CIO Weekly | 250 Jahre USA: Lehren für Anleger aus den letzten fünf Jahrzehnten

Ob beim Investieren oder in der Geschichte: Geduld und langfristiges Denken lohnen sich. Neuberger | 03.07.2026 08:42 Uhr
Erik Knutzen, Co-Chief Investment Officer – Multi-Asset Strategies und Jeff Blazek, Co-Chief Investment Officer – Multi-Asset Strategies, Neuberger Berman / © e-fundresearch.com / Neuberger Berman
Erik Knutzen, Co-Chief Investment Officer – Multi-Asset Strategies und Jeff Blazek, Co-Chief Investment Officer – Multi-Asset Strategies, Neuberger Berman / © e-fundresearch.com / Neuberger Berman

Die USA stehen vor einem wichtigen Meilenstein – ihrem 250. Jahrestag: Anlass zum Nachdenken über die Veränderungen der USA, der Welt und des Investierens seit dem 200. Jubiläum 1976. Heute ist die US-Wirtschaft so groß, produktiv und technologisch fortschrittlich wie nie zuvor. Und doch machen uns die unsichere Welt- und Wirtschaftslage sowie ihre Auswirkungen auf die Märkte Sorgen. Lassen Sie uns dieses Spannungsfeld näher untersuchen.

In den letzten zehn Jahren haben wir Ihnen zum Sommeranfang meist ein Buch über ein langfristig wichtiges Thema vorgestellt. 2019 war es „Factfulness“ von Hans Rosling. Seine wichtigste Botschaft: Die Menschheit hat enorme Fortschritte gemacht, die wir aber vielleicht nicht immer erkennen.

Objektiv betrachtet steht die Welt 2026 sehr viel besser da als vor 50 Jahren. Die Durchschnittseinkommen sind enorm gestiegen. Extreme Armut ist massiv zurückgegangen. Immer mehr Menschen haben Zugang zu Gesundheits-versorgung, Bildung und Elektrizität, und die Alphabetisierungsquote ist heute sehr viel höher.

Auch die US-Wirtschaft hat Fortschritte gemacht. 1976 hatten die USA mit massiver Stagflation, einer schweren Energiekrise und den Folgen von Watergate und Vietnamkrieg zu kämpfen. Die Zeiten waren nicht leicht, und kaum etwas sprach für US-Aktien. Doch in den folgenden 50 Jahren sind die USA enorm gewachsen. Das Pro-Kopf-Einkommen stieg, die Inflation ging zurück, man wurde unabhängiger von Energieimporten. In dieser Zeit legten die Aktienkurse so stark zu wie selten zuvor.

Die Marktkapitalisierung des S&P 500 stieg von etwa 660 Milliarden auf etwa 70 Billionen US-Dollar. 1976 war noch keines der heutigen Magnificent Seven an der Börse, heute sind sie alle mehrere Billionen US-Dollar wert. Das zeigt, wie dynamisch die Entwicklung war. US-Unternehmer schufen nicht nur enorme Werte für Anleger weltweit, sondern entwickelten auch bahnbrechende Technologien, die die Weltwirtschaft enorm veränderten.

Drei wichtige Portfolioentwicklungen seit 1976

Am 250. Jahrestag der USA befassen sich Anleger weniger mit den Veränderungen selbst als mit ihren Folgen. Hier sehen wir drei wichtige Entwicklungen:

Da ist zunächst die Benchmarkstruktur. Wer 1976 auf den S&P 500 setzte, investierte vor allem in Energie und zyklische Industriebranchen. Heute besteht der Index vor allem aus Technologieaktien, mit einem klaren Schwerpunkt auf KI. Durch die erwarteten Börsengänge etwa von SpaceX, Anthropic und OpenAI könnte ihr Anteil noch weiter steigen. Passives Investieren ist deshalb heute keineswegs mehr die Standardlösung, so sehr wie sich die Indizes verändert haben. Ohnehin war es 1976 noch kaum bekannt. Als John Bogle am 31. August 1976 den Vanguard Index Fund auflegte, sammelte er gerade einmal 11 Millionen US-Dollar ein. Kritiker sprachen von „Bogle’s Folly“.1 Heute werden Billionen in Fonds investiert, die eine Benchmark abbilden – die wiederum selbst das Ergebnis aktiver Entscheidungen ist. Passive Investoren müssen die strukturellen Veränderungen der Benchmarks genau beobachten.

Das zweite Thema betrifft Informationen und ihre Bewertung. 1976 kannten wir nicht viele Wirtschafts- und Marktdaten, und das Wenige, was wir wussten, war ungleich verteilt. Manche Anleger profitierten davon. Heute haben wir unzählige Daten, die noch dazu rasch verfügbar sind. Die Märkte reagieren schneller und sind effizienter. Mehr Informationen bedeuten mehr Input für Anleger, und durch KI wird es noch mehr. Nicht der Zugang zu Informationen verschafft aktiven Investoren heute Vorteile, sondern die Art, wie sie sie nutzen.

Die dritte Entwicklung ist die Diversifikation. Vor 50 Jahren entstanden viele Aktien- und Anleihenmärkte gerade erst oder waren Anlegern nicht zugänglich. Für Private Equity, Private Credit und liquide alternative Anlagen galt das erst recht. Heute haben diese Assetklassen einen wesentlichen Anteil an klug konzipierten Portfolios. 1976 waren ihre Risiko- und Ertragsprofile praktisch nicht nutzbar. Die Anleger von heute sind deshalb klar im Vorteil. Aber sie brauchen ein besseres Risikomanagement.

Heute wie damals: Schwache Staatsfinanzen, unsichere Weltlage

Aber nicht alles ist gut. In den USA sind die Staatsschulden in den letzten 50 Jahren von etwa 30% des BIP auf über 120% des BIP gestiegen, und das Haushaltsdefizit liegt mit 6% des BIP über den gut 4% von 1976.2 Viele Kennzahlen deuten auf eine zunehmende Einkommensungleichheit hin, und immer weniger Menschen können sich ein Eigenheim leisten. Die Politik ist sehr viel polarisierter geworden, und nach 50 Jahren Globalisierung scheinen wir jetzt eine Gegenbewegung zu erleben.

Das sind echte Belastungsfaktoren. Aber sie sind nicht neu, und sie beschränken sich auch nicht auf die USA. Viele Industrieländer haben ähnliche fiskalische und politische Probleme. Anleger müssen sie bei der Beurteilung von Chancen und Risiken berücksichtigen.

Investiert bleiben ist immer eine gute Idee

An den Herausforderungen gibt es nichts zu deuteln. Aber Anleger fanden schon immer Gründe, das Risiko zu scheuen – 2026 ist keine Ausnahme. Langfristig bestimmen menschlicher Erfindergeist, Kreativität und Produktivität die Finanzmärkte. Diese Faktoren ermöglichen Wirtschaftswachstum, steigende Unternehmensgewinne und damit auch höhere Aktienkurse und Vermögensaufbau, unabhängig vom täglichen Auf und Ab, das uns als Anleger sowieso nicht irritieren sollte. Ob KI-Revolution oder andere technologische Durchbrüche, ob Produktivitätsgewinne oder ein Unternehmergeist, der die USA und die Welt in den letzten 50 Jahren durch Disruption und Adaption so sehr vorangebracht hat – es gibt gute Gründe, für die nächsten 50 Jahre zuversichtlich zu sein. Seien wir also optimistisch, und zwar faktengestützt.

Von Jeff Blazek, CFA, CO-CIO, Multi-Asset Strategies & Erik L. Knutzen, CFA, CAIA, CO-CIO, Multi-Asset Strategies, Neuberger Berman

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