Die langfristigen KI-Gewinner werden wir 2026 wohl noch nicht kennen. Und doch hat sich die Marktstimmung in den letzten Monaten stark verändert. Auf KI-Euphorie folgte Vorsicht. Anleger differenzieren mehr und fragen sich, wie sehr die neue Technologie etablierte Geschäftsmodelle infrage stellt.
Der massive Einbruch von Technologiewerten in der letzten Woche, vor allem von Softwareaktien, aber auch von manchen Halbleiterwerten und Megatechs, zeigt die Anlegersorgen eindrucksvoll. Hinzu kamen nach schwachen Arbeitsmarktdaten Zweifel an der Konjunkturerholung in den USA.
Bis sich die Märkte am Freitag wieder etwas erholten, war die Markt-kapitalisierung der Technologiewerte in nur wenigen Tagen um Hunderte Milliarden Dollar gefallen. Besonders hart traf es Anbieter von Software-as-a-Service (SaaS). „SaaSpocalypse“ war das neue Schlagwort.
Nicht zum ersten Mal hatten solche Ängste zu einem Ausverkauf geführt. Diesmal war er aber besonders umfassend und heftig. Selten zuvor hatten die Märkte ähnlich negativ auf die KI-Transformation reagiert.
Die kreative Zerstörung nimmt Fahrt auf
Die rasante KI-Einführung würde nicht reibungslos verlaufen. Das schrieben wir schon öfter an dieser Stelle, aber auch gerade erst in Solving for 2026, wo wir die Investmentthemen für dieses Jahr vorstellten.
KI hat nicht nur Auswirkungen auf die Konjunktur – Inflation, Arbeitsmärkte und Wertpapierkurse. Wir rechnen mit einer außergewöhnlich intensiven kreativen Zerstörung. Weil sie verschiedene Unternehmen und Branchen treffen kann, müssen Anleger sehr viel selektiver werden.
Viele Investoren erwarten, dass sich solche Tendenzen jetzt beschleunigen. Das war der Auslöser für die heftigen Verkäufe von Technologiewerten in der letzten Woche, vor allem von Softwareaktien.
Konkret ging es um Fortschritte bei Programmierungstools und damit bei der Automatisierung vieler betrieblicher Prozesse, ob im Vertrieb oder in den Bereichen Recht, Finanzierung und Marketing. Anleger fürchteten, dass KI etablierten Softwarefirmen massiv schadet, vor allem bei der Anwendungs-programmierung. Vier der sieben Magnificent 7 wollen dieses Jahr deutlich mehr investieren, und im Vergleich zu anderen Technologieunternehmen sind die Gewinne von Softwarehäusern niedrig, was den Ausverkauf verstärkt haben dürfte. Nur gut 67% der Softwarefirmen im S&P 500 hatten bei Redaktionsschluss die Gewinnerwartungen übertroffen, aber 83% der Indexunternehmen insgesamt.
Der Ausverkauf war so stark, dass viele der seit Jahresbeginn schwächsten S&P-500-Aktien zum Softwaresektor oder verwandten Branchen zählen. Einige liegen nach der letzten Woche sogar schon um 25% oder mehr im Minus. Betroffen waren außerdem die Kredite und Anleihen dieser Unternehmen. Die gesamte Kapitalstruktur wurde in Mitleidenschaft gezogen. Anleger müssen jetzt wirklich aufpassen.
Bodenbildung
Die wichtigste Frage ist, wie lange Softwareaktien noch unter Druck stehen. Viel hängt davon ab, was der KI-bedingte Strukturwandel mit ihren Geschäftsmodellen macht. Werden Softwarehäuser ihre Preismacht einbüßen? Oder werden viele Anwendungen vielleicht sogar obsolet?
Wegen dieser fundamentalen Herausforderungen muss man die Aktien von Softwarehäusern und Softwaredienstleistern künftig wohl sehr genau beobachten. Manche Geschäftsmodelle könnten bald wirklich nicht mehr funktionieren. Und doch meinen wir, dass es um den Sektor nicht so schlecht steht, wie die Verkäufe der letzten Woche glauben machen.
Software wird nicht überflüssig. Durch KI entwickeln sich Gewinner und Verlierer aber weiter auseinander, was den Markt asymmetrischer macht. Manche etablierte Firmen werden scheitern, aber andere werden sich anpassen. Sie werden KI nutzen und durch Innovationen wettbewerbsfähiger. Für Anleger, die wirklich differenzieren können, ist das eine Chance.
Portfolioanpassung
Jetzt heißt es also wählerisch sein. Ein undifferenzierter Ausverkauf kann eine Chance sein – aber nur, wenn man in anpassungsfähige Unternehmen mit stabilen Fundamentaldaten investiert.
Kurzfristig sollten Anleger mit Veränderungen im Softwaresektor rechnen und nicht mit dessen Ende. Stabile Geschäftsmodelle und gute Finanzen sind wichtig, denn der Strukturwandel schadet vor allem den Schwachen.
Man sollte analysieren, ob das Angebot eines Unternehmens für wichtige betriebliche Prozesse unverzichtbar ist, etwa wegen zentraler Datenspeicher oder firmeneigenen operativen Know-hows. Dann scheinen weiter hohe Preise möglich, auch wenn die klassischen nutzerbasierten Abonnements nicht mehr gefragt sind. Wichtig ist auch, ob ein Unternehmen gut geführt ist und Datensicherheit ernst nimmt. Denn die Automatisierung geht weiter, und Fehler können dann noch teurer werden.
Im Softwaresektor könnte Cybersicherheit zu einem interessanten Thema werden. Aber auch hier muss man wählerisch sein, da Disruption nicht überall gleich wahrscheinlich ist. Alles in allem rechnen wir hier aber mit einer langfristig stabilen Nachfrage. Sie kann sogar weiter steigen, weil KI Cyber-angriffe erleichtert und die Risiken daher zunehmen. Einstweilen könnten Bereiche weiter interessant bleiben, die eine sichere KI-Nutzung ermöglichen. Dazu zählen Cybersicherheit, Daten-Governance und nicht zuletzt die Infrastruktur, ohne die eine umfassende KI-Nutzung nicht möglich ist.
Mit Anwendungen könnte man am Ende sehr viel Geld verdienen, aber es braucht Zeit für die Neuaufstellung, da sich Schnittstellen und Preismodelle ändern. Deshalb können die Kurse in diesem Bereich schwanken, auch wenn die Nachfrage insgesamt stabil bleibt.
Das Besondere suchen
Software wird nicht verschwinden. KI sorgt aber für mehr Differenzierung, was der Markt jetzt prüft. Das Ausmaß des Ausverkaufs kann erklären, warum er sich selbst verstärkte. Anleger nutzten Kursverluste nicht mehr für Käufe, sondern suchten nach einem Boden – denn die Fundamentaldaten sind noch zu schwach, um das Vertrauen wiederherzustellen.
Es geht jetzt weniger um den Zeitpunkt der Erholung, sondern um die Fragen, die der Einbruch aufgeworfen hat. Welche Geschäftsmodelle können Bestand haben, wenn die Automatisierung Arbeitsabläufe verändert, nutzerbasierte Abonnement- oder Lizenzmodelle verschwinden und Anwendungen anders genutzt werden als früher? Das sind die Faktoren, die die Ergebnisse asymmetrischer machen.
Geschäftsmodelle werden weiter auf die Probe gestellt. Anleger sollten auf Zweitrundeneffekte bei anderen Assetklassen achten, etwa bei Credits. Konsequente Differenzierung ist die Antwort. Software ist vielfältig, und die KI-Revolution produziert immer neue Gewinner und Verlierer.
Von Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer - Wealth bei Neuberger Berman
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