Die Verbraucherpreise sind im August gegenüber dem Vormonat um 0,4% gestiegen. Vor dem Hintergrund der neuerlichen Eskalation im Iran-Krieg und der Hitzebelastungen im europäischen Stromsystem verteuerte sich Energie um 2,9% und erklärt damit den größten Teil des Anstiegs. Abseits davon fiel der Preisdruck verhalten aus. Ohne Energie und Nahrungsmittel erhöhte sich das Preisniveau lediglich um 0,2%. Zwar beschleunigte sich die jährliche Teuerung bei Industriegütern ohne Energie leicht auf 1,2%. Die stärker von der Inlandskonjunktur abhängigen Preise für Dienstleistungen legten gegenüber dem Vormonat aber nur um 0,1% zu. Ihre jährliche Teuerungsrate sank von 3,3 auf 3,0 %. Von einem breit angelegten Nachfragedruck auf die Preise kann im Euro-Raum damit weiterhin keine Rede sein. Anders als in den USA trifft der erneute Preisschub auf eine schwache konjunkturelle Grundtendenz und eine preissensible Nachfrage.
Aussichten für Anleger
Mit dem deutlichen Anstieg der Inflationsrate im August ist eine erneute Zinsanhebung der EZB auf der September-Sitzung nahezu sicher. Ökonomisch ist der Spielraum für weitere Schritte danach jedoch begrenzt und deutlich geringer als in den USA. Zum einen dürfte sich die Inflationsrate in Europa schrittweise zurückbilden, sofern die Ölpreise nicht nochmals stark steigen. Zum anderen können auch deutlich höhere Zinsen Energie weder verbilligen noch Lieferengpässe beseitigen. Sie können vor allem das Risiko von Zweitrundeneffekten und steigenden Inflationserwartungen begrenzen. Der negative Effekt auf Konsum und Investitionen würde aber erheblich stärker ausfallen als 2022, als umfangreiche fiskalische Hilfen und Nachholeffekte die Wirtschaft stützten. Für Anleger heißt das: Kurzfristig belasten die Unsicherheit über die Energiepreise und die erwartete Zinsreaktion der EZB die Anleihemärkte in Europa. Mittelfristig begrenzen die schwache Nachfrage und die hohen konjunkturellen Kosten weiterer Straffungen und den geldpolitischen Aufwärtsdruck auf die europäischen Kapitalmarktzinsen. Die EZB sollte nach dem Zinsschritt im September stärker auf Breite und Persistenz der Inflation achten als auf die Höhe einer energiegetriebenen Monatszahl. Dennoch spricht derzeit vieles für Vorsicht bei der Duration. Mehr als die Inflationsdynamik geht der Blick dabei aber auf die Folgen der global expansiven Fiskalpolitik. Die EZB hat die Zinskurve in Europa derzeit noch weniger im Griff als in den vergangenen Jahren.
Von Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz
Weitere beliebte Meldungen: