CIO Weekly | Geht der Halbleiterboom weiter?

Bei der derzeitigen Aktienrallye, einer der größten seit Jahren, liegen Halbleiterwerte ganz vorn. Weil die Fundamentaldaten mithalten, kann es weitegehen. Neuberger | 21.05.2026 08:01 Uhr
Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer - Wealth bei Neuberger Berman / © e-fundresearch.com / Neuberger Berman
Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer - Wealth bei Neuberger Berman / © e-fundresearch.com / Neuberger Berman

Erst letzte Woche hat ein Halbleiter-Start-up bei seinem erfolgreichen Börsengang 5,5 Milliarden US-Dollar eingeworben. Das zeigt einmal mehr, wie viel Potenzial zurzeit im Halbleitersektor steckt.

Der Unternehmenswert beträgt demzufolge 40 Milliarden US-Dollar, und dem Vernehmen nach war die Transaktion, die später noch aufgestockt wurde, 40-fach überzeichnet. Das Anlegerinteresse an KI- und Halbleitertiteln ist offensichtlich groß – und hat maßgeblichen Anteil an einer der größten Aktienmarktrallyes der letzten Jahre.

Allein die Marktkapitalisierung der Halbleiterwerte im S&P 500 stieg in den letzten sechs Wochen um etwa 3,8 Billionen US-Dollar. Auch deshalb hat der SOXX, der Benchmark-ETF für in den USA notierte Halbleiteraktien, dieses Jahr schon um 71,55% zugelegt (Stand 13. Mai).

Das große Interesse an Halbleitern hat auch den US-Markt insgesamt stark vorangebracht. Im April gab es aber zunächst Gegenwind: Die Staatsanleihenrenditen stiegen, die Zinssenkungserwartungen verflüchtigten sich, und die Zollpolitik trieb Anleger in defensive Aktien. Wachstumstitel wurden unterdessen verkauft. Aber das änderte sich mit den außergewöhnlich guten Erstquartalszahlen, sodass sich Anleger wieder für den KI-Ausbau begeisterten.

Im April verzeichnete der S&P 500 daher das beste Monatsergebnis seit November 2020. Seit dem Märztief ist er schon wieder um über 16% gestiegen.

Hohe Gewinne dank hoher KI-Nachfrage

Fundamental gesehen scheint uns der Optimismus gerechtfertigt, sodass weitere KI-Börsengänge denkbar scheinen. 89% der S&P-500-Unternehmen haben bis zum 8. Mai ihre Erstquartalszahlen vorgelegt. Demnach sind die Gewinne (mit Schätzungen der noch fehlenden Zahlen) um 27,7% gestiegen, so stark wie zuletzt im 4. Quartal 2021. 84% der Indexwerte haben dabei die Erwartungen übertroffen. Im Schnitt waren die Gewinne um 18,2% höher als prognostiziert, so viel wie zuletzt im 1. Quartal 2021 und fast das Dreifache des 5- oder 10-Jahres-Durchschnitts. Die drei größten positiven Überraschungen lieferten die Hyperscaler Alphabet, Amazon und Meta, was starke Umschichtungen zurück in Wachstumswerte zur Folge hatte. Technologieaktien schoben sich wieder klar an die Spitze, und zehn der elf Sektoren des S&P 500 berichteten über höhere Gewinne als im Vorjahr.

Entscheidend für das neue Interesse an Halbleiterwerten sind aber nicht die hohen Gewinne. Viel wichtiger sind die deutlichen Hinweise darauf, dass die Halbleiternachfrage dank KI sehr viel schneller steigt als lange angenommen. Das ist wichtig. Führende Halbleiterfirmen stellten schon vor Beginn der Rallye bis ins Jahr 2027 hinein hohe Gewinne in Aussicht. Aber die Anleger blieben zunächst skeptisch und fürchteten die Auswirkungen von KI auf den ROI.

Geändert hat sich dann alles durch das enorme Umsatzwachstum. Unsere Analysten schätzen, dass der Jahresumsatz des KI-Start-ups Anthropic (ohne Sonderfaktoren) von 9 Milliarden US-Dollar Ende 2025 auf 30 Milliarden US-Dollar im April 2026 stieg. Das wäre mehr als eine Verdreifachung in nur vier Monaten, mit 1 bis 2 Milliarden US-Dollar wöchentlichem Neugeschäft. Die Investitionspläne für 2027 sind jetzt im Wesentlichen bekannt und wurden nach oben revidiert. Offen bleibt aber, wie es 2028 weitergeht.

Mehr Chancenvielfalt

Seit Jahren ging es bei Halbleitern fast nur um das Training großer Sprachmodelle. Das ändert sich jetzt, auch wegen der neuen agentischen KI – also Anwendungen, die die Nutzerwünsche erfassen und danach handeln. Dazu sind neben modernsten Beschleunigern enorme Mengen an Standardbauteilen nötig.

Drei Arten von Bauteilen dürften dadurch sehr stark nachgefragt werden: Mit Speicherchips kann man weiter sehr viel verdienen, auch wegen struktureller Angebotsengpässe und der Preisgestaltung. Die Anbieter von Mikroprozessoren werden aber jetzt deutlich höher bewertet, weil agentische KI eine Zentraleinheit zur Steuerung der Beschleuniger und Anwendungen benötigt. Das ist Aufgabe des Mikroprozessors, also der CPU. Hinzu kommen analoge Halbleiter, weil die erforderlichen Datenzentren sehr viel Energie benötigen.

Agentische KI führt aber nicht nur zu einer höheren Nachfrage nach Chips, sondern auch nach anderen Bauteilen. Dazu zählen optische Sende- und Empfangsgeräte („Transceiver“) und Mehrschicht-Keramikkondensatoren. Diese Entwicklung haben wir in einer aktuellen Studie unter dem Titel Hardly Boring: Agentic AI Is Reinvigorating the Legacy Hardware Sector untersucht.

Vorsichtig, aber zuversichtlich

Wegen solcher harten Fakten sind wir heute optimistischer für den Halbleitersektor. Dennoch muss man sich die Marktentwicklung genau ansehen. Der starke Anstieg des SOXX war nicht einer generellen Kursrallye zu verdanken. Vielmehr wurde Kapital aus anderen Sektoren abgezogen.

Ein gutes Beispiel dafür sind Bankaktien. Trotz der positiven Gewinnrevisionen für 2026 und 2027 entwickeln sich Finanzwerte seit Beginn der Berichtssaison für das 1. Quartal weitgehend seitwärts, obwohl der SOXX um etwa 30% zulegte. Das hat zum Teil technische Gründe: Investmentfonds, die in Halbleitern untergewichtet waren, müssen umschichten. Hinzu kommen die Zinssensitivität und das Risikoverhalten der Anleger. Ein Belastungsfaktor ist auch, dass der Bankenausschuss des Senats bald über den CLARITY Act entscheiden wird. Er würde Stablecoins legalisieren und Nichtbanken das Zahlungsverkehrs- und das Depotbankgeschäft erlauben.

Ein anderes Thema ist die absehbare Konsolidierung der Plattformen. Viele Unternehmen trainieren parallel mehrere KI-Plattformen, sodass irgendwann eine Rationalisierung ansteht. Vermutlich werden aber am Ende mehrere Plattformen nebeneinander existieren, sodass weiterhin viele Halbleiter benötigt werden. Offen bleibt aber, ob das reibungslos geschieht.

Die Momentumindikatoren sind zurzeit extrem. 50% der Gewinne des S&P 500 von Ende März bis zum 6. Mai entfielen auf nur 28 Aktien, und manche Einzelwerte haben an einem einzigen Tag auch schon einmal 20% verloren. Wir sehen darin eher Chancen als Ausstiegssignale, sofern sich der KI-Ausbau nicht massiv verlangsamt.

Ist der Halbleiterboom also nachhaltig? Die Fundamentaldaten sprechen dafür. KI sorgt für eine hohe Nachfrage. Die Nutzung nimmt zu, und bis weit ins Jahr 2027 hinein sind neue Investitionen geplant. Die Entwicklung wird zwar nicht linear sein, aber die Richtung ist eindeutig.

Von Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer - Wealth bei Neuberger Berman

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