„Die Bewertungen sind oftmals auf die aktuelle Rentabilität ausgerichtet, während die Unternehmen theoretisch nur anhand ihres Barwerts bewertet werden, die an die Aktionäre zurückfließen können. In der Praxis ist dies hauptsächlich eine Frage der Risikobereitschaft, die in jüngster Zeit zurückgegangen ist.
Die Märkte zeigen nun stärkeres Interesse an Gewinnen, wohingegen Cash kaum Beachtung findet. Diese Entwicklung wurde von einem leichten Anstieg der Zinssätze ausgelöst, die als Reaktion auf den Inflationsdruck zu werten sind. Zudem hat sich das politische und wirtschaftliche Umfeld verschlechtert.
Vor dem Hintergrund haben wir die Cash-Generierung als führendes Qualitätsmerkmal in den Blick genommen. Wie haben sich die Unternehmen im Rahmen von Covid-19 verhalten? Eine Pandemie dürfte belastender sein als eine starke Kehrtwende der Inflation und der Zinssätze. Besonders interessant ist daher der Umgang der Unternehmen mit Aktionären.
Widerstandsfähigkeit des Portfolios und Qualitätskennzahlen
Dividendenzahlungen geben Aufschluss über die grundlegende Widerstandsfähigkeit und Beständigkeit eines Unternehmens. Bargeldabrufe in Notfällen deuten auf zyklische Unternehmen und auf Unternehmen mit einer schlechteren Bilanzqualität hin und bieten somit eine Art Qualitätsbewertung.
Von den rund 40 Unternehmen, die wir im Geschäftsjahr 2020 untersucht haben, haben nur vier die Dividende vollständig gekürzt. Drei der Unternehmen waren indische Banken, die aufgrund von Regulierungen die Dividenden gekürzt haben. Denn die politischen Entscheidungsträger befürchteten eine weitere finanzielle Implosion. Auch ein staatliches Unternehmen, das über Nettobarmittel verfügte, kürzte aufgrund von Vorsichtsmaßnahmen die Dividenden. Es ist ein zweischneidiges Schwert, denn der Staat steht hinter dem Unternehmen, aber die Aktionäre sind nicht zwangsläufig immer in die Entscheidungsfindung involviert.
Begrenzte Kapitalerhöhungen, aber nur durch Banken
In der weltweit schwersten Phase der Pandemie fielen indische Banken hinsichtlich ihrer Bewertungen auf ein 10-Jahres-Tief. Wir haben diese Banken in Bezug auf ihre Risikobereitschaft und ihre umsichtige Kreditvergabe stets positiv bewertet. Dies scheint sich durch die nachfolgenden Erfahrungen mit faulen Krediten bestätigt zu haben. Dennoch haben viele von ihnen in dieser heißen Phase Kapital aufgenommen. Im Nachhinein betrachtet war dies wohl nicht notwendig und führte zu einer gewissen Verwässerung, auch wenn die Aufsichtsbehörde möglicherweise darauf gedrängt hatte. Außerhalb des Bankensektors musste keines der von uns untersuchten Unternehmen auf Verwässerungseffekte bei Kapitalerhöhungen und Kapitalabrufe zurückgreifen.
Dies ist unter anderem auf die weltweiten Hilfsleistungen der Regierungen zurückzuführen, deren Haushaltsdefizite aufgrund von Beschäftigungs- und Mietsubventionen stark anstiegen. Wir betrachten jedoch das Ausbleiben von Kapitalerhöhungen als ein Qualitätsmerkmal für die Stärke der Bilanzen.
In den Schwellenländern und vor allem in Asien spielen Dividenden eine untergeordnete Rolle, denn Investoren sind in diesen Regionen auf Wachstum aus und wollen für Risiken, die sie eingehen (zum Beispiel Währung, Politik oder Recht) entschädigt werden.
Der historische Dividenden-Anteil von Unternehmen im asiatisch-pazifischen Raum fiel bisher geringer aus als im Westen. Im Vergleich dazu machen Dividenden in einem Markt wie dem Vereinigten Königreich einen wesentlichen Bestandteil (40-50 Prozent) der Gesamtrendite aus. Dennoch haben die Kapitalerträge die US-Märkte in den letzten zehn Jahren angetrieben.“
Richard Jones, Direktor und Portfoliomanager mit Schwerpunkt Asien-Pazifik-Aktien bei FSSA Investment Managers (First Sentier Investors)