Viele Anleger setzen Anleihen aus Schwellenländern mit einem höheren Risiko gleich: Die Ratings sind niedriger, die Volatilität höher, und oft dominieren politische Unsicherheiten die Schlagzeilen. Diese Wahrnehmung wird der weitaus differenzierteren Realität nicht gerecht: Schwellenländer sind keine homogene Anlageklasse, und Bonitätsratings spiegeln nicht immer das tatsächliche zugrunde liegende Risiko einer Anlage wider. Viele Unternehmen verfügen über stärkere Fundamentaldaten als ihre Heimatländer vermuten lassen. Da Unternehmensratings häufig durch das Länderrating begrenzt werden, entstehen Bewertungsdiskrepanzen zwischen wahrgenommenem und tatsächlichem Risiko.
- Ägypten liefert hierfür ein anschauliches Beispiel. Eine rein makroökonomische Bewertung könnte auf eine hohe Wahrscheinlichkeit einer Umschuldung hindeuten. Eine umfassendere geopolitische Analyse verdeutlicht jedoch die strategische Bedeutung des Landes für die regionale Stabilität und die starken Anreize für die Golfstaaten, finanzielle Unterstützung zu leisten.
- Im Energiesektor sehen wir weiterhin Wertpotenzial bei ausgewählten Ölfelddienstleistern, Raffinerie- und Infrastrukturunternehmen in Südamerika und Ostafrika – Regionen, die von wachsenden Investitionsströmen profitieren und gleichzeitig weniger direktem Wettbewerb durch Produzenten aus dem Nahen Osten und Russland ausgesetzt sind.
- Lateinamerika bleibt im Fokus: Chancen bestehen unter anderem durch anlaufende Umschuldungen in Venezuela, Brasilien und Mexiko, auch Argentinien und Kolumbien bieten ausgewählte Chancen.
- In der Ukraine arbeiten trotz des anhaltenden Krieges viele Unternehmen weiterhin erfolgreich, kommen ihren finanziellen Verpflichtungen nach und erzielen solide Cashflows. Der Pessimismus einzelner Bewertungen steht in keinem Verhältnis zur betrieblichen Realität.
- Senegal steht vor erheblichen finanzpolitischen Herausforderungen. Angesichts der strategischen Bedeutung des Landes in Westafrika ist jedoch davon auszugehen, dass ein etwaiger Umschuldungsprozess so gestaltet werden könnte, dass die finanzielle Stabilität und der soziale Zusammenhalt gewahrt bleiben – mit möglicherweise günstigeren Ergebnissen, als es der aktuelle Marktpreis vermuten lässt.
- Brasilien steht exemplarisch für die Komplexität der Schwellenländer: Das Land profitiert vom aktuellen Rohstoffzyklus und einem vergleichsweise großen heimischen Kapitalmarkt. Gleichzeitig belasten hohe Realzinsen, steigende Staatsverschuldung und politische Fragmentierung das Wachstum. Entscheidend für Anleger ist vor allem die Fähigkeit der nächsten Regierung, Reformen umzusetzen.
Die zunehmende wirtschaftliche und politische Divergenz zwischen den Schwellenländern spricht gegen passive Anlagestrategien. Für aktive Fondsmanager bieten Marktineffizienzen und differenzierte Fundamentalanalysen weiterhin attraktive Renditechancen.
Von Stefan Benedetti, Senior Portfolio Manager Distressed, High Yield Debt, bei Plenisfer Investments, Teil von Generali Investments
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