Krisen, Ölpreis, Nervosität: Vom Lärm der Welt und der Geduld des Kapitals

Die jüngsten Spannungen im Nahen Osten haben Ölpreise und Märkte spürbar in Bewegung versetzt. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Geopolitische Schocks wirken oft kürzer, als es in Krisenmomenten scheint. Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt von Eyb & Wallwitz, erklärt, warum Ruhe und langfristiges Denken jetzt wichtiger sind denn je und wie Anleger die aktuelle Volatilität einordnen sollten. Eyb & Wallwitz | 04.03.2026 11:31 Uhr
Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz / © e-fundresearch.com / Eyb & Wallwitz
Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz / © e-fundresearch.com / Eyb & Wallwitz

Der Angriff auf Iran und die teilweise Sperrung der Straße von Hormus haben zuletzt zu steigenden Ölpreisen, Kursrücksetzern und erhöhter Volatilität an den Märkten geführt. Doch wie ernst ist die Lage für Anleger einzuschätzen? Die kurze Antwort lautet: Ja, die Ereignisse sind bedeutsam. Historisch betrachtet gibt es aber gute Gründe für eine ruhige Einordnung.

Was die Geschichte uns lehrt

Geopolitische Schocks führen regelmäßig zu abrupten Marktbewegungen – doch sie wirken selten langfristig. Beispiele reichen vom Irak-Kuwait-Konflikt 1990 über den 11. September 2001 bis zum Arabischen Frühling. In all diesen Fällen stiegen zwar kurzfristig die Energiepreise, während Aktienmärkte nachgaben. Doch innerhalb weniger Monate setzten Normalisierungstendenzen ein und die Märkte fanden zu ihrem vorherigen Trend zurück.

Warum ist das so?

Ölmarktmechanismen wirken stabilisierend. Öl ist fungibel, global handelbar und die Produktion kann flexibel ausgeweitet werden. Politisch motivierte Ausfälle werden häufig durch andere Förderländer oder strategische Reserven ausgeglichen. Auch alternative Transportwege mindern dauerhafte Engpässe.

Unternehmensmodelle bleiben robust. Die großen strukturellen Wachstumstreiber wie Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Infrastrukturinvestitionen und die demografische Entwicklung werden durch regionale geopolitische Ereignisse kaum beeinträchtigt. Ein Softwareanbieter, ein Medizintechnologieunternehmen oder ein Infrastrukturentwickler ändert ihre Ertragskraft nicht dadurch, dass kurzfristig der Ölpreis schwankt.

Kurz: Politische Börsen haben kurze Beine und die globalisierte Wirtschaft zeigt sich regelmäßig widerstandsfähiger, als es in Krisenmomenten scheint.

Volatilität als Begleiter und Chance

Erhöhte Schwankungen fühlen sich unangenehm an, sind aber ein normaler Teil des Marktgeschehens. Historisch wurden in Phasen großer Unsicherheit oftmals die attraktivsten langfristigen Renditen erzielt – gerade weil viele Anleger in solchen Momenten zu emotionalen Entscheidungen neigen. Wer besonnen bleibt, profitiert häufig davon, dass Märkte nach Überreaktionen wieder zu Fundamentaldaten zurückfinden.

Aussichten für Anleger

Für Anleger lässt sich die aktuelle Lage in drei grundsätzliche Empfehlungen übersetzen:

  1. Ruhe bewahren.
    Geopolitische Ereignisse lösen kurzfristige Bewegungen aus, führen aber selten zu strukturellen Marktverwerfungen. Diversifizierte Portfolios sind grundsätzlich darauf ausgelegt, solche Phasen abzufedern.
  2. Langfristig denken.
    Wer für mehrere Jahre investiert, sollte kurzfristige Preissprünge bei Energie oder temporäre Korrekturen einordnen können. Entscheidend für die Wertentwicklung bleiben Produktivität, Innovation und Unternehmensgewinne – nicht die Nachrichtenlage einzelner Wochen.
  3. Chancen erkennen, wenn Märkte überreagieren.
    Sollte es zu weiteren Rücksetzern kommen, eröffnen sich erfahrungsgemäß Einstiegsmöglichkeiten. In der Vergangenheit wurden die besten Investments selten in Phasen der Euphorie, sondern in Momenten der Verunsicherung getätigt.

Der Blick nach vorn

Wie sich die Lage im Nahen Osten entwickelt, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Eine schnelle Deeskalation ist ebenso möglich wie eine zwischenzeitliche Verschärfung. Was jedoch verlässlich bleibt, ist die Erfahrung: Die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte haben schon größere Spannungen überstanden und sind resilient daraus hervorgegangen.

Von Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz

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