Der Militärschlag gegen den Iran könnte einen zuvor schwelenden Konflikt in eine aktive Dauerbedrohung verwandelt haben. Die deutlich erhöhte Risikoprämie beim Rohölpreis ist wohl gekommen, um zu bleiben, wenn die Konsequenz des Ende Februar begonnenen Krieges letztlich ein weitgehender Kontrollverlust in der für die Weltwirtschaft so sensiblen Region ist. Mit der Dauer des Militäreinsatzes und mit jedem gefallenen US-Soldaten erhöht sich für die Administration der Druck und die innenpolitische Kritik, zumal die Umfragen in den USA von Beginn an mehrheitlich gegen diesen Krieg ausgefallen sind. Und mit jedem Kriegstag erhöhen sich auch die Kosten für den Militäreinsatz und belasten den ohnehin schon stark überzogenen Staatshaushalt. Darüber hinaus haben auch an den US-Tankstellen die Spritpreise merklich angezogen und die Sensitivität der Amerikaner hierfür ist nicht zu unterschätzen. Die Versorgungssicherheit der USA ist hingegen infolge der de facto Energie-Autonomie im Gegensatz zu anderen Weltregionen kein Thema. Höhere Treibstoffpreise drücken nicht nur auf die für die US-Wirtschaft so wichtige Konsumstimmung und auf die Gewinnmargen in vielen Sektoren, sondern dezimieren auch die Effekte aus den erlassenen Steuererleichterungen. Je länger der Krieg andauert und die negativen Folgen auch in den USA spürbar sind, desto eher wird dies auch Auswirkung auf den Ausgang der Zwischenwahlen im November haben. Global gesehen belastetet der Krieg die US-Partnerschaft mit den Verbündeten in der Region, zumal die Golfstaaten deutlich stärker und direkter getroffen werden als vermutlich erwartet. Dies einerseits infolge der zahlreichen iranischen Vergeltungsschläge und andererseits über die beträchtlichen ökonomischen Effekte durch die stark eingeschränkten Energie-Exporte, wie auch die Belastungen für die lokale Logistik bzw. Flugdrehscheiben und den Tourismus. Darüber hinaus sind neben Europa auch viele asiatische Länder empfindlich beeinträchtigt, die in hohem Maße von Ölimporten aus der Nahostregion abhängig sind. Nicht zu unterschätzen sind auch die Engpässe bei Düngemitteln, deren Exporte zu einem Gutteil ebenfalls durch die Straße von Hormus führen und diverse Zweitrundeneffekte, die sich über die hohen Öl- und Gaspreise ergeben. So kann es nicht verwundern, wenn das Stagflationsgespenst wieder umgeht und die Konstellation aus wirtschaftlicher Stagnation bei gleichzeitig erhöhter Inflation den Kapitalmarkt belastet.
Staatsanleihen: Treiber der globale Renditeentwicklung bleiben Inflationssorgen
Wir setzen weiterhin auf französische und deutsche Staatsanleihen und halten uns bei italienischen und US-Staatsanleihen zurück. Auch australische Staatsanleihen erachten wir weiterhin als chancenreich. Wesentlicher Treiber für die globale Renditeentwicklung bleiben die globalen Inflationssorgen, die potenzielle Wachstumssorgen derzeit noch (!) deutlich übertreffen.
Unternehmensanleihen: Ansteckungsrisken noch (!) überschaubar
Wir bleiben bei Unternehmensanleihen defensiv positioniert, speziell in Hinblick auf US High-Yield-Unternehmensanleihen und EUR Investmentgrade Corporate Bonds. Neben der aktuellen geopolitischen Schockstarre im Nahen Osten sind es die größer werdenden Probleme am Private-Credit-Markt sowie am Leveraged-Loan-Markt, die in weiterer Folge das Potenzial haben, den Refinanzierungsmechanismus am Corporate-Bond-Markt zu beeinträchtigen. Noch scheinen die Ansteckungsrisiken überschaubar, wären sie dies nicht mehr, käme die Vorsicht zu spät.
Emerging-Markets-Anleihen konnten sich vergleichsweise gut halten.
Trotz der Ereignisse im Iran und den damit verbundenen Auswirkungen auf den Energiemarkt und die allgemeine Risikoaversion, konnten sich Emerging-Markets-Anleihen vergleichsweise gut halten – nur moderat höhere Risikoprämien waren die Folge. Schon in den vergangenen Monaten waren wir bei Schwellenländer-Hartwährungsanleihen vorsichtig und bauen diese Positionierung weiterhin moderat ab.
Entwickelte Aktienmärkte präsentieren sich in Summe sehr fest.
Aktuell dominiert die Nachrichtenlage zum Iran-Krieg das Marktgeschehen. Angesichts der potenziellen Auswirkungen auf Konjunkturwachstum und Inflationsraten präsentierten sich die internationalen Aktienmärkte in Summe sehr fest. Die Notenbanken werden in diesem Umfeld Zinssenkungen nach hinten schieben bzw. potenziell sogar mit Zinsanhebungen reagieren. Wir reduzieren daher unsere Aktiengewichtung um einen weiteren Schritt und sind nun neutral positioniert.
Emerging-Markets-Aktien mussten Rückschläge hinnehmen.
Die Aktienmärkte der Schwellenländer konnten sich der Kurskorrektur infolge des Iran-Krieges nicht entziehen und mussten sowohl absolut als auch im Vergleich zu den entwickelten Märkten Rückschläge hinnehmen. Sollte der Konflikt nicht allzu lange andauern, sehen wir diese Korrektur allerdings nur als vorübergehend an. Die Bewertungen sowohl von Emerging Markets im Aggregat als auch von einzelnen Ländern sind attraktiver als in zahlreichen anderen Regionen und weisen auf stärkeres (Gewinn-)Wachstum hin.
Rohstoffmärkte: Konsolidierung bei Edelmetallen
Die internationalen Rohstoffmärkte präsentierten sich zuletzt uneinheitlich. Nach einer außergewöhnlich starken Kursentwicklung bei Edelmetallen in den letzten Monaten kam es zuletzt zu einer Konsolidierung. Energierohstoffe reagierten auf den Iran-Krieg natürlich besonders stark. Aktuell ist nicht absehbar, wie die mittelfristigen Folgen auf der Angebotsseite sein werden. Klar ist jedoch, dass kurzfristig eine deutliche Risikoprämie eingepreist wurde.
Von Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management
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