CIO Weekly | Lassen die Gewinne die Kurse weiter steigen?

Angesichts der vielen Makrorisiken setzen Anleger fast ausschließlich auf steigende Unternehmensgewinne. Für Enttäuschungen ist da kein Platz. Neuberger | 23.07.2026 13:05 Uhr
Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer - Wealth bei Neuberger / © e-fundresearch.com / Neuberger
Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer - Wealth bei Neuberger / © e-fundresearch.com / Neuberger

Viele Anleger hoffen auf neue und vielleicht noch klarere Anzeichen dafür, dass der KI-Superzyklus die Unternehmensgewinne und damit auch die Aktienkurse weiter steigen lässt. Die Berichtssaison für das 2. Quartal ist daher wichtiger denn je.

Für die jüngste Eskalation im Nahen Osten interessieren sie sich dagegen kaum, ebenso wenig wie für den Inflationsrückgang in den USA – von 4,2% im Mai auf 3,5% im Juni bzw. 2,9% auf 2,6% bei der Kernrate – oder die schwerer einschätzbare Geldpolitik unter dem neuen Notenbankchef. Ihnen geht es fast nur um die Unternehmensgewinne.

Bei Zahlen wie diesen kann in der Tat viel auf dem Spiel stehen. Man rechnet damit, dass die Gewinne der S&P-500-Unternehmen um mehr als 20% z.Vj. steigen, so stark wie zuletzt vor etwa vier Jahren. Im Median legen sie aber nur um 8% zu. Die Differenz hat vor allem mit einigen wenigen Technologie¬riesen und Speicherchipherstellern zu tun.

Fehleinschätzungen können deshalb leicht große Verluste zur Folge haben. Wenn das Gewinnwachstum nur von wenigen Unternehmen getragen wird und man von ihnen immer wieder außergewöhnliche Zahlen erwartet, kann jede Enttäuschung oder jedes Anzeichen dafür, dass die anderen nicht auf¬schließen, die Rallye aus dem Takt bringen. Denn sie beruht ausschließlich auf steigenden Gewinnen und nicht auf steigenden Bewertungen.

Viele Anleger geben zwar zu, dass die Kurse fallen können, aber handeln nicht danach. Die alljährlichen Portfolioumschichtungen institutioneller Investoren, die Aktien gerade zur Jahresmitte oft belasten, hielten sich diesmal eher in Grenzen. Vielleicht zeigt das schon, wie stark Anleger noch immer auf steigende Gewinne setzen.

Gut ist nicht gut genug

Die hohe Marktkonzentration ist gut und schlecht zugleich. Letzte Woche sahen wir das besonders deutlich. Als Erstes legten die großen US-Banken ihre Zahlen vor. Sie waren sehr gut, bewegten den Markt aber kaum. Auf die Warnung von IBM, dass Umsätze und Gewinne die Erwartungen verfehlen könnten, reagierte er dann aber heftig: Die Aktien des Technologie- und Consultingunternehmens fielen um fast 25%, der größte Tagesverlust aller Zeiten.

Dieser Gegensatz ist die eigentliche Story. Bei guten Zahlen passiert nicht viel, aber eine einzige enttäuschende Zahl kann die Stimmung einbrechen lassen. Plötzlich ist dann alles anders. Wenn wie in dieser Berichtssaison die Erwartungen fast jeden Tag steigen, erleben wir eine schwierige Asymmetrie: Gute Zahlen ändern wenig, aber jede Enttäuschung löst eine heftige Reaktion aus. Das nächste Quartal könnte schwierig werden.

Warum die Marktbreite so wichtig ist

Bei einer solchen Asymmetrie zählt nicht nur Stärke, sondern auch Breite. Die Hyperscaler und Speicherchiphersteller, die im 2. Quartal so erfolgreich waren, zeigen erste Schwächezeichen. Gerade bei Speicherchipherstellern erlebten wir in den letzten Wochen große Schwankungen. Wenn es dabei bleibt, könnten Anleger wieder in die Magnificent 7 umschichten. Dann würde die Konzentration wieder zunehmen, obwohl das Gegenteil gut wäre.

Am Markt kann man nicht ernsthaft erwarten, dass dieselbe Handvoll Unternehmen die Kursentwicklung weiter allein trägt. Damit die Gewinne auch in der zweiten Jahreshälfte eine ausreichende Basis haben, muss die Marktbreite zunehmen, weit über die Hyperscaler und andere KI-nahe Sektoren wie Hardware und Datenzentren hinaus. Der Markt muss insgesamt zulegen. Wenn nicht, könnte selbst ein generell hohes Gewinnwachstum die Anleger nicht zufriedenstellen.

Ohnehin sind die Gewinne nicht alles. Selbst wenn sie bis zum Ende der Berichtssaison den Erwartungen entsprechen, stehen uns jetzt acht traditionell volatile Wochen bevor, in denen die Kurse oft stark auf Äußerungen der Notenbanken reagieren. Die jüngsten Wortmeldungen der Fed – von Lisa Cook, Christopher Waller und John Williams – haben bereits gezeigt, wo Risiken sind. Die Finanzbedingungen sind etwas straffer geworden. Die Unternehmensgewinne mögen die Märkte noch durch den Juli tragen, aber in der zweiten Jahreshälfte könnte ein neuer Ton bei der Fed zum wichtigsten Risiko werden.

Was bedeutet das für die Positionierung?

In unserem jüngsten Asset Allocation Outlook mit dem Titel Bei einem breiteren KI-Zyklus investiert bleiben berichteten wir über die anhaltende Über¬gewichtung internationaler Aktien und amerikanischer Large Caps, begründet mit höheren Unternehmensgewinnen auf breiterer Front.

Wichtig scheint uns daher, investiert zu bleiben, aber auch selektiv zu sein. Eine Kernposition in amerikanischen Large Caps halten wir noch immer für sinnvoll. Empfehlenswert scheinen uns aber Umschichtungen in Sektoren, die von einem breiteren Gewinnmomentum profitieren können – Industrie-, Versorger- und Infrastrukturwerte, denen der KI-Boom nützt –, statt nur auf die Gewinner des letzten Quartals zu setzen.

Mit dem 20-Fachen der erwarteten Gewinne scheinen die Bewertungen noch immer nicht übertrieben; schließlich legen die Unternehmensgewinne kräftig zu. Für Enttäuschungen ist aber kaum Raum. Da könnte es bald nicht mehr reichen, wenn die Gewinne die Erwartungen lediglich erfüllen. Sie müssen auch bei anderen Unternehmen steigen und nicht nur bei den wenigen Mega Caps, wo wir schon jetzt erste Schwächezeichen sehen. Vielleicht ist gut bald nicht mehr gut genug.

Jetzt kommt das Quartal, in dem der KI-Boom und die darauf beruhende Rallye mehr als eine Story sein müssen. Jetzt sind Beweise gefragt.

Von Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer - Wealth bei Neuberger

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