Going Green: Es gibt Reis, Baby!

Research | 02.04.2025 08:59 Uhr


Going Green: Es gibt Reis, Baby!

Die enormen ökologischen und sozialen Auswirkungen von Agrarrohstoffen auf unsere Welt

Aus Nachhaltigkeitssicht schneiden landwirtschaftliche Produkte hinter den Energierohstoffen am zweitschlechtesten ab, so das Ergebnis des aktuellen Updates der rfu-Rohstoffratings. Dabei wurden rund zwei Dutzend Rohstoffe aus den Bereichen tierische Lebensmittel, Getreide, Ölsaaten und andere landwirtschaftlich Güter auf ihre sozialen und ökologischen Auswirkungen durchleuchtet: das beste Ergebnis aus Nutzungsperspektive erzielt das weltweite Grundnahrungsmittel Reis. Klarer Negativ-Sieger ist Rindfleisch.

Welch enorm großer Wirtschaftszweig die globale Landwirtschaft ist, machen die Facts in der folgenden Grafik deutlich:

Enorme Auswirkungen durch Produktion 

Diese Zahlen veranschaulichen eindrucksvoll, dass unsere Ernährung nicht nur den Grundstein für unser Dasein darstellt, sondern auch enorme Auswirkungen auf die gesamte Erde und die Menschheit hat.

Wenig verwunderlich ist, dass auf Seite der Produktion keiner der untersuchten landwirtschaftlichen Rohstoffe ein positives Rating erzielt, schließlich sind die Auswirkungen der Erzeugung auf Boden, Wasser, Biodiversität und Klima umfangreich und weltumspannend. Darüber hinaus sind die Dimensionen mit mehr als eine Milliarde Beschäftigten in der Landwirtschaft sowie der durch die negativen Folgewirkungen dieses Produktionszweiges betroffenen Menschen enorm.

Weitere wichtige Aspekte, die in der Nachhaltigkeitsanalyse berücksichtigt werden, sind u.a. die Marktmacht von Akteuren, das Thema Zwangs- und Kinderarbeit, Landraub, die Verschmutzung durch Pestizide, die Wasserknappheit und Bodendegradierung sowie Landnutzung und deren Änderung.

Eines haben die 22 untersuchten landwirtschaftlichen Rohstoffe gemeinsam: diese weisen einen Trend in Richtung Flächenausweitung sowie verstärkten Dünge-, Pestizid-, Maschinen- und Technologieeinsatz auf. Immer intensivere Anbaumethoden verschärfen die Bodendegradierung massiv und dies steht in besorgniserregender Wechselwirkung mit dem Voranschreiten der Klimakrise. 25 Prozent der weltweiten eisfreien Landfläche bzw. 33 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche sind von einer durch den Menschen verursachten Verschlechterung der Bodenqualität betroffen.  

In der EU zeigt sich ein besonders besorgniserregendes Bild: hier können bis zu 60 Prozent aller Böden ihre Ökosystemleistungen – wie etwa die Aufnahme und das Speichern von Wasser und die Aufrechterhaltung der Nährstoffkreisläufe – nicht mehr erfüllen oder haben diese Fähigkeiten bereits ganz verloren. Die jährlichen Kosten des erosionsbedingten Verlusts an landwirtschaftlicher Produktivität werden allein in der EU auf 1,25 Milliarden Euro geschätzt.

In den Ergebnissen der rfu Rohstoffanalyse zeigt sich, dass in der Produktion – wenig überraschend – Rindfleisch sowie Kakao die schlechtesten Ratings aufweisen, gefolgt von Palmöl, Schweinefleisch und Baumwolle. Einige der Agrargüter, wie etwa Hafer, Sonnenblumenkerne und Rapsöl (diese wurden zum ersten Mal analysiert) erzielen in der Produktionsphase im Vergleich zu anderen Rohstoffen relativ gute Ergebnisse.

 Nutzung: Fairness auf dem Teller oder im Tank?

Für die Bewertung der Nutzung sind vor allem zwei Faktoren entscheidend: die ungleiche Verteilung von Lebensmitteln sowie deren jeweilige Verwendung - etwa als Grundnahrungsmittel, Futtermittel oder Biokraftstoff.

So schneidet in der Nutzungsphase Reis mit am besten ab, insbesondere weil er in weiten Teilen der Welt das wichtigste Grundnahrungsmittel ist. Auch Weizen, Milch und die meisten Ölsaaten werden zum Großteil als Nahrungsmittel verwendet und weisen ebenfalls eine positive Verwendungsbilanz auf. Große Teile der landwirtschaftlichen Produktion landen hingegen nicht (direkt) auf dem Tisch, sondern werden als Futtermittel für die Fleischproduktion in der Viehwirtschaft eingesetzt.

Die Verwendung von Agrarprodukten wie etwa Mais und Zuckerrohr für Ethanol oder Soja und andere Ölsaaten für Biodiesel ist - ganz abgesehen vom hohen Landverbrauch in der Produktion – umstritten, und lädt schon seit einigen Jahren zu kontroversiellen Debatten darüber ein.

Lebensmittel: Umverteilung, Überschuss und Gesundheit

Die globale Ungleichverteilung von Lebensmitteln sowie die Auswirkungen von ungesunder Ernährung auf die Weltgesundheit sind enorm. Während die Anzahl der hungernden und mangelernährten Menschen im Vergleich zur Zeit vor der COVID-Pandemie gestiegen ist, gibt es weltweit auch immer mehr übergewichtige und fettleibige Menschen. Nicht übertragbare Krankheiten sind weltweit die größte Ursache für vorzeitige Todesfälle. Hauptauslöser dafür ist einseitige, ungesunde Ernährung mit viel Zucker, Salz und Fleisch sowie industriell hochverarbeitete Lebensmittel. Daraus ergibt sich eine sehr hohe Belastung für die Gesundheitssysteme der einzelnen Länder. Gleichzeitig werden über 30 Prozent aller erzeugten Lebensmittel weggeworfen.

Rindfleisch bleibt klarer Negativ-Sieger

Unbestritten ist, dass die Fleischproduktion einen besonders negativen Impact auf die Umwelt, die Bevölkerung sowie Mitarbeitende in der Industrie hat. Das betrifft Schweine-, Huhn-, aber insbesondere Rindfleisch. Kein anderer Agrarrohstoff weist einen höheren Landverbrauch und eine ungerechtere Verteilung auf.

Vor allem die ungleiche Verteilung von Rindfleisch, dessen ineffiziente Nährstoffverwertung im Körper und die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit stellen besonders kritische soziale Faktoren dar. Parallel dazu sind die Klimaauswirkungen der Fleischproduktion enorm. Arbeitende auf Rinderfarmen und in Schlachthöfen und Fleischfabriken sehen sich oft mit prekären Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverletzungen konfrontiert. Der weit verbreitete und hohe Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung führt zu einem, für die gesamte Weltbevölkerung immer größer werdenden Risiko von Antibiotikaresistenzen. Aus ökologischer Sicht ist die Massentierhaltung außerdem mit einer sehr starken Abholzung der Wälder, mit Wasserstress und mit dem größten Fußabdruck in Bezug auf die biologische Vielfalt verbunden.

Alte vs. neue Wege

Das Narrativ, dass nur eine intensive Landwirtschaft, mit hohem Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden und Technologie, die Weltbevölkerung ernähren kann, hält sich standhaft. Häufig wird auf Überbevölkerung verwiesen, was jedoch an der tatsächlichen Problemstellung vorbei geht.

Studien gehen hingegen davon aus, dass die weltweite Lebensmittelproduktion bereits heute 14 Milliarden Menschen (2025 sind es rund 8,1 Milliarden) ernähren könnte. Hauptursachen für die Ernährungsunsicherheit stellen Armut und Landmangel von lokalen Bevölkerungsgruppen dar. Zudem werden enorme Teile der weltweiten Pflanzenproduktion für Tierfutter, Biokraftstoffe, stark verarbeitete Lebensmittel und billige Kleidung verwendet - und das hauptsächlich in wohlhabenden Ländern.

Regenerativ und intensiv müssen sich nicht widersprechen

In den Beschäftigungszahlen kann man die Wertigkeit von Lebensmittelproduktion sehr gut nachvollziehen: weltweit sind etwa 50 Prozent der gesamten Arbeitskraft im landwirtschaftlichen Bereich tätig. Angesichts der unabänderlichen Notwendigkeit von Nahrungsmittelproduktion scheint dies gerechtfertigt. Sieht man sich das Verhältnis in Industriestaaten an, zeigt sich, dass hier nur etwa 5 Prozent der gesamten Arbeit in die Landwirtschaft fließen. Weiters sind landwirtschaftliche Förderungen immer noch hauptsächlich an Flächengröße gebunden und nicht an die ökologische Wertigkeit der Produkte bzw. der Produktion.

Essenziell für den Weg hin zu nachhaltiger Agrarwirtschaft und Ernährungssicherheit der globalen Bevölkerung sind klare politische Maßnahmen, die Veränderungen im Konsumverhalten unterstützen sowie boden- und wasserschonenden Anbau fördern. Zahlreiche – oft langjährig bestehende - Projekte in verschiedensten Ländern zeigen, dass auch intensive Bewirtschaftung reichhaltige Erträge liefert, ganz ohne Bodenauslaugung und hohen Dünger- und Pestizideinsatz. Was diesen Projekten fehlt, sind finanzielle Mittel in Form von gerechten landwirtschaftlichen Förderungen, welche diesen Arbeitseinsatz möglich machen und die Bauern somit von der Produktion ihrer hochwertigen Produkte leben können.

Mit rfu Rohstoffratings ESG-Status erheben und steuern

Finanzmarktakteure können die Ergebnisse des rfu Rohstoffratings unterschiedlich nutzen: zum einen, um bestehende Portfolios aus unterschiedlichen Nachhaltigkeitsblickwinkeln miteinander zu vergleichen oder um die Informationen für ein Divestment im Corporate Bereich zu nutzen. Zum anderen dienen die Ratingergebnisse insbesondere Asset Managern und Anlegern, um Kenntnis über den ESG-Status ihres Rohstoff-Portfolios zu erlangen und dessen ESG-Qualität zu eruieren, um in weiterer Folge dann aktiv steuern zu können.

Genaue Informationen zum rfu Rohstoffmodell finden Sie hier, eine umfassende Erklärung des rfu Ländermodells hier.

Über die rfu:

Die rfu, mit Sitz in Wien, ist Österreichs Spezialistin für Nachhaltiges Investment und Management und unterstützt institutionelle Kunden mit Nachhaltigkeits-Research und der Konzeption von Investmentprodukten. „Technologisches Herz" sind die rfu Nachhaltigkeitsmodelle für Unternehmen, Länder und Rohstoffe.

Weitere Leistungen sind u.a. die Erstellung von Prüfgutachten nach dem Österreichischen Umweltzeichen sowie Second Party Opinions zur Emission von Green und Social Bonds.

Weitere Informationen finden Sie auf www.rfu.at

Über die Artikelserie "GOING GREEN":
GOING GREEN ist eine monatliche Kolumne auf e-fundresearch.com zu Entwicklungen und Hintergründen im nachhaltigen Investment, verfasst von Reinhard Friesenbichler und seinen Kolleginnen und Kollegen aus der rfu.

Weitere beliebte Meldungen:

Performanceergebnisse der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Investmentfonds oder Wertpapiers zu. Wert und Rendite einer Anlage in Fonds oder Wertpapieren können steigen oder fallen. Anleger können gegebenenfalls nur weniger als das investierte Kapital ausgezahlt bekommen. Auch Währungsschwankungen können das Investment beeinflussen. Beachten Sie die Vorschriften für Werbung und Angebot von Anteilen im InvFG 2011 §128 ff. Die Informationen auf www.e-fundresearch.com repräsentieren keine Empfehlungen für den Kauf, Verkauf oder das Halten von Wertpapieren, Fonds oder sonstigen Vermögensgegenständen. Die Informationen des Internetauftritts der e-fundresearch.com AG wurden sorgfältig erstellt. Dennoch kann es zu unbeabsichtigt fehlerhaften Darstellungen kommen. Eine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen kann daher nicht übernommen werden. Gleiches gilt auch für alle anderen Websites, auf die mittels Hyperlink verwiesen wird. Die e-fundresearch.com AG lehnt jegliche Haftung für unmittelbare, konkrete oder sonstige Schäden ab, die im Zusammenhang mit den angebotenen oder sonstigen verfügbaren Informationen entstehen.

Melden Sie sich für den kostenlosen Newsletter an

Regelmäßige Updates über die wichtigsten Markt- und Branchenentwicklungen mit starkem Fokus auf die Fondsbranche der DACH-Region.

Der Newsletter ist selbstverständlich kostenlos und kann jederzeit abbestellt werden.