- Lateinamerika kontrolliert 60 % der globalen Lithiumreserven und 40 % der Kupferproduktion
- Nearshoring und geopolitische Spannungen machen die Region zum bevorzugten Handelspartner
- Strukturelle Schwächen wie Rohstoffabhängigkeit und Infrastrukturlücken bremsen Wachstumspotenzial
Lateinamerika erlebt einen wirtschaftlichen Aufschwung durch starke Rohstoffexporte, wachsende Nachfrage nach kritischen Mineralien und veränderte globale Handelsströme. Die Region erstreckt sich von Mexiko und der Karibik bis nach Argentinien und Chile und profitiert von umfangreichen natürlichen Ressourcen und zunehmender geopolitischer Relevanz, was sie trotz globaler Unsicherheit für nachhaltiges Wachstum positioniert.
Das Lithium-Dreieck aus Argentinien, Chile und Bolivien verfügt über mehr als 60 % der weltweiten Lithiumreserven und ist zentral für Batterien und Energiespeicher. Im Jahr 2025 stiegen die Warenexporte um geschätzte 6,4 %, angetrieben durch erhöhte Mengen an Metallen wie Gold, Kupfer und Silber sowie widerstandsfähige Agrarexporte. Lateinamerika macht über die Hälfte der globalen Silberproduktion aus, etwa 40 % des Kupfers und rund ein Drittel der Lithiumproduktion. Diese Ressourcenbasis bietet eine starke Grundlage für Exporteinnahmen und zieht weiterhin Investitionen an, insbesondere da die Nachfrage nach sauberer Energie und Elektrifizierung beschleunigt wird.
Diese Entwicklungen positionieren Lateinamerika als kritischen Lieferanten in der Energiewende und ziehen bedeutende Investitionen von globalen Mächten an, darunter China und die Vereinigten Staaten. Auch die Öl- und Gasproduktion erholt sich. Offshore- und Schieferentwicklungen in Guyana, Brasilien und Argentinien haben zu einem raschen Produktionswachstum geführt. Guyanas Ölproduktion ist seit 2020 stark gestiegen, Suriname bereitet sich auf den Markteintritt vor, und Brasilien hat durch Tiefseeprojekte Rekordproduktionsniveaus erreicht.
Europa stärkt ebenfalls seine Beziehungen zur Region, um den Zugang zu kritischen Mineralien und Energie zu sichern, was ihre strategische Bedeutung in der Weltwirtschaft verstärkt. Argentinien unterstreicht beispielsweise mit seinem Flüssigerdgas-Abkommen mit Deutschland die wachsende Bedeutung Lateinamerikas als globaler Energiepartner.
Als weltweit größte Netto-Lebensmittelexportregion spielt Lateinamerika eine entscheidende Rolle für die globale Ernährungssicherheit. Brasilien und Argentinien produzieren große Mengen an Sojabohnen, Mais und Rindfleisch, während Zentralamerika die Exporte von Kaffee und Bananen dominiert.
Über Rohstoffe hinaus diversifiziert sich die Region allmählich. Fertigung, Finanzdienstleistungen, erneuerbare Energien und Tourismus gewinnen an Dynamik. Mexiko stärkt weiterhin seine Fertigungsbasis durch Nearshoring, während Länder wie Costa Rica hochwertige Industrien wie Medizinprodukte entwickelt haben. Digitale Finanzdienstleistungen expandieren rasch, verbessern die finanzielle Inklusion und ziehen Investitionen an. Erneuerbare Energien spielen eine bedeutende Rolle, mit einem hohen Anteil an Strom aus sauberen Quellen. Der Tourismus, insbesondere in der Karibik und Zentralamerika, hat sich stark erholt, schafft wieder Beschäftigung und generiert Devisen.
Strukturelle Herausforderungen wie schwache Institutionen, Infrastrukturlücken und Kriminalität bremsen das langfristige Wachstum. Die Region ist immer noch stark von einer engen Palette von Rohstoffen abhängig, was die Volkswirtschaften Preisvolatilität und externen Schocks aussetzt. Die regionale Integration ist schwach, wobei der intraregionale Handel einen relativ kleinen Anteil der Exporte ausmacht. Diese Fragmentierung begrenzt Skaleneffekte und reduziert den globalen Einfluss der Region. Hohe Kriminalitäts- und Unsicherheitsniveaus verursachen wirtschaftliche Kosten, schrecken Investitionen ab und treiben qualifizierte Arbeitskräfte ins Ausland. Institutionelle Schwächen, einschließlich Korruption und politischer Instabilität, untergraben das Vertrauen der Unternehmen.
Infrastrukturlücken, insbesondere bei Transport und digitaler Konnektivität, erhöhen die Kosten und schränken die Wettbewerbsfähigkeit ein. Bildungs- und Qualifikationsdefizite belasten die Produktivität, während Klimarisiken wie Dürren und Hurrikane wiederkehrende Bedrohungen darstellen. Alternde Bevölkerungen üben ebenfalls Druck auf soziale Systeme aus. Darüber hinaus können begrenzter Zugang zu Kapital und regulatorische Unsicherheit Investitionen abschrecken, insbesondere in kritischen Sektoren.
Von Michaël Vander Elst, Head of Emerging Markets bei DPAM
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