffentlichen Rentenpfeiler würde es dem Staat ermöglichen, einen Teil der obligatorischen Ersparnisse zur Deckung seiner Finanzierungslücken zu verwenden.

Wachstum ohne Investitionen

Das gesamtwirtschaftliche Bild ist gemischt. Das Wachstum hat bei über 10% höheren Staatsausgaben und einem soliden Konsum leicht positiv überrascht. Die Wachstumsprognose für das nächste Jahr lauten auf fast 3,4%. Allerdings nimmt die Qualität des Wachstums ab. Die Investitionen wachsen kaum und die Exporte stagnieren, obwohl die Rohstoffpreise eine gewisse Entlastung gebracht haben. Das Leistungsbilanzdefizit liegt bei 2,5% des BIP.

Hohe Lohnerhöhungen machen es für Unternehmen attraktiver, informell und außerhalb des Rechtssystems zu beschäftigen. Die Regierung hat kürzlich eine Erhöhung des Mindestlohns um rund 23% für 2026 beschlossen. Dieser Sprung, einer der größten seit Jahrzehnten, verstärkt den Kostendruck auf die Arbeitgeber und könnte die formelle Beschäftigung schwächen und zu Inflation und finanzpolitischem Druck führen.

Zentralbank unter Druck

Die kolumbianische Zentralbank hält an einem restriktiven Leitzins fest. Einige Notenbanker sehen jedoch Spielraum für eine Lockerung im ersten Halbjahr 2026. Andere halten die Straffung für gerechtfertigt. Die Märkte haben aggressive Zinserhöhungen in den kommenden Monaten eingepreist. Nur wenige Entscheidungsträger halten das für realistisch.

Die Glaubwürdigkeit hat gelitten. Schrittweise Maßnahmen haben die Erwartungen nicht stabilisiert, entschlossene Maßnahmen würden als politisch motiviert angesehen werden. Das wahrscheinliche Ergebnis sind vorsichtige Leitlinien ohne mutige Schritte, auch wenn die Inflationsdynamik etwas anderes fordert.

Die Aufwertung des Pesos um rund 15% spiegelt eher die globale Schwäche des Dollars als das Vertrauen im Inland wider. Die Schwankungen bleiben hoch, und eine Diskrepanz zwischen den Markterwartungen und der Politik könnte die jüngste Stärke schnell zunichtemachen.

Kaum politischer Spielraum

Vor diesem wirtschaftlichen Hintergrund finden im März Kongresswahlen und Vorwahlen der Parteien sowie im Mai Präsidentschaftswahlen statt. Die linken Kandidaten Cepeda und Barreras stehen für die Fortsetzung der Agenda von Präsident Gustavo Petro. Beide streben nach erweiterten Sozialausgaben, schnellerem Lohnwachstum, Renten- und Gesundheitsreformen sowie nach einer starken Rolle des Staates in der Wirtschaft. Diese Politik findet weiterhin Anklang bei den Wählern, die unter der aktuellen Regierung spürbare Einkommenszuwächse und ein größeres Gefühl der Inklusion erfahren haben.

Die Mitte dürfte sich um Sergio Fajardo konsolidieren, einen ehemaligen Wissenschaftler und Gouverneur. Sein Programm dürfte auf die Wiederherstellung der Sicherheit, den Wiederaufbau von Institutionen und die Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit dem privaten Sektor abzielen, begleitet von einer schrittweisen Haushaltskonsolidierung.

Auf der zersplitterten Rechten hat sich Abelardo de la Espriella profiliert, mit harter Linie und einer auf Recht und Ordnung ausgerichteten Botschaft, die im Laufe des Wahlkampfs an Bedeutung gewinnen dürfte.

Viele Wähler sind unentschlossen; entsprechend vorsichtig sind Umfragen zu interpretieren. Nach den Koalitionsverhandlungen und den Kongresswahlen wird sich die Lage klären. Fest steht: Die Regierungsfähigkeit wird eingeschränkt sein. Die derzeitigen Zustimmungswerte reichen nicht aus, um schwierige Reformen durchzusetzen.

Fazit: Kein leichter Weg

Konsum und öffentliche Ausgaben können das Wachstum vorübergehend stützen, aber sie können Investitionen, Glaubwürdigkeit und Haushaltsdisziplin nicht ersetzen. Die nächste Regierung wird einen begrenzten finanzpolitischen Spielraum, erhöhte Inflationserwartungen und eine skeptisch beäugte Zentralbank vorfinden. Die Anpassung wird langsamer und schmerzhafter verlaufen, als die politische Debatte vermuten lässt. Das kommende Jahr wird zeigen, ob Kolumbiens Institutionen wieder Disziplin durchsetzen können, bevor die Märkte das tun. Das Land bleibt investierbar, aber nur in geringem Maße.

Von Michaël Vander Elst, Head of Emerging Markets bei DPAM 

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