Paradigmenwechsel: Warum Konsumaktien ihre defensive Rolle verlieren

Das globale Konsumumfeld hat sich spürbar verändert: Wachstum, Margen und Bewertungen geraten unter Druck. Und viele klassische Konsumtitel können ihre Rolle als defensiver Portfoliobaustein nicht mehr automatisch erfüllen. Warum Anleger nun genauer hinschauen müssen, erklären Chefvolkswirt Dr. Johannes Mayr und Portfoliomanager Ingo Koczwara von Eyb & Wallwitz. Eyb & Wallwitz | 27.07.2026 10:46 Uhr
Ingo Koczwara, Portfoliomanager und Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz / © e-fundresearch.com / Eyb & Wallwitz
Ingo Koczwara, Portfoliomanager und Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz / © e-fundresearch.com / Eyb & Wallwitz

In ein ausgewogenes Aktienportfolio gehören defensive Aktien. Lange Zeit führte dieser Gedanke fast automatisch zu klassischen Konsumgüterherstellern: Lebensmittel, Getränke, aber auch viele Haushaltsprodukte gelten als Güter des täglichen Bedarfs, deren Nachfrage auch in schwierigeren Konjunkturphasen vergleichsweise stabil bleibt. Anders als bei zyklischen Konsumwerten, etwa Autos, Möbeln oder Luxusgütern, deren Nachfrage historisch schon immer eng am Konjunkturverlauf hängt. Doch auch dieser defensive Bereich des Sektors spielt aktuell nur eine untergeordnete Rolle. Ein Grund: Das Konsumumfeld hat sich in den vergangenen Jahren insgesamt deutlich verändert sowohl makroökonomisch und unternehmensseitig, und damit auch mit Blick auf die Rolle des Konsums in der Portfoliokonstruktion.

Globales Konsumwachstum verliert an Tempo

Aus makroökonomischer Perspektive hat sich das Konsumwachstum weltweit verlangsamt. Das globale Tempo ist von rund drei Prozent bis ins Jahr 2024 auf derzeit etwa zwei Prozent zurückgegangen. Damit ist rund ein Drittel der früheren Dynamik weggefallen. Auffällig ist, dass diese Entwicklung in allen drei großen Wirtschaftsräumen sichtbar wird: in den USA, in Europa und in China.

Konsumgüterhersteller zwischen Kosten- und Preisdruck

Auch auf Unternehmensebene ist der Konsumsektor schwieriger geworden. Früher galten große Konsumgüterhersteller als stabile Schiffe im Portfolio. Inzwischen stehen  viele Geschäftsmodelle jedoch von mehreren Seiten unter Druck. Ein wesentlicher Faktor sind die stark gestiegenen Erzeugerpreise seit der Hochinflationsphase. Höhere Produktionskosten lassen sich nicht ohne Weiteres vollständig an die Endverbraucher weitergeben. Ein Grund ist sicher die erhöhte Preissensitivität vieler Konsumenten infolge des Inflationsschocks ab 2022. Die Margen vieler Unternehmen geraten dadurch unter Druck.

Hinzu kommen Handelsdisruptionen und regionale Unsicherheiten, etwa im Nahen Osten. Selbst von bereits niedrigen Bewertungsniveaus aus haben einzelne Konsumwerte weiter deutlich verloren. Das zeigt: Den gesamten Sektor pauschal als defensiven Baustein zu kaufen, funktioniert nicht mehr so zuverlässig wie früher.

Innovation entscheidet stärker über Qualität

Ausnahmen gibt es natürlich. Entscheidend ist dabei , inwiefern  Unternehmen in der Lage sind, sich durch Innovationen neu zu erfinden. Coca-Cola etwa steht nicht mehr nur für klassische Limonade, sondern hat sein Portfolio unter anderem durch Innocent Smoothies und Fairlife erweitert. Fairlife, ein Geschäft mit Protein- und Molkeshakes in den USA, erzielt rund drei Milliarden US-Dollar Umsatz pro Jahr. Auch die Tabakindustrie zeigt, dass Innovationen Geschäftsmodelle verändern können: Nach Jahren schwacher Entwicklung haben neue Produkte wie Vaporizer einzelnen Unternehmen neue Perspektiven eröffnet.

Für Anleger bedeutet das: Stockpicking wird wichtiger. Nicht der breite Konsumsektor steht im Fokus, sondern einzelne Unternehmen, die Preissetzungsmacht, Innovationsfähigkeit und ein tragfähiges Geschäftsmodell verbinden.

US-Konsum hängt stärker an den Finanzmärkten

Eine weitere und für Investoren sehr relevante Veränderung im Konsum zeigt sich mit Blick auf  die Entwicklung in den USA. Dort hat sich nicht nur das Konsumtempo verlangsamt, sondern auch die Finanzierung der Konsumausgaben verschoben. Eine ökonometrische Konsumfunktion zerlegt die Ausgaben der Haushalte nach Finanzierungsquellen: klassisches Lohneinkommen, eine niedrigere Sparquote und eine höhere Kreditaufnahme sowie der Konsum aus Vermögen, etwa aus steigenden Aktienkursen oder höheren Immobilienpreisen.

Seit 2019 hat sich dieses Verhältnis massiv verändert. In den vergangenen drei Jahren wurde fast das gesamte Wachstum des US-Konsums aus den Finanzvermögen finanziert. Damit hängt der amerikanische Konsum stärker an der Entwicklung der Kapitalmärkte. Für Konsumtitel verändert das ihre Rolle im Portfolio: Sie sind nicht mehr automatisch ein Gegenpol zu hoch bewerteten, stärker schwankenden Sektoren, sondern können selbst stärker mit der Finanzmarktentwicklung korrelieren.

Gerade diese Korrelation schwächt ihre einst defensive Rolle. Defensive Konsumwerte sollten eigentlich dann Stabilität bringen, wenn andere Sektoren, etwa Technologie, nachgeben. Wenn der Konsum selbst aber stärker von Vermögenspreisen und damit indirekt von denselben Marktfaktoren abhängt, kann diese Funktion eingeschränkt sein. Für die Portfoliokonstruktion bedeutet das, dass Anleger genauer prüfen müssen, was tatsächlich noch defensiv ist.

Wann klassische Konsumwerte wieder attraktiver werden

Damit klassische Konsumwerte wieder einen größeren Platz im Portfolio einnehmen können, müssen Wachstumsaussichten und Bewertungen wieder besser zusammenpassen. Sind die Titel günstig genug, begrenzt dies das Rückschlagspotenzial und verbessert die Chance, dass die traditionellen defensiven Eigenschaften wieder besser greifen.

Auf volkswirtschaftlicher Ebene wäre eine Rückkehr zu einem stärker lohn- und einkommensgetriebenen Konsum in den USA sicher stabilisierend. Denn Löhne und Einkommen sind in klassischen Rezessionen weniger volatil als Finanzvermögen, die in Abschwüngen stark fallen können. Zudem wirken staatliche Stabilisatoren wie die Arbeitslosenversicherung stabilisierend auf die Einkommen. Je stärker der Konsum wieder von Löhnen und Einkommen getragen wird, desto robuster wäre das Umfeld für klassische Konsumwerte. Ob es so kommen wird, ist allerdings fraglich. Die Weichen sind eher in die andere Richtung gestellt. KI wird den Arbeitsmarkt deutlich verändern und könnte die Lohnquoten weiter unter Druck setzen. Die Politik könnte als Reaktion die Sozialsysteme noch stärker am Kapitalmarkt ausrichten. All das spricht für eine anhaltend größere Rolle der Finanzvermögen in der Konsumfinanzierung. Das birgt Risiken, aber eben auch Chancen.   

Daneben lohnt sich ein Blick nach Asien. In China wird zwar weiterhin viel über Konsumschwäche diskutiert, doch jüngste Zahlen zum Konsum fielen etwas besser aus als befürchtet. Vor allem aber wertet der Renminbi schrittweise auf. Das ist für den globalen Konsum unter Umständen wichtiger als kurzfristige Stützungsmaßnahmen oder ein rascher Abbau der sehr hohen Sparquote. Denn mit den Wechselkursen verschiebt sich Kaufkraft, von West nach Ost, was den chinesischen Konsumenten für globale Konsumgüterhersteller perspektivisch wichtiger machen könnte.

Defensivität entsteht nicht nur durch Sektorzugehörigkeit

Die neue Marktstruktur der vergangenen Jahre ist stark momentumgetrieben. Alles, was mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat, wurde vom Markt besonders stark honoriert, während andere Geschäftsmodelle und Sektoren deutlich weniger Aufmerksamkeit erhielten. So wurde etwa die Hälfte der US-Performance im Nasdaq von nur fünf Aktien getragen. Für aktive Anleger und Stockpicker entstehen daraus Chancen: Einzelne Unternehmen können fundamental solide sein, vom Markt aber wegen der einseitigen Fokussierung auf KI deutlich niedriger bewertet werden. Das gilt für den Konsum. Aber eben auch für andere Sektoren.

Fazit: Konsum bleibt relevant, aber selektiver

Der Konsum bleibt die zentrale Säule  der Weltwirtschaft. Doch die defensive Selbstverständlichkeit klassischer Konsumtitel ist geschwächt und dürfte das auch bleiben. Global wächst der Konsum langsamer, hohe Inputkosten drücken auf Margen, die zunehmende Spreizung der Einkommen und die strafferen Kreditkonditionen belasten die Nachfrage, und in den USA hängen die Ausgaben stärker an den Finanzvermögen und damit an der Kapitalmarktentwicklung. Für Anleger reicht es deshalb nicht mehr, den Sektor pauschal als sicheren Hafen zu betrachten.

Stattdessen kommt es stärker auf Bewertung, Innovationsfähigkeit, Geschäftsmodellqualität und regionale Perspektiven an. Defensive Eigenschaften entstehen nicht mehr automatisch durch das Etikett, sondern durch sorgfältige Auswahl. Gerade in einem Marktumfeld, das stark von Momentum und wenigen großen Gewinnern geprägt ist, können sich Chancen aber auch gerade dort ergeben, wo solide Unternehmen vom Markt zeitweise unterschätzt werden.

Von Ingo Koczwara, Portfoliomanager und Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz

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