ELTIF 2.0 im Realitätscheck: Zwischen Demokratisierung und „Riester-Falle“?

Der ELTIF 2.0 wird als der große Hoffnungsträger gehandelt, um illiquide Assets für Retail-Kunden zu öffnen. Doch hält das Vehikel im Praxistest, was die Theorie verspricht? In einer exklusiven Umfrage hat e-fundresearch.com führende Branchenvertreter gebeten, sowohl die Chancen als auch die Risiken zu analysieren. Das Ergebnis zeigt ein differenziertes Bild: Während die Experten die breitere Öffnung der Private Markets als positiv bewerten, gibt es noch Baustellen beim Umgang mit dem inhärenten Liquiditätsrisiko und den strukturellen Hürden im Vertrieb. Funds | 05.12.2025 10:53 Uhr

Key Takeaways: ELTIF 2.0 im Überblick

Chance- Demokratisierung & Diversifikation: ELTIF 2.0 ermöglicht Privatanlegern erstmals einen regulierten Zugang zu illiquiden Assets (Infrastruktur, Private Equity). Dies verbessert die Portfolio-Diversifikation und kann die risikoadjustierte Rendite steigern.

Risiko- Liquidity Mismatch: Trotz der neuen Evergreen-Strukturen bleibt die Illiquidität der Assets das größte Problem. Experten warnen vor dem Risiko, dass Liquiditätsfenster in Krisenzeiten ausgesetzt werden oder zu stark eingeschränkt sind.

Baustelle- Vertrieb & Abwicklung: Mangelnde Finanzbildung der Anleger, hohe Komplexität und der fehlende einheitliche technische Standard bei Depotbanken und Plattformen könnten den flächendeckenden Durchbruch erschweren.

Lange Zeit waren Private Equity, Private Debt oder Infrastruktur-Investments ein exklusiver Club, dessen Türsteher Privatanleger konsequent abwiesen. Mit der ELTIF-2.0-Novellierung hat die EU diesen Club nun auch für Retail-Kunden geöffnet. Die Euphorie auf der Anbieterseite ist spürbar: „Das Potenzial, das sich durch die ELTIF-Reform nun eröffnet, ist gewaltig“, konstatiert Michael Jäger, Head of Private Assets CEE bei Natixis Investment Managers. Er stellt Anlegern langfristig gar „zweistellige jährliche Wertsteigerungen“ in Aussicht.

Die vollständigen Einschätzungen der Expert:innen lesen Sie hier:

Auch die Zahlen stützen diesen Optimismus. Timo Werner, Fondsmanager des klimaVest bei der Commerz Real, verweist auf aktuelle Scope-Daten, wonach allein in den ersten drei Quartalen 2025 mindestens 82 neue ELTIFs an den Start gegangen sind. „Die Reform des ELTIF-Regelwerks hat dem Markt offensichtlich gutgetan“, so Werner.

Die Pro-Seite: Diversifikation und Realwirtschaft

Das Hauptargument der Befürworter ist die Portfoliokonstruktion. Brandon Robinson von J.P. Morgan Asset Management betont, dass Alternativen im Portfoliokontext an Bedeutung gewinnen, da sie „nicht nur Schutz vor Inflation bieten, sondern auch Diversifikation durch geringe Korrelation zur klassischen Aktien-Anleihen-Allokation ermöglichen“.

Dabei geht es nicht nur um Rendite, sondern auch um Zugang. Ludger Wibbeke (HANSAINVEST) lobt die gesunkenen Einstiegshürden und die Flexibilität der neuen Strukturen, etwa durch Dachfonds oder Master-Feeder-Konstruktionen. Für Susette Mantzel von Berenberg liegt ein weiterer Charme in der volkswirtschaftlichen Komponente: Ziel sei es, Kapital zu mobilisieren. „Langfristig haben sie großes Potenzial, insbesondere für Altersvorsorge und Infrastrukturinvestments“, so Mantzel.

Diesen Aspekt unterstreicht auch Kevin Helm von GLS Investments. Er sieht im „erwarteten Infrastruktur-Boom“ eine Chance, den Investitionsstau in Deutschland durch die Aktivierung privaten Kapitals abzubauen – eine „Win-Win-Situation für die Umwelt und Anleger“.

Die Liquiditäts-Illusion: Evergreen oder Forever-Green?

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Die größte Sorge der Experten betrifft das sogenannte „Liquidity Mismatch“. Viele neue ELTIFs werden als semiliquide „Evergreen“-Fonds konzipiert. Charles Foucard (Edmond de Rothschild AM) warnt eindringlich: „Dies birgt das Risiko einer Diskrepanz zwischen illiquiden Anlagen und Liquiditätsanforderungen.“ Im schlimmsten Fall zwinge dies Manager zu hohen Cash-Quoten zulasten der Rendite oder erzeuge systemische Risiken.

Auch Jörg Allenspach von Candriam sieht im möglichen Liquidity Mismatch eine zentrale Herausforderung. Zwar ermöglichen Evergreen-Strukturen eine Überwindung der Hürden, doch Michael Jäger (Natixis) gibt zu bedenken: „Der Kompromiss ist eine etwas geringere Renditeerwartung.“

Besonders deutlich wird Thomas Weinmann, CEO von REIA Capital, der einen drastischen Vergleich zieht: „ELTIF wie Riesterrente: Gut gemeint – schlecht gemacht.“ Er kritisiert, dass Evergreen-Strukturen dazu führen könnten, dass Anleger unbefristet investiert bleiben müssen, wenn Liquiditätsoptionen in Krisen nicht greifen. Sein Fazit: „Trotz Regulierung bleibt der ELTIF ein illiquides, schwer vergleichbares Produkt mit eingeschränkter Flexibilität und hohem Kostenrisiko.“

Der Flaschenhals Vertrieb und Technik

Selbst wenn das Produkt stimmt, muss es den Weg zum Kunden finden. Hier sehen die Befragten massive Hürden. „Auch das beste Kapitalanlageprodukt wird nicht verkauft, wenn Anleger es nicht kennen oder verstehen“, mahnt Ludger Wibbeke. Es brauche dringend Initiatoren mit gutem Track-Record und Verständnis für das Privatkundensegment.

Jesco Schwarz (Neuberger Berman) pflichtet dem bei und warnt vor Enttäuschungen: „Essenziell für das Vertrauen der Endkunden ist, dass diese nicht mit Restdeals bedient werden.“ Eine transparente Aufklärung über die Illiquidität sei unabdingbar, denn bei falscher Beratung könne „viel Vertrauen zerstört werden“.

Hinzu kommen operative Kinderkrankheiten. Kevin Helm (GLS) bemängelt eine „mangelnde Reife bei der technischen Abwicklung“. Depotbanken und Plattformen hinken hinterher. Auch Timo Werner (Commerz Real) merkt an, dass die fehlenden einheitlichen Standards die Abwicklung für Vertriebe „relativ komplex“ machen.

Regulatorische Wünsche bleiben offen

Trotz des Lobes für ELTIF 2.0 sehen Experten wie Manuel Bauer (Erste Asset Management) noch regulatorische Baustellen. Er kritisiert, dass der Unionsgesetzgeber auf ein einheitliches Besteuerungsregime verzichten musste, weshalb sich die Besteuerung von ELTIF-Erträgen weiterhin nach dem Recht der Mitgliedstaaten richte. Steueranreize wie in Italien oder Spanien wären wünschenswert, um dem Produkt zum Durchbruch zu verhelfen.

Auch Ralf Rosenbaum (BayernInvest) warnt: „Der regulatorische Rahmen allein reicht nicht aus, um einen funktionierenden Markt zu schaffen.“ Ohne sichtbare Referenzprojekte und einen funktionierenden Sekundärmarkt habe es der ELTIF schwer.

Fazit

Die Umfrage zeigt: Der ELTIF 2.0 wird von der Branche als mächtiges Werkzeug zur Portfoliooptimierung begrüßt, ist aber kein Selbstläufer. Christian Humlach (Aquila Capital) fasst das Dilemma des Vertriebs zusammen: „In Zeiten, in denen die Aktienmärkte steigen, interessieren sich Anleger typischerweise weniger für Assetklassen, die für Stabilität im Portfolio sorgen können – gerade, wenn Alternativen wie Aktien oder ETFs vergleichsweise günstiger und liquider sind und in guten Phasen höhere Rendite abwerfen können. Vor diesem Hintergrund ist es für uns als Anbieter wichtig, nicht nur die Anleger, sondern auch die Berater von den langfristigen Vorteilen der ELTIFs zu überzeugen. “

Es liegt nun an den Asset Managern und Beratern, die Balance zwischen vollmundigen Renditeversprechen und realistischer Risikoaufklärung zu finden, damit der ELTIF 2.0 nicht als „Riester 2.0“ endet, sondern als echte Brücke zwischen Privatkapital und Realwirtschaft.

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