Klimainflation: Wenn die Hitze beide Seiten der Strommärkte antreibt

Heute sind es in Amsterdam 30 Grad. Tagsüber sind die Vorhänge zugezogen, abends die Fenster geöffnet, und der Ventilator läuft die ganze Nacht. Van Lanschot Kempen | 17.07.2026 12:17 Uhr
© Van Lanschot Kempen
© Van Lanschot Kempen

Klimarisiken werden auf den Strommärkten immer sichtbarer. Eine Hitzewelle kann beide Seiten des Strommarktes gleichzeitig treffen: Die Nachfrage steigt mit steigenden Temperaturen stark an, während das Angebot an Zuverlässigkeit verliert, da die Hitze die Erzeugung aus Kernkraft, Wasserkraft und erneuerbaren Energien einschränkt.

Das Ergebnis sind nicht höhere Strompreise, sondern volatilere. Über die Energiemärkte wird das Klima zu einem direkteren Inflationsfaktor. Für Anleger ist das Risiko physischer Vermögenswerte nicht das einzige Klimarisiko – wir brauchen nun einen besseren Inflationsschutz.

Nachfrage: ein neuer Sommerhöchststand

Die sichtbarste Auswirkung extremer Hitze zeigt sich bei der Stromnachfrage. Während die Temperaturen in Westeuropa auf 40 °C steigen, führt der flächendeckende Einsatz von Kühlsystemen zu einem starken Anstieg der Last.

Die Karte unten zeigt das Ausmaß und die Ausbreitung dieser Hitze in ganz Europa.

Das strukturellere Problem ist die Synchronisation. In der Vergangenheit profitierte Europa von geografischer Diversifizierung: Spitzennachfrage in einem Land konnte durch geringere Nachfrage anderswo ausgeglichen werden, was einen grenzüberschreitenden Ausgleich ermöglichte. Hitzewellen sind jedoch regionenweite Phänomene. Wenn Frankreich, Deutschland, Spanien und Großbritannien gleichzeitig erhöhte Temperaturen verzeichnen, bricht diese Diversifizierung zusammen.

Die Folge ist, dass Europa zunehmend mit einem Problem der Sommer-Spitzenlast konfrontiert ist. Systeme, die auf den Winterbedarf ausgelegt sind, sind nun im Sommer einer ähnlich hohen Belastung ausgesetzt, die stattdessen durch den Kühlbedarf.

Angebot: Kapazitäten unter Druck

Extreme Hitze verringert derzeit das verfügbare Angebot im gesamten Stromnetz, wobei die Auswirkungen in den Bereichen Kernkraft, erneuerbare Energien und Preisbildung sichtbar sind.

Kernkraftwerke laufen zu heiß

Besonders gefährdet ist Frankreichs Kernkraftwerksflotte, der Eckpfeiler der Grundlastversorgung in Europa. Kernreaktoren sind zur Kühlung auf Flusswasser angewiesen, und Umweltvorschriften begrenzen die Temperatur, die dieses Wasser bei der Rückführung in die Flüsse erreichen darf – in der Regel auf etwa 28 °C.

Während der aktuellen Hitzewelle sind die Flusstemperaturen auf Werte gestiegen, die Leistungsreduzierungen oder Abschaltungen erzwingen. Infolgedessen wurde die französische Kernkraftleistung erheblich reduziert, und zwar um 7 % des Bedarfs. Einige Reaktoren sind vom Netz genommen, andere laufen mit reduzierter Leistung, und es kommt bereits zu Stromausfällen.

Der Kapazitätsverlust ist zwar von Bedeutung, doch die größeren Auswirkungen betreffen die Marktstruktur. Frankreich ist in der Regel Europas größter Exporteur von kostengünstigem, CO₂-freiem Strom. Wenn die französischen Exporte zurückgehen, verlieren benachbarte Märkte eine wichtige Quelle für günstige Lieferungen, was die regionalen Preise in die Höhe treibt.

Erneuerbare Energien und Schwankungen in der Versorgung

Erneuerbare Energien sind zwar im Sommer reichlich vorhanden, führen jedoch zu zusätzlicher Schwankungsanfälligkeit. Die Solarstromerzeugung ist tagsüber hoch und kann die Preise vorübergehend drücken, doch mit Sonnenuntergang sinkt die Erzeugung rapide.

Gleichzeitig kann die Windenergieerzeugung bei Hitzewellen unter dem Durchschnitt liegen, was das verfügbare Angebot weiter verringert. Das Ergebnis ist eine ausgeprägte „Duck-Curve“-Dynamik: ein U-förmiges Muster, bei dem die Solarstromerzeugung am Mittag die Preise drückt, während die Nachfrage am Abend und die sinkende Erzeugung aus erneuerbaren Energien die thermischen Kraftwerke dazu zwingen, schnell hochzufahren, was zu starken Preisspitzen führt.

Preisbildung bei marginaler Gaspreisbildung

Die kombinierte Wirkung dieser Faktoren drängt die europäischen Strommärkte zurück in Richtung einer Gas-Grenzkostenpreisbildung. Angesichts der Einschränkungen bei der Kernenergie und der Schwankungen bei den erneuerbaren Energien bestimmt die gasbefeuerte Stromerzeugung zunehmend den Clearingpreis.

Dies erklärt, warum die Preise nicht nur gestiegen sind, sondern auch volatiler werden. In vielen Märkten konzentrieren sich die stärksten Preisspitzen auf die Abendstunden, wenn die Nachfrage weiterhin hoch ist, während die Erzeugung aus erneuerbaren Energien zurückgeht.

Von vereinzelten Schocks zu systemischen Belastungen

Traditionell wurden Stromnetze auf der Grundlage relativ vorhersehbarer Nachfrage- und Angebotsmuster konzipiert, wobei Belastungsereignisse vor allem in kalten Winterperioden auftraten. Der Klimawandel führt zu einem komplexeren, ganzjährigen Risikoprofil.

Nachfrageschocks nehmen sowohl an Häufigkeit als auch an Intensität zu, insbesondere im Sommer aufgrund des Kühlbedarfs. Auch das Angebot wird zunehmend wetterabhängig, nicht nur durch erneuerbare Energien, sondern auch durch thermische Einschränkungen, die Kernkraftwerke und Wasserkraftwerke betreffen.

Infolgedessen treten Extremereignisse nicht mehr isoliert auf, sondern sind zunehmend regionenübergreifend miteinander korreliert, was die Wirksamkeit grenzüberschreitender Verbindungsleitungen als Ausgleichsmechanismus mindert.

Auswirkungen auf ein volatileres System

Erstens dürfte die Preisvolatilität strukturell zunehmen. Das Zusammenspiel von intermittierendem Angebot und temperaturgetriebener Nachfrage führt zu stärkeren Intraday-Preisschwankungen, insbesondere in Spitzenzeiten.

Zweitens gewinnt flexible Kapazität an Wert. Anlagen, die schnell hochgefahren werden können, wie beispielsweise Gasspitzenkraftwerke, Speicher und Lastmanagement, sind unerlässlich, um den Übergang von hoher Solarstromerzeugung zu den abendlichen Spitzenlasten zu bewältigen.

Drittens wird die Zuverlässigkeit der Grundlast neu bewertet. Die Kernenergie, die lange Zeit als stabiler Anker des Systems galt, ist selbst anfällig für klimatische Bedingungen. Die

für die Energiesicherheit könnten bei Extremereignissen ebenfalls nachlassen, insbesondere wenn mehrere verbundene Länder gleichzeitig stark belastet sind.

Klima-Inflation

Die aktuelle Hitzewelle in Europa verdeutlicht einen Wandel in der Art und Weise, wie die Strommärkte auf den Klimawandel reagieren. Es geht nicht mehr nur um steigende Nachfrage oder ein erhöhtes Angebot an erneuerbaren

Angebot. Vielmehr geht es um das Zusammenspiel von Nachfragespitzen und Versorgungsengpässen, die von denselben zugrunde liegenden klimatischen Kräften getrieben werden.

In diesem Umfeld bewirkt extreme Hitze mehr als nur einen Anstieg des Stromverbrauchs. Sie schränkt genau jene Systeme ein, die dafür ausgelegt sind, diesen Bedarf zu decken. Mit der Verschärfung des Klimawandels dürften solche Episoden häufiger auftreten, was auf eine Zukunft hindeutet, die nicht nur durch eine höhere Nachfrage geprägt ist, sondern auch durch ein neues Muster der Knappheit, das durch klimabedingte Versorgungsengpässe bestimmt wird.

Die Notwendigkeit, Systempuffer einzubauen, sowie der steigende Druck auf das Angebot bei gleichzeitig steigender Nachfrage deuten auf eine beständigere Quelle des Preisdrucks hin. Dies ist klimabedingte Inflation, und während die Welt versucht, den Klimawandel einzudämmen, müssen Anleger in Sachwerte, die sich durch die Analyse physischer Vermögensrisiken gegen Klimarisiken absichern, auch einen besseren Inflationsschutz in Betracht ziehen. Diese neue Ära ist die „Climateflation“.

Weitere beliebte Meldungen:

Haftungsausschluss. Van Lanschot Kempen Investment Management NV (VLK Investment Management) ist als Verwalter verschiedener OGAW und AIF zugelassen und zur Erbringung von Wertpapierdienstleistungen befugt; als solcher unterliegt das Unternehmen der Aufsicht durch die niederländische Finanzmarktaufsichtsbehörde. Dieses Dokument dient ausschließlich zu Informationszwecken und enthält keine ausreichenden Informationen für eine Anlageentscheidung. Dieses Dokument enthält keine Anlageberatung, keine Anlageempfehlung, keine Marktanalyse und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten und sollte auch nicht als solche ausgelegt werden. Die darin geäußerten Meinungen gelten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ohne vorherige Ankündigung ändern.

Performanceergebnisse der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Investmentfonds oder Wertpapiers zu. Wert und Rendite einer Anlage in Fonds oder Wertpapieren können steigen oder fallen. Anleger können gegebenenfalls nur weniger als das investierte Kapital ausgezahlt bekommen. Auch Währungsschwankungen können das Investment beeinflussen. Beachten Sie die Vorschriften für Werbung und Angebot von Anteilen im InvFG 2011 §128 ff. Die Informationen auf www.e-fundresearch.com repräsentieren keine Empfehlungen für den Kauf, Verkauf oder das Halten von Wertpapieren, Fonds oder sonstigen Vermögensgegenständen. Die Informationen des Internetauftritts der e-fundresearch.com AG wurden sorgfältig erstellt. Dennoch kann es zu unbeabsichtigt fehlerhaften Darstellungen kommen. Eine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen kann daher nicht übernommen werden. Gleiches gilt auch für alle anderen Websites, auf die mittels Hyperlink verwiesen wird. Die e-fundresearch.com AG lehnt jegliche Haftung für unmittelbare, konkrete oder sonstige Schäden ab, die im Zusammenhang mit den angebotenen oder sonstigen verfügbaren Informationen entstehen. Das NewsCenter ist eine kostenpflichtige Sonderwerbeform der e-fundresearch.com AG für Asset Management Unternehmen. Copyright und ausschließliche inhaltliche Verantwortung liegt beim Asset Management Unternehmen als Nutzer der NewsCenter Sonderwerbeform. Alle NewsCenter Meldungen stellen Presseinformationen oder Marketingmitteilungen dar.

Melden Sie sich für den kostenlosen Newsletter an

Regelmäßige Updates über die wichtigsten Markt- und Branchenentwicklungen mit starkem Fokus auf die Fondsbranche der DACH-Region.

Der Newsletter ist selbstverständlich kostenlos und kann jederzeit abbestellt werden.