Berichtssaison: KI-Euphorie trifft auf spätzyklische Signale

Die laufende Berichtssaison fällt ungewöhnlich stark aus: Gewinne und Umsätze wachsen deutlich, vor allem im US-Markt. Gleichzeitig konzentriert sich die Dynamik auf KI-nahe Geschäftsmodelle und die zugehörige Infrastruktur. Neben dem anhaltenden Investitionsschub mehren sich jedoch auch Hinweise auf ein spätzyklisches Marktumfeld. Ingo Koczwara, Portfoliomanager von Eyb & Wallwitz, ordnet die aktuellen Entwicklungen ein. Eyb & Wallwitz | 01.06.2026 09:44 Uhr
Ingo Koczwara, CFA Portfoliomanager bei Eyb & Wallwitz / © e-fundresearch.com / Eyb & Wallwitz
Ingo Koczwara, CFA Portfoliomanager bei Eyb & Wallwitz / © e-fundresearch.com / Eyb & Wallwitz

Die Zahlen zum ersten Quartal fielen vor allem in den USA außergewöhnlich stark aus. Im S&P 500 stiegen die durchschnittlichen Umsätze der Unternehmen um 11,2 Prozent, das Gewinnwachstum pro Aktie lag bei 18,2 Prozent. Auch die großen Technologiewerte konnten ihre Gewinne deutlich steigern und bestätigten damit den Eindruck einer insgesamt robusten Unternehmenslage. Gleichzeitig zeigt sich aber eine hohe Konzentration: Ein großer Teil der Marktperformance entfällt auf wenige KI-nahe Chipwerte, während andere Bereiche deutlich weniger zum Aufwärtstrend beitragen. Während der IT-Sektor seit Jahresanfang stark zulegte, entwickelten sich Sektoren wie Finanzwerte oder Pharma erheblich schwächer. Diese Divergenz ist bemerkenswert, weil sie zeigt, dass die positive Marktstimmung nicht gleichermaßen auf breiter Front getragen wird, sondern vor allem dort entsteht, wo Investoren besonders stark auf strukturelles Wachstum und künftige Skaleneffekte setzen.

KI-Investitionen treiben Infrastruktur und Bewertungen

Der Markt bewertet die Investitionen in Künstliche Intelligenz zunehmend differenziert. Während Unternehmen wie Alphabet, Microsoft und Apple mit ihren Zahlen überzeugten, fielen die Reaktionen bei Meta und Amazon verhaltener aus. Dort standen weniger die kurzfristigen Umsatzimpulse im Vordergrund als vielmehr die Frage, wie belastbar die Ertragsdynamik angesichts stark steigender Investitionsausgaben bleibt. Genau darin zeigt sich eine wichtige Verschiebung: Der Markt honoriert nicht jede KI-Erzählung gleichermaßen, sondern unterscheidet zunehmend zwischen den Unternehmen, die den Investitionszyklus finanzieren, und jenen, die unmittelbar von ihm profitieren. Der eigentliche Kapitalzufluss richtet sich derzeit vor allem auf die digitale Infrastruktur. Chip-Hersteller sowie Anbieter von Hardware und Netzwerktechnik profitieren davon, dass die großen Cloud-Anbieter massiv in Rechenleistung, Rechenzentren und den Ausbau ihrer Plattformen investieren. Damit verschiebt sich ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung entlang der KI-Kette hin zu den Unternehmen, die die physische und technische Grundlage dieser Entwicklung bereitstellen. Für den Markt entsteht daraus eine neue Logik: Nicht nur die sichtbarsten KI-Anwendungen stehen im Fokus, sondern zunehmend auch die Unternehmen, die die Voraussetzungen für deren Skalierung schaffen.

Spätzyklische Signale bleiben sichtbar

Trotz der starken Gewinnentwicklung mehren sich Anzeichen für ein spätzyklisches Umfeld. Das Konsumentenvertrauen ist rückläufig, geopolitische Risiken bleiben präsent, und die Zinsen – insbesondere am langen Ende – sind hoch geblieben. Gerade diese Kombination ist für die Märkte relevant: Auf der einen Seite stehen starke Unternehmenszahlen und hohe Investitionserwartungen, auf der anderen Seite ein Finanzierungsumfeld, das weniger unterstützend wirkt als in früheren Aufschwungphasen. Hinzu kommt ein enger, stark momentumgetriebener Markt, in dem passive Kapitalströme bestehende Trends zusätzlich verstärken und Bewertungsunterschiede weiter vergrößern können. Als weiteres Warnsignal gilt, dass sehr große Börsengänge in der Pipeline stehen. Wenn hoch bewertete Marktführer oder wachstumsstarke Technologieunternehmen zu Spitzenbewertungen an den Kapitalmarkt drängen, erinnert das an vergangene späte Phasen eines Zyklus, in denen viel Optimismus bereits in den Kursen enthalten war. Noch ist das kein unmittelbares Warnsignal für eine Trendwende, wohl aber ein Hinweis darauf, dass die Marktphase reifer geworden ist und anfälliger auf Enttäuschungen reagieren könnte.

Aussichten für Anleger

Für Anleger spricht vieles dafür, an den strukturellen KI-Trends beteiligt zu bleiben, ohne die Risiken einer fortgeschrittenen Marktphase zu unterschätzen. Entscheidend ist ein selektiver Ansatz entlang der gesamten Wertschöpfungskette: von den großen Plattformanbietern über Chipproduzenten bis hin zu Infrastrukturunternehmen. Gerade weil sich die Marktgewinne derzeit auf relativ wenige Titel konzentrieren, dürfte die Qualität der Einzelselektion an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig erscheint es sinnvoll, nicht mit maximalem Risiko in einen Markt zu gehen, der von hohen Erwartungen, enger Marktbreite und spätzyklischen Mustern geprägt ist. Das Umfeld bleibt chancenreich, verlangt aber eine Positionierung mit Augenmaß. Wer strukturelles Wachstum nutzen will, sollte deshalb nicht nur auf die sichtbarsten Gewinner des KI-Booms setzen, sondern auch darauf achten, wie nachhaltig Geschäftsmodelle, Margen und Investitionsdynamik tatsächlich sind.

Von Ingo Koczwara, CFA, Portfoliomanager bei Eyb & Wallwitz

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