„Ab 2028 kippt das Verhältnis“: Guinness-Fondsmanager Hammonds setzt auf die nächste Milliarde Konsumenten

Teil zwei des Wien-Gesprächs mit Guinness-Portfoliomanager Mark Hammonds: über Chinas Aufstieg in höherwertiger Fertigung, Lateinamerika als Ölpreis-Hedge, die konsequente Zurückhaltung bei Indien – und warum der Fonds ganze Sektoren bewusst auslässt. Guinness Global Investors | 06.05.2026 11:27 Uhr
Mark Hammonds, Portfoliomanager, Guinness Global Investors / © e-fundresearch.com /  Guinness Global Investors
Mark Hammonds, Portfoliomanager, Guinness Global Investors / © e-fundresearch.com / Guinness Global Investors

China als billiger Produktionsstandort – dieses Bild sei überholt, sagt Mark Hammonds im Gespräch mit der e-fundresearch.com Redaktion. „Das ist ein Thema, über das wir seit drei Jahren sprechen.“ Der Portfoliomanager von Guinness Global Investors sieht China längst als industriellen Schlüsselmarkt: nicht mehr bloß Werkbank, sondern zunehmend Technologieführer in höherwertiger Fertigung. Und diese These werde jetzt in den Daten sichtbar.

Hammonds verweist auf Analysen des Australian Strategic Policy Institute, die Guinness in Wien auch mit der e-fundresearch.com Redaktion teilte: China führe bei High-Impact-Forschung in Bereichen wie fortschrittlichen Materialien, Photovoltaik, Batterien und zunehmend auch bei AI. Die Ergebnisse staatlich geförderter Programme wie „Made in China 2025“ schlügen sich inzwischen in den Exportdaten nieder – mit zweistelligem Wachstum nach Lateinamerika und ASEAN im Jahr 2024, während die Exporte in die EU rücklaufig gewesen seien. Im Fonds ist China mit rund 39 Prozent allokiert – mehr als die knapp 25,5 Prozent in der Benchmark, aber für einen gleichgewichteten 36-Titel-Fonds eine substanzielle Position, die bewusst gehalten werde.

Lesen Sie hier Teil 1 des Gesprächs:

Die nächste Milliarde Konsumenten

Hammonds verknüpft Chinas industrielle Aufstellung mit einem langfristigen Nachfragebild. Laut UN-Projektionen wachse die Bevölkerung Asiens von derzeit rund 4,7 auf 5,1 Milliarden bis 2040, Afrika von 1,5 auf 2,1 Milliarden. Europa hingegen stagniere bei rund 0,7 bis 0,8 Milliarden. Entscheidend sei aber nicht nur die Zahl der Menschen, sondern ihr Einkommen.

Hammonds verweist auf die Gapminder-Definition eines „Level-Four“-Einkommens ab 32 US-Dollar pro Tag – dem Schwellenwert, ab dem diskretionäre Konsumausgaben, Urlaube, Autos und höherwertige Elektronik überhaupt erst erschwinglich werden. „Ab 2028 werden erstmals ebenso viele Menschen außerhalb der westlichen Welt in diese Einkommenskategorie fallen wie innerhalb. Von da an kippt das Verhältnis.“ Bis 2050 würden es laut Guinness-Berechnungen rund zwei Milliarden sein.

Genau die Produkte, die diese aufstrebenden Konsumenten kaufen werden – Haushaltsgeräte, Fahrzeuge, höherwertige Elektronik – seien jene, bei denen China industrielle Führungspositionen aufgebaut habe. Auch wenn Produktion zunehmend ausgelagert werde, etwa nach Osteuropa, Lateinamerika oder Vietnam, bleibe die Wertschöpfungskette häufig chinesisch kontrolliert.

Indien: Qualität ja, Bewertung nein

Deutlich zurückhaltender fällt seine Einschätzung zu Indien aus. Der Markt biete zwar viele qualitativ hochwertige Unternehmen, doch das Bewertungsniveau sei hoch und enthalte bereits viel Wachstum. Hinzu komme eine ausgeprägte lokale Retail-Trading-Beteiligung. „Als Außenstehender ist es schwer, sich mit diesen Bewertungen wohlzufühlen – besonders im Vergleich zu dem, was wir in China bekommen.“

Die Zahlen unterstreichen das: Indien sei im Fonds mit rund 5,5 Prozent gewichtet, gegenüber 18,6 Prozent im Index – eines der kräftigsten Untergewichte im Portfolio. Zum Einsatz komme der Markt selektiv, etwa über IT-Services-Unternehmen wie Tata Consultancy und Tech Mahindra, die nach einem schwierigen Jahr auf längere Sicht weiterhin attraktive Cash-Flow-Profile lieferten.

Lateinamerika als Diversifikator

Als wichtigen Gegenpol zu Asien nennt Hammonds Lateinamerika. Die Region sei mit rund 17,9 Prozent im Fonds gewichtet, gegenüber nur 8,2 Prozent in der Benchmark – ein klares Übergewicht. In einem Umfeld anhaltend höherer Ölpreise profitierten Rohstoffexporteure wie Brasilien und Mexiko relativ, während energieintensive Importeure verwundbarer seien. Die Fondspositionierung wirke daher wie ein impliziter Hedge.

Als konkretes Beispiel führt er Credicorp an – eine peruanische Bank mit US-Börsennotierung, die einen Markt mit geringer Bankenabdeckung bedient. Das Unternehmen habe mit seiner App „Yape“ erhebliche Nutzerzuwächse erzielt und profitiere davon, dass lateinamerikanische Finanzdienstleister bei der Digitalisierung über westliche Legacy-Strukturen hinwegspringen könnten.

Was der Fonds bewusst nicht besitzt

Ein zentrales Portfoliomerkmal ist für Hammonds, was nicht enthalten ist. Energie, Materials, Utilities und Real Estate seien gänzlich ausgeschlossen. „In diesen Sektoren ist es schwer, die Konsistenz und Qualität zu finden, nach der wir suchen. In Rohstoffbereichen ist man zwangsläufig Preisnehmer.“ Für Investoren bedeute das: EM-Exposure ohne die klassische Rohstoff-Roller-Coaster. „Man kann Emerging Markets investieren, ohne all dieses zyklische Rohstoff-Exposure automatisch mitzunehmen.“

Die Sektorstruktur bestätigt das: Der Fonds halte rund 21,5 Prozent in Financials, 16,6 Prozent in Consumer Staples, 13,1 Prozent in Health Care und 11,2 Prozent in Consumer Discretionary. Zusammen mit der Branchenmischung ergebe sich ein Portfolio, das mit einem Forward-PE von rund 12x laut Guinness-Daten deutlich unter dem Benchmark-Niveau von knapp 16x liege – bei einer Dividendenrendite von rund 4 Prozent.

Geografisches Exposure ist nicht Domizil

Abschließend betont Hammonds einen häufig unterschätzten Punkt: Das Länderrisiko im Portfolio ergebe sich nicht aus der Börsennotierung, sondern aus dem tatsächlichen Geschäft. Als Beispiel nennt er den griechischen Einzelhändler Jumbo, der zwar in Athen gelistet sei, aber stark in osteuropäischen Wachstumsmärkten wie Rumänien operiere. „Man muss nicht in diesen Ländern gelistet sein, um Zugang zu diesen wachstumsstarken Ökonomien zu bekommen.“

Dasselbe gelte für mexikanische Coca-Cola-Abfüller im Portfolio, deren operatives Exposure von Texas über Mittelamerika bis Brasilien reiche. In Summe zeichnet Hammonds damit ein Bild, in dem Emerging Markets nicht über die offensichtlichen Indexschwerpunkte gespielt werden müssen. Für professionelle Investoren, die ihre EM-Allokation diversifizieren wollen, ohne gleich in aggressive Growth- oder Small-Cap-Strategien zu wechseln, positioniert sich der Fonds als Alternative mit anderer DNA – und einem klaren Bekenntnis: Stilkonsistenz vor kurzfristiger Benchmarknähe.

Beide Beiträge basieren auf einem Gespräch der e-fundresearch.com Redaktion mit Mark Hammonds, CFA, Portfoliomanager, und Dennis Mehrtens, Business Development Deutschland & Österreich, bei Guinness Global Investors, im Rahmen eines Manager-Updates in Wien Mitte April 2026. Präsentationsdaten per 31.03.2026, Portfoliodaten per 31.12.2025, sofern nicht anders angegeben. Die wiedergegebenen Einschätzungen spiegeln die Sichtweise zum Zeitpunkt des Events wider und stellen keine Anlageempfehlung dar.

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