Nahostkonflikt: Warum haben die asiatischen Aktienmärkte stärker gelitten als die US-Märkte?

Der Nahostkonflikt erhöht vor allem über steigende Öl- und Erdgaspreise den Druck auf die Weltwirtschaft. Besonders Asien gerät dadurch unter Druck, während US-Märkte defensiver aufgestellt sind. Welche Folgen drohen für Inflation, Geldpolitik und sichere Häfen? T. Rowe Price | 09.03.2026 16:31 Uhr
Tim Murray, Kapitalmarktstratege bei T. Rowe Price / © e-fundresearch.com / T. Rowe Price
Tim Murray, Kapitalmarktstratege bei T. Rowe Price / © e-fundresearch.com / T. Rowe Price

Der wichtigste wirtschaftliche Übertragungskanal des Nahostkonflikts ist die Energie. Die Märkte konzentrieren sich weniger auf direkte Handelsstörungen als vielmehr auf das Risiko eines anhaltenden Anstiegs der Öl- und Erdgaspreise. Das ist für Asien besonders wichtig.

Die USA sind mittlerweile Nettoenergieproduzent, während die meisten asiatischen Volkswirtschaften bedeutende Importeure sind. Höhere Energiepreise können Teile des US-Marktes stützen, insbesondere den Energiesektor, aber sie wirken sich negativ auf Wachstum, Margen, Währungen und Leistungsbilanzen in weiten Teilen Asiens aus. Das schafft in einem risikoaversen Umfeld einen relativen Gegenwind für die Region.

Auch die Positionierung spielt eine Rolle. In den letzten Monaten gab es eine breite Rotation nach dem Motto „Verkaufe USA, kaufe Asien”, wodurch Teile Asiens überlaufen sind. Geopolitische Schocks führen in der Regel zu einer schnellen Auflösung überlaufener Trades.

Schließlich ist der US-Markt stärker in defensiven Sektoren wie Grundnahrungsmitteln und Versorgern engagiert, die in Zeiten geopolitischer Spannungen in der Regel widerstandsfähiger sind.

Inflationsrisiken

Das größte Inflationsrisiko des Konflikts betrifft den Energiesektor. Öl ist wohl der wichtigste Faktor für die globale Inflation. Es wirkt sich direkt auf die Kraftstoff- und Transportkosten aus, hat aber auch indirekte Auswirkungen auf eine Vielzahl von Industriegütern und Lieferketten. Ein anhaltender Anstieg der Ölpreise würde wahrscheinlich recht schnell zu einer höheren Güterinflation führen.

In den USA ist dies von Bedeutung, da die jüngsten Fortschritte bei der Inflation größtenteils auf einen Rückgang des Drucks im Dienstleistungssektor zurückzuführen sind – insbesondere bei den Wohnkosten und dem Lohnwachstum. Dadurch konnten die Märkte Erwartungen hinsichtlich einer schrittweisen Lockerung der Geldpolitik aufbauen.

Die energiebedingte Inflation ist jedoch volatil und kann die Lage schnell verändern. Wenn die Ölpreise steigen und die Güterinflation wieder anzieht, könnte dies den Kurs der Federal Reserve erschweren. Die Fed muss möglicherweise vorsichtiger bleiben, als die Märkte derzeit erwarten, was den Umfang der Zinssenkungen in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 begrenzen könnte. Kurz gesagt: Energie ist der entscheidende Faktor für die Inflationsaussichten.

Die Suche nach dem Safe Heaven

Zumindest vorübergehend verhalten sich traditionelle sichere Häfen nicht so eindeutig wie in früheren geopolitischen Krisen. Insbesondere Gold hat im vergangenen Jahr eine beträchtliche Menge an Spekulationskapital angezogen. Infolgedessen hat es einige Eigenschaften eines momentumgetriebenen Vermögenswerts angenommen und ist nicht mehr nur eine reine defensive Absicherung. Bei einer überfüllten Positionierung können selbst Safe Heaven-Anlagen schwankende Kursbewegungen verzeichnen.

Der japanische Yen sieht sich mit eigenen innenpolitischen Unsicherheiten konfrontiert. Anhaltende Fragen zur fiskalischen Entwicklung Japans und zum künftigen Kurs der Bank of Japan haben die Volatilität der Währung erhöht und ihre Zuverlässigkeit als einfache Absicherung gegen Risiken verringert.

Anleihen bleiben ein wirksames Absicherungsinstrument gegen das Rezessionsrisiko. Sollte sich dieser Konflikt jedoch in Form höherer Energiepreise niederschlagen, dürfte dies eher Inflationsängste schüren als einen sofortigen Wachstumseinbruch auslösen. In einem inflationsbedingten Schock ist die Duration nicht immer die saubere Absicherung, die Anleger erwarten.

Investoren bewegen sich in einem Umfeld mit ungewöhnlich hoher Unsicherheit – nicht nur geopolitisch, sondern auch strukturell, angesichts der rasanten Entwicklung der KI und sich wandelnder globaler politischer Rahmenbedingungen. Traditionelle Strategien erscheinen nicht mehr so zuverlässig.

Sichere Häfen sind relativ rar, was eine Diversifizierung umso wichtiger macht. Reale Vermögenswerte, insbesondere Rohstoffe, können in einem Szenario mit langwierigen Konflikten eine wichtige Rolle spielen. Sie dienen in der Regel als wirksame Inflationsabsicherung und haben sich in der Vergangenheit bei angebotsbedingten Schocks gut entwickelt. Gleichzeitig ist es ratsam, einen angemessenen Anteil an Anleihen und Barmitteln beizubehalten, für den Fall, dass höhere Energiepreise letztendlich zu einem langsameren Wirtschaftswachstum oder einer Rezession führen.

Bei Aktien bevorzugen wir US-Small-Caps. Diese könnten in Zeiten akuter Risikoaversion zwar unterdurchschnittlich abschneiden, aber ihre Bewertungen sind relativ attraktiv, ihre Umsätze sind stärker auf den Binnenmarkt ausgerichtet und der US-Konjunkturzyklus scheint sich auszuweiten. Dieser Hintergrund könnte unterstützend wirken – vorausgesetzt, der Konflikt entwickelt sich nicht zu einem anhaltenden Schock bei der Ölversorgung.

Von Tim Murray, Kapitalmarktstratege bei T. Rowe Price

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