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M&G-Expertin über die Konsolidierung am Ölmarkt: "Die Zukunft gehört den Großen"

Im Sog der Coronavirus-Pandemie schrumpft die globale Wirtschaftsleistung, Arbeitslosenzahlen explodieren und die Einkaufslust der Verbraucher sinkt. Besonders heftig traf die Krise den Öl- und Gassektor, wo überversorgte Märkte und kurzfristige Unterbrechungen der Nachfrage für Anspannung sorgten. M&G Investments | 14.05.2020 10:45 Uhr
Ritu Vohora, Investmentdirektor, M&G Investments / © M&G Investments
Ritu Vohora, Investmentdirektor, M&G Investments / © M&G Investments

Ritu Vohora, Investment Director im Aktienteam bei M&G Investments, beleuchtet die jüngsten Marktentwicklungen und erklärt, wie sie die Zukunft der Branche einschätzt: 

„Mit einem Minus von mehr als 60 Prozent seit Jahresbeginn zeigte der Energiesektor im Vergleich zu allen anderen Anlageklassen die schlechteste Wertentwicklung: Brent-Rohöl, die internationale Benchmark, fiel von etwa 70 US-Dollar pro Barrel im Januar auf ein 18-Jahrestief unter 20 US-Dollar im Mai. 

Durch umfassende Reiseverbote und eine weltweit massiv eingeschränkte Mobilität fiel der Ölverbrauch global um 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur IAE schätzt, dass die Nachfrage im April 2020 um 29 Millionen Barrel pro Tag niedriger war als vor einem Jahr und damit auf das Niveau des Jahres 1995 gesunken ist.

Sensible Balance zwischen Angebot und Nachfrage 

Der dramatische Bedarfsrückgang führte allerdings zunächst nicht zu einer Reduktion des Angebots. Im Gegenteil: Seit dem Beginn der Ölgewinnung durch Fracking stieg die Fördermenge stetig an und sorgt bereits seit geraumer Zeit für einen Angebotsüberhang. Die OPEC und ihre Verbündeten haben viele Versuche unternommen, die Produktion zu drosseln – aber ohne Erfolg. Der zum falschen Zeitpunkt geführte Krieg um Marktanteile zwischen Saudi-Arabien und Russland verschärfte das Überangebot weiter.

So entstand ein Ungleichgewicht und damit eine Notsituation bei der Lagerhaltung, weil die vorhandenen Kapazitäten an ihre Grenzen stießen. Am 20. April fielen die Rohölpreise für die Sorte West Texas Intermediate (WTI) in den USA zum ersten Mal in der Geschichte unter null, wobei der Preis für einen Lieferkontrakt zu einem bestimmten Termin im Mai auf negative 40 Dollar absackte. Die Produzenten bezahlten die Käufer also dafür, dass sie ihnen das Öl abnahmen, weil die Kosten für die Lagerung den wirtschaftlichen Wert überstiegen. 

Die Industrie will jetzt verhindern, dass die Preise für Verträge im Juni erneut auf ein Niveau unter null sinken. Dafür wurden beispielsweise zusätzliche Bevorratungsmöglichkeiten geschaffen und weitere Maßnahmen ergriffen, wie etwa die Vereinbarung von Produktionskürzungen um rund zehn Prozent durch die OPEC-Mitglieder und ihre Verbündeten mit Wirkung vom Mai. Weil die Preise so stark gefallen sind, haben US-amerikanische Produzenten von Öl und Gas ihre Fördermengen zurückgefahren.

Energiewende bringt zusätzliche Herausforderungen  

Während sich die Welt normalisiert, wird es entscheidend darauf ankommen, mit welchem Engagement die Ölgroßkonzerne weiter den Energiewandel angehen. Fallende Preise haben viele große Unternehmen gezwungen, ihre Kapitalbudgets und sogar ihre Dividenden zu kürzen. 

Erstmalig seit dem Zweiten Weltkrieg hat Shell bereits seine Dividende gekürzt – als erster Konzern aus der Gruppe der Ölgiganten. Dies ist kein kurzfristiges Phänomen, denn die politische Forderung nach einer Reduktion der CO2-Nettoemissionen bis zum Jahr 2050 auf null bedeutet für die Energieindustrie quasi einen Neustart. So hat der Vorstandsvorsitzende von BP für seine Amtszeit zugesagt, das Unternehmen auf den Weg zu "Netto-Null-Emissionen" zu bringen, und auch Total gibt sauberer Energie den Vorrang. 

Dieser beispiellose Umbruch hin zu sauberer Energie und Nachhaltigkeit wird den Sektor ohne Zweifel in den kommenden Jahren prägen. Damit die Anstrengungen erfolgreich sind, müssen sie allerdings langfristig ausgelegt sein und mit großem Einsatz vorangetrieben werden. 

Marktkonsolidierungen denkbar - Zukunft gehört den Großen 

Wahrscheinlich werden solide aufgestellte Ölriesen gestärkt aus dieser Krise hervorgehen, denn die Gruppe der Mitbewerber wird sich verkleinern. So erwarten wir, dass die Gewinnung von Öl und Gas aus Schiefer in den USA über die nächsten zwei Jahren stark zurückgeht, weil sich gerade diese Unternehmen schwer damit tun, nachhaltig einen positiven freien Cashflow zu generieren. Das könnte zu heftigen Marktveränderungen durch Konsolidierungen und Konkurse führen.  

In den kommenden Monaten werden globale Lagerbestände ebenso wie die Ölpreise volatil bleiben. Keine andere Krise der letzten 70 Jahre hat die Energienachfrage so stark beeinflusst wie die Corona-Pandemie. Wir gehen jedoch davon aus, dass der Ölmarkt nach den sukzessiven Aufhebungen der weltweiten Beschränkungen besser gesteuert und damit stabiler sein wird. Dafür werden insbesondere Kürzungen der Fördermengen der OPEC+, sowie erhebliche Rückgänge der US-Schieferproduktion sorgen.“

Ritu Vohora, Investmentdirektor, M&G Investments 

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