In der Vergangenheit wurden bei ESG-Ratings sogenannte "Sub-Sovereigns" - Bundesländer, Städte und Gemeinden - häufig mit Nationalstaaten gleichgesetzt. Diese Unschärfe verhindert es aber positiven regionalen Entwicklungen auch durch Anlageentscheidungen Nachdruck zu verleihen. Relevant kann dies vor allem werden, wenn Staaten Ausschlusskriterien verletzen, einzelne Bundesländer oder Städte sich jedoch vom Gesamtstaat entscheidend differenzieren.
Über mehrere Jahre hinweg hat die rfu research ein Modell zum Vergleich von Regionen innerhalb von Ländern entwickelt, die rfu Sustainablity Rating Methodology for Sub-Sovereigns. Mehrere hundert Gebietskörperschaften mit investierbaren Anleihen wurden analysiert. Das Grundmodell basiert auf unserem dem rfu Sovereign Rating (https://www.rfu.at/rfu-modelle/laender/ ).

Regionale KPIs
Um zusätzliche Informationen auszuwerten, wurden über 100 sozialökologische Datensätzen in einer Datenbank mit über 4.000 Sub-Sovereigns zusammengefasst. Hier sind detaillierte Ergebnisse aus öffentlichen Umfragen ein wichtiges Differenzierungsmerkmal für den Vergleich von Bundesländern und Städten.
Ein gewisser Mut zur Lücke ist unabdingbar, da Daten nur eingeschränkt vorhanden sind und die Qualität stark variieren kann. Selbst Datensätze zu Schlüsselthemen mit klaren methodischen Konventionen (z.B. Klimaemissionen) weichen teilweise von einer Extrapolation von nationalen Ergebnissen ab. Potenzielle Risiken, die mögliche Verletzung von Ausschlusskriterien oder spezifische Schlüsselthemen werden durch qualitative Recherchen systematisch analysiert.
Stadt versus Land
Wie vergleichbar sind Städte mit ländlichen Räumen? Die Erstellung von Nachhaltigkeits-Ratings von Städten wirft methodische Fragen auf, da diese häufig Umwelteffekte von Landwirtschaft, Industrie und Energieerzeugung an die Peripherie auslagern. Konsumbasierte Statistiken können helfen diese Effekte messbar zu machen, sind auf dieser Ebene jedoch kaum verfügbar. Gleichzeitig haben urbane Räume eine sehr „effiziente“ Landnutzung, verfügen über wertvolle Infrastruktur und sind hinsichtlich sozialer Politiken oft progressiver als das Umland. Wo verfügbar, werden Städte eher untereinander verglichen, anstatt nur mit ländlichen Regionen im gleichen Staat.
Je enger die Grenzen gezogen werden, desto stärker treten spezifische Eigenschaften aber auch Abhängigkeiten zu Tage. Eine Gemeinde mit einem Stahlwerk kann exorbitante Klimaemissionen haben, die arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitische Bedeutung reicht jedoch weit über die regionalen Grenzen hinaus. Bewusst wird von rfu research die Mathematisierung dieser Ungenauigkeiten eingeschränkt und um qualitative Aspekte ergänzt.
Einzelne Bundesstaaten heben sich signifikant ab
In vielen Staaten, wie beispielsweise Österreich, weichen die Ergebnisse der meisten Sub-Sovereigns nur leicht vom Länderrating ab. Interessanterweise sind in Deutschland die Unterschiede weitaus stärker. So hebt sich zum Beispiel Baden-Württemberg deutlicher von Sachsen-Anhalt ab als z.B. Vorarlberg von Oberösterreich.
Die Vereinigten Staaten sind ein besonders spannendes Beispiel, da die Ergebnisse der einzelnen US-States am stärksten abweichen. Ein Vergleich von lokalen Arbeitsrechten, Klimapolitik aber auch des Umgangs mit Diversity zeigt, dass einzelne Bundesstaaten sich eindeutig differenzieren. Was bedeutet das konkret für Investor*innen? Kalifornische Anleihen können das von mehreren Ausschlusskriterien betroffene staatliche Pendant ersetzen und somit auch den autoritären Entwicklungen unter Trump entgegenwirken.
Weitere Beispiele für Gebietskörperschaften, die sich entscheidend in Sachen Ausschlusskriterien vom Gesamtstaat abheben, sind bei Klimapolitik (z.B. Western Capital Territory in Australien) oder Atomenergie (z.B. ausgewählte französische Städte und Regionen) zu finden. Auch Budapest ist hier zu nennen. Die Stadt liegt – zumindest in der jüngeren Vergangenheit – leicht über dem staatlichen Gesamt-Rating, weil sie unter anderem Versammlungsrechte der LGBTQI-Community geschützt hat.
Für nachhaltige Investment-Portfolios und Investor*innen lohnt sich also ein differenzierter Blick auf Staatsanleihen und der Grundgedanke, dass ein Staat nicht mit den darunterliegenden Gebietskörperschaften gleichzusetzen ist.
Über rfu research GmbH
rfu research ist Spezialistin für Nachhaltiges Investment im umfassenden Sinne. Auf Grundlage dieser Kernkompetenz konzipieren wir nachhaltige Investmentprodukte, erstellen Nachhaltigkeits-Research und integrieren Nachhaltigkeit in Anlageprozesse.
Das „methodische Herz“ schlägt in den rfu Nachhaltigkeits-Ratings für Unternehmen, Länder und Rohstoffe.
Weitere Informationen finden Sie auf www.rfu.at
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Über die Artikelserie "GOING GREEN":
GOING GREEN ist eine monatliche Kolumne auf e-fundresearch.com zu Entwicklungen und Hintergründen im nachhaltigen Investment.
