Unter dem Titel „Lassen die Gewinne die Kurse weiter steigen?“ schrieben wir gerade erst über die Bedeutung der guten Zweitquartalszahlen für die Aktienmarktrallye.
Bis jetzt haben die Gewinne nicht enttäuscht. Bis zum 7. August hatten 415 S&P-500-Unternehmen ihre Zahlen vorgelegt. Davon übertrafen 88% die Erwartungen für den Gewinn je Aktie. Bereinigt um Sondereffekte, vor allem Buchgewinne bei Alphabet, Amazon und Microsoft, dürften die Gewinne um etwa 25% gestiegen sein.
Das war keineswegs nur einigen wenigen Mega Caps zu verdanken. Auch im Median legten die S&P-500-Gewinne so stark zu wie seit Jahren nicht mehr. Auch die Margen stiegen. Das EBITDA des S&P 500 betrug zuletzt etwa 19,8%, 231 Basispunkte mehr als vor einem Jahr. Insgesamt wurden im 2. Quartal zusammen fast 1,0 Billionen US-Dollar operative Gewinne erzielt.1
Da erstaunt es nicht, dass der S&P 500 letzte Woche auf ein neues Rekordhoch stieg.
Nicht nur in den USA
Die amerikanischen Unternehmensgewinne sind zwar kräftig gestiegen, aber auch in anderen Ländern sieht es gut aus. Deshalb sind wir in internationalen Aktien jetzt übergewichtet. Darüber berichteten wir in unseren aktuellen Quartalsausblicken, dem Asset Allocation Outlook und dem Equity Market Outlook. Vor allem Japan und die Emerging Markets machen Fortschritte.
Bis zum 7. August haben 66% der TOPIX-Unternehmen Zahlen vorgelegt, und sie sind gut: 71% haben die Gewinnschätzungen übertroffen, und insgesamt sind die Nettogewinne um etwa 64% z.Vj. gestiegen. Dazu beigetragen haben der hohe Anteil von Industrie-, Halbleiter- und KI-Werten, Governancereformen und nicht zuletzt die Politik mit höheren Ausgaben für Verteidigung und Schiffbau.
Ähnlich ist es in den Emerging Markets, die zyklischer sind und stärker von der weltweiten Industriekonjunktur abhängen. Die Gewinne je Aktie des MSCI Emerging Markets Index legten um 59% z.Vj. zu (Stand 7. August), vor allem wegen der KI-lastigen Märkte China, Korea und Taiwan, des hohen Industrie-anteils und des schwachen US-Dollar.
Eine Entwicklung hat an all dem wesentlichen Anteil: Das Verarbeitende Gewerbe legt bessere Zahlen vor, weil dieser Aufschwung kapitalintensiver ist – zum Nutzen von Ländern mit einem höheren Industrieanteil. An den US-Börsen ist der Industrieanteil hingegen geringer. Vor allem deshalb sind die Gewinne in Asien zuletzt stärker gestiegen als in den USA.
Kann Europa positiv überraschen?
All das war weitgehend erwartet worden. Überraschend war hingegen, dass Europa – wo wir untergewichtet sind – das höchste Gewinnwachstum seit Jahren verzeichnete.
78% der STOXX-600-Unternehmen hatten bis zum 7. August ihre Zweit-quartalszahlen vorgelegt. 63% übertrafen dabei die Erwartungen für den Gewinn je Aktie, und das im Schnitt um 5 Prozentpunkte. Dabei betrug der durchschnittliche Anstieg 23% z.Vj.
Den größten Anteil daran hatten Bank- und Halbleiterwerte. Aber auch Flugzeugbauer, diversifizierte Finanzunternehmen und Transportfirmen verzeichneten starke Zuwächse. All das spricht für eine umfassende Erholung der Gewinne, die sich keinesfalls auf eine einzige Branche beschränkt. Zur Vorsicht mahnt uns aber die Branchenstruktur: Ein Großteil des europäischen Gewinnwachstums entfällt 2026 auf Automobil- und Bankwerte. Viel wird künftig von der EZB abhängen; sie sollte nicht zu sehr straffen.
2008, 2011 und 2022 hatte die EZB ihre Zinsen zu früh oder zu spät erhöht. Viel hängt davon ab, dass sie es diesmal richtig macht. Notenbankchefin Christine Lagardes Worte waren zuletzt widersprüchlich. Nach dem Wiederaufflammen des Nahostkrieges äußerte sie sich eher scharf. Wenn die EZB aber keinen Fehler macht und die Öl- und Gaspreise nicht zu sehr steigen – Europas Konjunktur ist sehr energiesensitiv –, könnten die Unternehmens¬gewinne wirklich ordentlich zulegen. Anteil daran können günstige Kreditzinsen haben, aber auch eine bessere Marktstimmung.
Für zusätzliche Sicherheit sorgen die Bewertungen: Europäische Aktien notieren etwa beim 14,8-Fachen der erwarteten Gewinne, gegenüber dem 20-Fachen in den USA. Diesen Bewertungsabschlag kann man immer weniger ignorieren, wenn die Gewinne weiter steigen.
Momentum und Diversifikation
Die Herausforderungen für Europa sind nicht zu leugnen: schwaches Wachstum, konjunkturabhängige Gewinne, eine komplexe Politik, die Abhängigkeit vom Energiepreis. Kurzfristig spricht das eher gegen eine höhere Gewichtung. Aber die Gewinne stabilisieren sich zumindest etwas. Das stimmt uns positiv.
Wir sehen weiter gute Gründe für eine Übergewichtung der USA. Die aktuelle Gewinnsaison zeigt aber, dass eine hohe Konzentration auch ihre Schatten¬seiten hat. Auch in anderen Regionen sehen wir jetzt stabile und steigende Gewinne. Das ist eine echte Diversifikationschance und nicht nur eine Zahl.
In den USA mit ihren Mega Caps nimmt das Konzentrationsrisiko zu. Mit Investitionen in Märkten, in denen das Gewinnwachstum gerade erst an Breite gewinnt – Japan, ausgewählte Emerging Markets und vielleicht auch Europa –, lässt sich ein US-Portfolio sinnvoll ergänzen. Man wäre dann nicht mehr nur von den Gewinnen einiger weniger Unternehmen abhängig, sondern könnte wesentlich mehr Faktoren nutzen.
Von Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer - Wealth bei Neuberger
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1 JP Morgan Research.