Einstimmige Zinsanhebung, höhere Inflationsprognosen
Die EZB hat im Rahmen der heutigen Notenbanksitzung die Leitzinsen erwartungsgemäß um jeweils 25 Basispunkte angehoben. Die entscheidende Depositenrate steht damit ab dem 16. September bei 2,50 %. Der Beschluss fiel einstimmig, allen Währungshütern war mithin klar, dass die Inflationsgefahren weiter zugenommen haben. Das Statement fällt entsprechend falkenhaft aus. Der Nahostkonflikt erzeuge weiterhin Inflationsdruck, und die Teuerung werde, so heißt es recht unverblümt, »für einen längeren Zeitraum klar über dem Ziel« bleiben. Die einschränkende Bemerkung aus dem Juli, wonach die Zweitrundeneffekte des Energiepreisschocks noch unklar seien, fehlt dieses Mal.
Dies spiegeln auch die neuen Projektionen wider (vgl. Tabelle am Ende). Die ohnehin hohen Inflationswerte wurden nochmals angehoben: Für 2027 geht die EZB nunmehr von 2,5 % aus (bislang 2,3 %). Etwas überraschend wurde auch die Prognose für die Kerninflation nach oben revidiert, auf 2,6 % im kommenden und 2,3 % im übernächsten Jahr. Selbst 2028 rechnen die Währungshüter damit noch mit einer klaren Zielüberschreitung. Der EZB-Rat unterstellt offenbar mehr Zweitrundeneffekte als bislang. Explizit bejahte EZB-Präsidentin Christine Lagarde dies mit Blick auf die Nahrungsmittel, deren Preise sich in den vergangenen Monaten noch sehr gedämpft verhalten haben. Die Kerninflation werde daher bis Anfang 2027 weiter steigen.
Hinzu kommt, dass die Notenbank gleichzeitig die Wachstumsprognose angehoben hat, auf 0,9 % für 2026 und 1,4 % für 2027. Für das laufende Jahr ist dabei die jüngste Aufwärtsrevision des BIP für das 2. Quartal noch gar nicht berücksichtigt. Lagarde zeigte sich einmal mehr überrascht von der Resilienz der europäischen Wirtschaft. Der kurzfristige Wachstumsausblick habe sich eindeutig verbessert, und die Belebung sei über Länder und Sektoren hinweg breit fundiert.
Lagarde will kein zusätzliches Öl ins Feuer gießen
Während die Beschreibung des aktuellen Umfelds einen klar falkenhaften Ton enthielt, wollte Lagarde beim Zinsausblick keine zusätzlichen Spekulationen wecken. Der EZB-Rat habe sich ganz auf die laufende Entscheidung konzentriert und den künftigen Zinspfad überhaupt nicht diskutiert. Sie selbst habe keine Meinung über die Richtung des nächsten Schritts; es sei gefährlich, hier eine Tendenz vorzugeben, denn gegenwärtig könnten sich die Dinge über Nacht ändern. Der Rat halte daher an seinem Ansatz fest, von Sitzung zu Sitzung zu entscheiden.
Trotz dieser Zurückhaltung bleibt die Neigung zu Leitzinsanhebungen bestehen. Die Frage, ob an den Märkten derzeit zu viel eingepreist sei, nämlich drei weitere Zinsschritte um insgesamt 75 Basispunkte bis Mitte 2027, wollte Lagarde zumindest nicht bejahen. Sie erachtet dieses Ausmaß offensichtlich für angemessen. Für wenig hilfreich hält die Notenbankpräsidentin derzeit das Konzept des neutralen Leitzinses. Es sei mithin müßig, darüber zu spekulieren, ob das aktuelle Zinsniveau bereits restriktiv oder noch neutral sei.
Weitere Straffungen sehr wahrscheinlich
Mit dem jüngsten Anstieg des Ölpreises (seit Anfang August +30 %) und vor allem dem haussierenden Gaspreis (+50 %) haben wir unsere Inflationsprognose angehoben und gehen dabei noch über die Aufwärtsrevision der EZB hinaus (vgl. Tabelle und Abbildung am Ende). Aufgrund der weiter steigenden Energiepreise dürfte die Teuerungsrate in den nächsten beiden Monaten auf 4,0 % anziehen und auf diesem Niveau bis Anfang 2027 verharren.
Erst die günstigen Basiseffekte ab März 2027 werden die Inflationsrate wieder nach unten drücken. Wegen des starken Jahresbeginns rechnen wir für 2027 gleichwohl mit einer Inflationsrate von mehr als 2,5 %. Darüber hinaus steigt das Risiko von Zweitrundeneffekten.
Mit der höheren Teuerung nimmt zwar die Gefahr zu, dass die Konsumnachfrage unter Druck gerät und die Konjunktur einen Dämpfer erfährt. Alles in allem halten wir jedoch daran fest, dass das Wachstum in der Eurozone in den nächsten Quartalen robust bleibt. Beides zusammen, der anhaltende Angebotsschock und die solide Konjunktur, sorgt für nachhaltigen Inflationsdruck. Wir gehen daher davon aus, dass die EZB im Oktober oder Dezember nochmals an der Zinsschraube dreht und den Leitzins auf 2,75 % anhebt. Sollte das makroökonomische Bild auch Anfang 2027 freundlich bleiben, ist ein weiterer Schritt auf 3,00 % wahrscheinlich.


Von Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG
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