Inflation Eurozone: Es dürfte noch "schlimmer" kommen

Die Inflation in der Eurozone steigt im August auf 3,3 % und damit auf ein neues Jahreshoch. Haupttreiber sind erneut die Energiepreise. Bantleon-Chefvolkswirt Dr. Daniel Hartmann erwartet anhaltenden Preisdruck und sieht die EZB vor weiteren Zinserhöhungen. BANTLEON | 01.09.2026 15:42 Uhr
Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG / © e-fundresearch.com / BANTLEON
Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG / © e-fundresearch.com / BANTLEON

Teuerungsrate steigt im August auf Jahreshoch

Die Inflationsrate der Eurozone ist im August gemäß der ersten Schätzung erwartungsgemäß von 2,9% auf 3,3% angestiegen und hat damit zugleich den bisherigen Jahreshöchststand (3,2%) übertroffen. Absehbar war auch, dass dafür fast ausschließlich die Benzinpreise verantwortlich waren. Die gesamte Energiekomponente – sie umfasst neben Benzin unter anderem auch Gas und Strom – legte jedenfalls um knapp 3,0% im Monatsvergleich zu, was die Jahresrate von 10,3% auf 14,3% katapultierte (vgl. nachfolgende Abbildung). Die Kerninflation (ohne Energie, Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak) sank dagegen sogar geringfügig von 2,5% auf 2,4%.

Insgesamt ist die Eurozone damit noch mit einem blauen Auge davongekommen. Wir waren in unserer ersten Schätzung noch von einem leicht stärkeren Anstieg der Teuerungsrate auf 3,4% ausgegangen. Dass das Ergebnis am Ende etwas milder ausfiel, hat folgende Gründe:

  • Wir haben mit einem noch stärkeren Anstieg der Energiepreise gerechnet (+3,7%) und gehen weiterhin davon aus, dass es hier im Rahmen der finalen Schätzung zu einer Aufwärtskorrektur kommen wird. Die Belebung bei den Benzinpreisen hat erst in der zweiten Monatshälfte an Tempo gewonnen, was vermutlich noch nicht von allen Statistikämtern vollständig erfasst wurde.
  • Bei den Nahrungsmittelpreisen ist entgegen unseren Erwartungen noch keine Trendwende nach oben eingetreten. Die Jahresrate (inkl. Alkohol und Tabak) stagnierte bei 1,2%. Meldungen über Angebotsengpässe – speziell bei Gemüse – hatten eigentlich einen stärkeren Teuerungsschub nahegelegt. Der Effekt hat sich aber offenbar verzögert.
  • Die größte Überraschung nach unten lieferten die Dienstleistungspreise, deren Jahresrate von 3,3% auf 3,0% gefallen ist, was dann auch maßgeblich die Kernrate nach unten gedrückt hat. Eurostat hat noch keine Details zu den Unterkomponenten bekannt gegeben. Einige Länderdaten lassen allerdings darauf schließen, dass die üblichen volatilen Komponenten, d.h. speziell Pauschalreisen und Beherbergungsdienstleistungen, dafür verantwortlich waren. Entsprechend sollte man auch in diesem Rückgang noch nicht den Beginn eines nachhaltigen Abwärtstrends sehen. Das aktuelle Niveau von 3,0% liegt vielmehr weiterhin innerhalb des übergeordneten Seitwärtstrends (vgl. vorangehende Abbildung). Bei den Industriegütern setzte sich im Gegensatz zu den Dienstleistungen der Aufwärtstrend der vergangenen Monate fort (Jahresrate: 1,2% nach 0,9%). Dies korrespondiert mit dem generell steigenden Kostendruck (Energie und Transport) und den Angebotsengpässen bei elektronischen Bauteilen.

Insgesamt ist das neue zyklische Hoch bei der Inflation also vor allem dem anhaltenden Energiepreisschock geschuldet. Gleichzeitig hält sich der fundamentale Preisdruck aber nach wie vor hartnäckig auf überhöhtem Niveau.

Keine Entspannungssignale: EZB unter Handlungsdruck

Entscheidend ist jetzt aber, wie es weitergeht. Was den fundamentalen Preisdruck betrifft, gibt es widerstreitende Kräfte. Obschon die Ölpreise nach wie vor deutlich unter den Jahreshöchstständen notieren, wird der angebotsseitige Kostendruck aufseiten der Unternehmen immer noch als belastend empfunden. Dies wird unter anderem im Global Supply Chain Pressure Index der Federal Reserve Bank of New York sichtbar (vgl. nachfolgende Abbildung links). Die Konsumschwäche der vergangenen Monate hält die Händler aber noch von größeren Preisanhebungen ab. Dies zeigen die Umfragen zu den Preiserwartungen, die sich zuletzt überwiegend seitwärts bewegt haben (vgl. nachfolgende Abbildung rechts).

Perspektivisch sollte sich dies jedoch ändern. Wenn die konjunkturelle Belebung in der Eurozone weiter an Schwung gewinnt, was unter anderem die Einkaufsmanagerindizes nahelegen, steigt der Preisüberwälzungsspielraum der Unternehmen (vgl. nachfolgende Abbildung). Wir rechnen daher bei der Kerninflationsrate nicht mit einer nachhaltigen Entspannung. Sie sollte sich kurzfristig weiter um die 2,5%-Marke bewegen. Mittelfristig besteht das Risiko, dass sie nach oben dreht – vor allem dann, wenn der Energiepreisschock anhält und somit von dieser Seite Zweitrundeneffekte drohen.

Auf der Ebene der Energiepreise stehen solche Zweitrundeneffekte unter anderem bei den Gaspreisen ohnehin noch aus (vgl. nachfolgende Abbildung). Die Großhandelspreise befinden sich hier schon seit längerer Zeit im Höhenflug, was sich über kurz oder lang auch bei den Endverbrauchern verstärkt niederschlagen wird. Beim Ölpreis selbst ist aktuell ebenfalls keine abrupte Trendwende (nach unten) in Sicht. Halten sich die Notierungen vorerst auf dem aktuellen Niveau (gut 90 US-Dollar), dürften die Energiepreise in der Eurozone im September sogar nochmals leicht ansteigen und somit die Headline-Inflationsrate auf 3,5% bis 3,6% treiben. Selbst wenn danach eine Entspannung eintritt, dürfte sich die Teuerungsrate Anfang 2027 immer noch um 3,2% bis 3,3% bewegen.

Für die EZB bedeutet dieser Ausblick, dass sie an ihrem jüngsten – eher pessimistischen – Basisszenario im September kaum Abstriche vornehmen muss (vgl. nachfolgende Abbildung). Dies setzt die Notenbank unter erheblichen Handlungsdruck. Eine Leitzinsanhebung von 2,25% auf 2,50% (Einlagensatz) in der kommenden Woche ist so gut wie sicher. Mehr noch: Bleibt das aktuelle Umfeld bestehen – die Konjunktur zeigt sich weiter robust und die Energiepreise bewegen sich unverändert auf hohem Niveau –, ist eine zusätzliche geldpolitische Straffung unvermeidlich. Zwei weitere Leitzinsanhebungen um jeweils 25 Basispunkte (auf dann 3,00%) sind in einem solchen Szenario – ohne Eskalation der Nahostkrise – realistisch.

Von Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG

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