Raiffeisen KAG CIO Kunrath: Perspektiven zum Jahresauftakt

Trotz historischer Kalendereffekte erscheinen die Aussichten für das Kapitalmarktjahr 2026 konstruktiv. Stabileres Wachstum, sinkende Zinsen und KI-Trends treffen jedoch auf hohe Bewertungen, geopolitische Risiken und begrenztes Kurspotenzial, vor allem in den USA. Raiffeisen Capital Management | 27.01.2026 12:32 Uhr
Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management / © e-fundresearch.com / Raiffeisen Capital Management
Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management / © e-fundresearch.com / Raiffeisen Capital Management

Nach einem der „Börsen-Kalendereffekte“ weisen Jahre mit einer geraden Endziffer im Durchschnitt eine höhere Volatilität und eine geringere Performance auf als Jahre mit einer ungeraden Endziffer. Eine klare statistische Evidenz hierfür gibt es zwar nicht, aber einige größere Kapitalmarkt-Verwerfungen in geraden Kalenderjahren sind noch gut in Erinnerung, wenn man an die Jahre 2022 (Ukrainekrieg), 2020 (Coronakrise) oder 2018 (Beginn des Handelskonflikts USA-China) zurückdenkt. Besonders nachhaltig haben sich die globale Finanzkrise im Jahr 2008 und das Platzen der Dot.com-Blase im Jahr 2000 ins Gedächtnis der Marktteilnehmer:innen eingebrannt.

Die Rahmenbedingungen für das Kapitalmarktjahr 2026 erscheinen jedoch überwiegend konstruktiv, denn die Kombination aus stabil erwartetem Wirtschaftswachstum mit rückläufig prognostizierten (US-)Zinsen, das robuste Gewinnwachstum und der KI-Megatrend, die US-Steuersenkungen und -Deregulierungen sowie die massiven Investitionen in der Euro-Zone, insbesondere in Deutschland, sollten sich positiv niederschlagen. Allerdings wurde ein Gutteil dieser erwarteten Entwicklungen schon im Vorjahr eingepreist, was sich auch an den mitunter überzogenen Bewertungen zeigt. Über das Gesamtjahr ist daher insbesondere für die US-Börsen mit einer etwas gedämpfteren Entwicklung als zuletzt zu rechnen – so deutet es schon die Statistik für Jahre mit Zwischenwahlen an, die Anfang November in den USA stattfinden. Auch das durchschnittliche Jahresend-Kursziel der Analyst:innen für den S&P 500 Aktienindex signalisiert ein geringeres Kurspotenzial als im Vorjahr, wobei der potenzielle Ertrag für Euroinvestor:innen infolge des etwas schwächer erwarteten US-Dollars geschmälert werden könnte. Europa und den Emerging Markets wird 2026 - auch angesichts der niedrigeren Bewertungen – eine größere Aufwärtsdynamik als den USA zugetraut. Auf Sektorebene wird eine Verbreiterung des Gewinnwachstums und eine geringere Konzentration auf die großen IT-Unternehmen erwartet. Als größte Sorge gilt unter den Marktbeobachter:innen das Konzentrations- und Bewertungsrisiko („AI-Bubble“), gefolgt vom erneuten Aufkeimen der Inflation und einem schwachen Arbeitsmarkt. Darüber hinaus ist auch in diesem Jahr wieder von einigen geopolitischen Spannungen auszugehen, die temporär für erhöhte Volatilität am Kapitalmarkt sorgen werden. Basierend auf unseren aktuellen fundamentalen Marktanalysen bleiben wir in der Taktischen Asset Allocation „risk-on“ positioniert.

Staatsanleihen: selektive Chancen bei Papieren aus Australien und Großbritannien

Wir erwarten v.a. sinkende Renditen bei französischen und deutschen Staatsanleihen mit der Tendenz zu mittleren Laufzeiten (5 Jahre). Daneben setzen wir auf australische und britische Staatsanleihen. Innerhalb der investierten Staatsanleihen präferieren wir aktuell US-Staatsanleihen versus Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen.

Unternehmensanleihen: steigende Risikoprämien wahrscheinlich

Am Markt für Corporate Bonds bleiben wir bei US High-Yield-Unternehmensanleihen und nun auch erstmals seit langem bei Euro-IG-Corporate Bonds eher vorsichtig. In Abhängigkeit vom Marktumfeld könnten auf Jahressicht die Risikoprämien ansteigen. In Anbetracht der extrem niedrigen Risikoprämien (ähnlich wie 06/07) dürfte deren Anfälligkeit gegenüber Event-Risiken hoch sein.

Emerging-Markets-Anleihen auf dem Radar vieler Anleger:innen

Emerging Markets-Anleihen waren zuletzt sehr gesucht und verzeichneten weitere Spreadeinengungen. Wir waren bei dieser Anleiheklasse zurückhaltend und bleiben dies bis auf weiteres. Anstelle von Emerging Markets-Hartwährungsanleihen präferieren wir Duration äquivalente US-Staatsanleihen.

Entwickelte Aktienmärkte: positive Aussichten dank starker Unternehmensgewinne

Die globalen Aktienmärkte präsentierten sich in den letzten Monaten weiterhin recht fest. Neben besser als erwarteten Konjunkturdaten erwiesen sich einmal mehr die Unternehmensgewinne als wichtiger Unterstützungsfaktor. Zuletzt wurden auch die Gewinnerwartungen für die nächsten Quartale nach oben genommen. Aufgrund der guten Rahmenbedingungen sehen wir diese Assetklasse als sehr positiv und haben uns entsprechend positioniert.

Emerging-Markets-Aktien: für weitere Anstiege müssen Unternehmensgewinne folgen

Die Outperformance von Aktien der Schwellenländer hält weiterhin an. Es sieht immer mehr danach aus, als fände nach dem viele Jahre andauernden Abwärtstrend eine Bodenbildung statt. Allerdings ist zu beobachten, dass die Bewertungen zuletzt stärker angestiegen sind, weil die Gewinne (noch) nicht so realisiert werden wie bisher erwartet. Damit ist auch das größte potenzielle Risiko angesprochen: Für weitere Anstiege müssen nun Unternehmensgewinne folgen.

Rohstoffmärkte: Gold auf Rekordjagd

Die internationalen Rohstoffmärkte präsentierten sich zuletzt durchwegs positiv. Weiter auf Rekordjagd hält Gold den Aufwärtstrend aufrecht. Strukturell sorgen Zentralbankkäufe für anhaltende Unterstützung. Energierohstoffe tendierten zuletzt aufgrund der fragilen Situation im Iran stärker, während auch Industriemetalle ihren Aufwärtstrend fortsetzen. Aufgrund der Attraktivität der breiten Rohstoffmärkte (ex Agrar und Lebendvieh), öffnen wir in der Taktischen Asset Allokation eine Position.

Von Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management

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