Wir erwarten, dass die EZB die Leitzinsen auf ihrer morgigen Sitzung unverändert lässt. Seit der letzten Zinssenkung im Juni haben sich die Konjunktur- und Inflationsdaten nicht ausreichend verändert, um eine erneute geldpolitische Anpassung zu rechtfertigen. Zahlreiche EZB-Verantwortliche einschließlich Notenbankpräsidentin Christine Lagarde haben in den vergangenen Wochen betont, man sei gut aufgestellt – „in einer guten Position“ – um mit Unsicherheiten umzugehen. Sollten diese anhalten, spräche das für eine Fortsetzung der Pause. Zudem spricht die Hartnäckigkeit der Kerninflation bei rund 2,4 Prozent – und damit oberhalb des EZB-Ziels von 2 Prozent – für eine abwartende Haltung.
Zwei Zinssenkungen im 1. Halbjahr 2026
Für die Zinsmärkte erwarten wir ein anspruchsvolles Umfeld aufgrund der Kombination aus einer vorübergehend verbesserten Konjunktur und einer geringeren Inflation zu Beginn des Jahres 2026. Niedrigere Energiepreise stützen kurzfristig das Gewinnwachstum, werden aber im weiteren Jahresverlauf – insbesondere in der zweiten Jahreshälfte – zu einem Rückgang der Inflation beitragen. Zugleich rechnen wir damit, dass das Wachstum im kommenden Jahr erneut enttäuschend ausfallen wird. Gründe für diese Einschätzung sind die verzögerte Umsetzung der deutschen fiskalpolitischen Impulse, die Auswirkungen der US-Zölle in Höhe von 15 Prozent sowie der Druck durch preisgünstige asiatische Exporte. Darüber hinaus dürfte ein stärkerer Euro die wirtschaftliche Aktivität belasten. Der von der EZB und vielen Volkswirten erwartete Aufschwung für 2026 hängt wesentlich davon ab, dass die Sparquote der privaten Haushalte sinkt und die Investitionen wieder anziehen – beides erscheint im beschriebenen Umfeld aber eher unwahrscheinlich. Daher erwarten wir, dass die Notenbank ihren Leitzins in der ersten Hälfte 2026 zweimal senkt.
Anleihen mit Laufzeiten zwischen fünf und zehn Jahren interessant
Der europäische Anleihemarkt steht derzeit unter Druck – vor allem aufgrund der für 2026 erwarteten verstärkten Emissionen von Staatsanleihen sowie Neuregelungen bei niederländischen Pensionsfonds. Bei genauerer Betrachtung relativiert sich die Angebotsseite jedoch: Viele Länder haben inzwischen ihre Emissionsprogramme für 2026 angekündigt und diese deuten insgesamt lediglich auf einen begrenzten Anstieg um 80 Milliarden Euro im Vergleich zu 2025 hin. Berücksichtigt man Rückzahlungen von Staatsanleihen, die refinanziert werden müssen, sowie auslaufende Anleihen im Portfolio der EZB, wird die Nettoemission sogar negativ und liegt bei -40 Milliarden Euro – der Druck auf die Renditen dürfte damit geringer ausfallen als zunächst befürchtet.
Wir halten Anleihen mit Laufzeiten von fünf bis zehn Jahren für interessant, insbesondere im Vergleich zu Geldmarktsätzen. Bei Laufzeiten von über 15 Jahren sind wir hingegen vorsichtig: Der Wandel in der Asset Allocation niederländischer Pensionsfonds wird die hohe Duration ihrer Portfolios reduzieren, um stärker in Aktien, Private Equity, Immobilien und andere Anlageklassen zu investieren. Die Anleiheverkäufe betreffen vor allem Staatsanleihen höchster Bonität, die wir daher untergewichten. Stattdessen bevorzugen wir Staaten in Süd- und Osteuropa.
Von Patrick Barbe, Head of European Investment Grade Fixed Income bei Neuberger Berman
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