Für viele Amerikaner gibt es im März nichts Wichtigeres als die College-Basketballmeisterschaften – auch bekannt als „March Madness“. Nicht so dieses Jahr: Nach über vier Wochen Golfkrieg stehen Energiemärkte und weltpolitische Risiken im Blickpunkt.
Es überrascht, wie gut sich Risikotitel seit Kriegsbeginn gehalten haben – und das trotz der Konsequenzen für den Nahen Osten und der faktischen Schließung der für die Energieversorgung wichtigsten Meerenge der Welt.
Bei Redaktionsschluss war der MSCI ACWI Index seit dem 28. Februar um etwa 8% und seit Jahresbeginn um etwa 5% gefallen. Die US-Renditen sind um etwa 50 Basispunkte gestiegen, die Credit Spreads haben sich alles in allem nur wenig verändert.
Offensichtlich machen sich die Marktteilnehmer ein Bild von den zu erwartenden Entwicklungen und halten eine Entspannung für das wahrscheinlichste Szenario. Die Straße von Hormus ist politisch und wirtschaftlich einfach zu wichtig, um dauerhaft geschlossen bleiben zu können. Geholfen hat aber sicher auch, dass die Weltwirtschaft heute nicht mehr so stark vom Öl abhängig ist.
Eine Meerenge von weltweiter Bedeutung
Auch wenn die Wirtschaft energieeffizienter geworden ist, bleibt Öl wichtig. Jeden Tag passieren etwa 20 Millionen Barrel (20% der weltweiten Förderung) die Straße von Hormus, ebenso wie große Mengen an Helium, Flüssigerdgas (LNG), Raffinerieprodukten, Vorprodukten für die Petrochemie und Dünger. Die wirtschaftliche Bedeutung der Meerenge ist kaum zu überschätzen.
Entscheidend ist, wie lange sie faktisch geschlossen bleibt und wie knapp Energie am Ende sein wird. Selbst bei einem baldigen Waffenstillstand wird es noch Monate dauern, bis die Energieversorgung wieder das Vorkriegsniveau erreicht hat. Bei Redaktionsschluss schien die Förderinfrastruktur trotz einiger Zerstörungen, vor allem von Flüssigerdgasanlagen, noch weitgehend unversehrt.
Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges sind von Land zu Land unterschiedlich: Wer wie China, Europa, Indien und Japan mehr Energie importiert, ist stärker betroffen als die hier weitgehend autarken USA.
Am Terminmarkt erwartet man für den Dezember 2026 einen Preis von 76 US-Dollar je Barrel WTI und von 82 US-Dollar je Barrel Brent. Bei solchen Preisen rechnen wir nicht mit einem massiven Konjunktureinbruch oder einem drastischen Inflationsanstieg. Der Ölpreis müsste schon sechs oder zwölf Monate lang um die 150 US-Dollar notieren, damit die Weltwirtschaft massiv Schaden nimmt und beispielsweise das US-BIP um 1 sowie das Welt-BIP um 0,5 Prozentpunkte fällt. Die Kerninflation könnte dann um 0,25 bis 0,5 Prozentpunkte steigen, die Gesamtinflation einschließlich Energie sogar um 2.
Kriegswirren und viele Möglichkeiten
Eines steht fest: Noch wissen wir nicht, wie der Krieg ausgeht. Dem Vernehmen nach wird gerade verhandelt, aber wir rechnen vor einer dauerhaften Lösung noch mit vielen Irrungen und Wirrungen. Auf Gespräche dürften Waffenstillstandsverletzungen folgen – und dann wieder neue Gespräche.
Jetzt wollen die USA weitere Truppen an den Persischen Golf entsenden und die Aussetzung von Angriffen auf die iranische Infrastruktur bis zum 6. April verlängern. Beides zeigt, dass viel im Fluss ist. Das macht die Lage noch komplizierter.
Die wirtschaftlichen und strategischen Kosten einer längeren Schließung der Straße von Hormus sind aber enorm und treffen viele – die Meerenge ist nicht nur für die USA, sondern auch für Europa, China, Indien und Japan strategisch wichtig. Selbst der Iran, der die Meerenge zurzeit kontrolliert, ist auf den Ölexport angewiesen. Wir rechnen daher damit, dass man schnell zu einer Lösung kommt.
Und doch halten wir ein rasches, sauberes Ende des Krieges für unwahrscheinlich. Die USA müssen noch immer das Problem lösen, dass der Iran zwischen 400 und 500 Kilo hochangereichertes Uran besitzt, was für den Bau von zehn bis zwölf Atombomben reicht. Irans Regierung hat die Proteste im Land unterdrückt – aber wie lange wird ihr das angesichts der Kriegsschäden noch gelingen? All das spricht dafür, dass Öl noch länger teuer bleibt. Unberechenbare Akteure, militante iranische Verbündete und die ungelöste Machtfrage im Iran könnten bedeuten, dass eine Rückkehr zum Status quo vor dem Krieg in der Golfregion noch auf sich warten lässt.
Außerdem ist auch ein Zusammenbruch des Mullah-Regimes nicht zwangsläufig gut. Der Iran ist ein großes Land mit etwa 90 Millionen Einwohnern und tiefen Konflikten zwischen den verschiedenen Volksgruppen und Konfessionen. Wenn sie offen ausgetragen werden, könnte das die Stabilität der Region stärker gefährden als ein eingehegtes Regime, das keine Kernwaffen mehr hat.
Langfristig denken
Trotz der vielen Unsicherheiten raten wir, bei der langfristigen strategischen Asset-Allokation weiter Kurs zu halten. Vorübergehende Ausverkäufe aufgrund der unvermeidbaren Irrungen und Wirrungen sollte man als Kaufgelegenheit sehen – als Chance zum Positionsaufbau.
Höhere Risikoprämien sind zweifellos gerechtfertigt, zumal in diesem Krieg vieles möglich scheint. Diversifikation bleibt entscheidend. Wegen der stabilen Welt- und US-Konjunktur sowie des großen politischen Interesses an einer Entspannung rechnen wir aber schon bald wieder mit einem ähnlichen Produktivitätswachstum und nominalem Wirtschaftswachstum wie Anfang 2026. Man sollte daher jetzt nicht aussteigen, sondern investiert bleiben.
Von Joseph V. Amato, President und Chief Investment Officer – Equities, Neuberger Berman
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