Die EZB hat sich aufgrund des Konflikts mit dem Iran von der ‚Forward Guidance‘ abgewandt. Angesichts der Unsicherheiten rund um die Straße von Hormus ist eine Prognose der Energiepreise schwierig. Daher haben sich die Währungshüter für einen Szenario-basierten Ansatz entschieden, der je nach Energiepreisentwicklung verschiedene geldpolitische Perspektiven aufzeigt und den Märkten so mehr Transparenz verschafft.
Steigende Energiepreise wirken in erster Linie wie eine Steuer auf die Wirtschaftstätigkeit im Euroraum – ein exogener Schock, der erst mit einer gewissen Zeitverzögerung durch Lohnerhöhungen ausgeglichen werden kann. Bislang sind keine Zweitrundeneffekte zu beobachten: Der Lohnindikator für den Euroraum weist einen Anstieg von 2,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf und liegt damit unter der als besorgniserregend geltenden Schwelle von 3 Prozent. Die EZB geht weiterhin davon aus, dass ein gewisses Maß an indirekter Inflation unvermeidbar ist. Die entscheidenden Unbekannten sind der Zeitpunkt, das Ausmaß und die Dauer.
Wir sind der Ansicht, dass die EZB bei ihrer Sitzung ein ‚hawkisches‘ Signal senden und die Möglichkeit einer weiteren Zinserhöhung im September ausdrücklich offenhalten wird, da noch keine Lösung für die Wiederöffnung der Straße von Hormus in Sicht ist. Sie dürfte jedoch an ihrem ‚datenabhängigen‘ geldpolitischen Kurs festhalten.
Die präventive Geldpolitik ändert nichts an den Renditeaussichten für Anleihen der Eurozone. Diese werden von den internen Fundamentaldaten der Eurozone bestimmt – welche durch eine schwache Konjunktur gekennzeichnet sind, insbesondere was die Investitionsausgaben betrifft. Tatsächlich verschärft die restriktive Geldpolitik die Investitionsschwäche noch weiter.
Wir sind der Ansicht, dass eine solche Geldpolitik der EZB nicht das Renditeniveau, sondern vielmehr die Form der Zinskurve beeinflussen dürfte: Es ist mit einer Abflachung der Kurve im Bereich zwischen den Laufzeiten von 2 und 10 Jahren zu rechnen. Wir kommen daher zu dem Schluss, dass Investitionen in kurzfristige Anleihen weniger interessant sind.
Von Patrick Barbe, Head of European Investment Grade Fixed Income bei Neuberger
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