Während die Jahre 2023–2025 von Modelldurchbrüchen und dem Aufstieg der KI‑Cloud geprägt waren, wird die nächste Phase des KI‑Zyklus unserer Einschätzung nach von der Umsetzung bestimmt sein – in Geräten, Netzwerken, Fabriken, Energiesystemen, Verteidigungs‑ und Luftfahrttechnik, medizinischen Geräten und im Alltag. Der KI‑Superzyklus steht noch am Anfang. Genau hier sehen wir Europas besondere Stärke.
Die Welt bewegt sich auf den nächsten großen Durchbruch im Verbrauchermarkt zu. Mehrere große Plattformunternehmen sowie eine Welle spezialisierter Hardware‑Innovatoren liefern sich bereits jetzt ein Rennen um diese nächste Entwicklungsstufe.
Noch bevor diese neue Stufe erreicht wird, wächst die zugrunde liegende KI‑Infrastruktur in einem außergewöhnlichen Tempo. Die weltweite GPU‑Kapazität muss sich verfünffachen, allein um den aktuellen Trend zu bedienen. Der Token‑Verbrauch (die Nachfrage) verdoppelt sich alle zwei bis drei Monate, während die globalen Investitionen in Foundry‑Kapazitäten (das Angebot) nur um etwa 20% pro Jahr steigen. Dieses anhaltende Ungleichgewicht treibt KI‑Investitionen in Billionenhöhe an. Trotz des starken Ausbaus von Rechenzentren in den USA bleibt die Welt gemessen an der erwarteten KI-Entwicklung weiterhin unterversorgt.
Gleichzeitig verlagert sich KI zunehmend aus dem Rechenzentrum heraus. Telekommunikationsausrüster integrieren fortschrittliche Prozessoren in die nächste Generation von 5G‑/6G‑Basisstationen. Das markiert den Aufstieg von „Edge‑KI“ und ermöglicht günstigere und schnellere Inferenz direkt in der Nähe der Endnutzer.
Europa spielt bei dieser Entwicklung unserer Meinung nach eine Schlüsselrolle: Hier sitzen weltweit führende Unternehmen für Netzwerktechnik, Halbleiterfertigungsanlagen und industrielle Automatisierung – und wir sehen in ihnen das Rückgrat dieser neuen Infrastruktur.
Genau deshalb ist Europa unserer Ansicht nach für den KI‑Wandel weitaus bedeutender, als der Markt derzeit erkennt. Die fortgeschrittenen Fertigungsunternehmen und industriellen Ökosysteme Europas machen die KI‑Revolution überhaupt erst physisch möglich. Europäische Maschinen ermöglichen modernste Chipproduktion. Europäische Telekommunikationsinfrastruktur ermöglicht KI am Netzwerkrand. Europäische Industrie‑Automatisierungstechnologien ermöglichen es KI, in Fabriken, Logistik, Energienetze, medizinische Geräte und moderne Mobilitätslösungen vorzudringen.
Der „Kontinent der Fertigung“ verbindet diese industrielle Tiefe mit einem regulatorischen und fiskalischen Rahmen, der digitale Souveränität, resiliente Infrastruktur und Energieunabhängigkeit priorisiert. Wir sind überzeugt, dass Europa ein grundlegender Baustein der globalen KI‑ und Elektrifizierungs‑Wertschöpfungskette ist – nicht nur eine oft günstigere Alternative zur US‑Technologieausrichtung.
Das Jahr 2026 markiert zudem den Beginn einer fiskalischen Aktivierung in ganz Europa. Deutschlands geplantes Infrastrukturprogramm in Höhe von 500 Mrd. € ist das bedeutendste seit der Wiedervereinigung und könnte das Wachstum der Eurozone bereits in diesem Jahr um 0,4–0,5 Prozentpunkte erhöhen ‑ mit spürbareren Effekten ab Mitte/Ende 2026, wenn Investitionen in der Realwirtschaft ankommen.
Wir sehen bereits erste klare Anzeichen: vollere Auftragsbücher im Verteidigungssektor, eine zunehmend dynamische Nachfrage nach Netzausbau sowie verbesserte Preisentwicklung bei energieeffizienten Baumaterialien. Dieses Umfeld schafft eine mehrjährige Planungssicherheit für Unternehmen in den Bereichen Elektrifizierung, Energieversorgung von Rechenzentren, Automatisierung und kritische Hardware-Lieferketten. Europäische Unternehmen haben das vergangene Jahrzehnt weitgehend damit verbracht, effizienter und schlanker zu werden – nun sind sie wieder in der Lage, zu wachsen.
Von Anis Lahlou, CIO European Equities bei Aperture Investors (Teil von Generali Investments)
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