Die nachhaltige Finanzwirtschaft wird oft als restriktiv oder ausschließend dargestellt – ein Missverständnis, das einer Einordnung bedarf – zumal Angesichts des europäischen Erwachens in Sachen Souveränität ist es an der Zeit, die Debatte ins richtige Licht zu rücken.
So komplex und teils subjektiv der europäische Rechtsrahmen für nachhaltige Finanzwirtschaft auch sein mag – er schreibt keine sektorspezifischen Ausschlüsse vor. Im Gegenteil: Er zielt darauf ab, Transformation, Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität Europas über alle Branchen hinweg zu fördern.
Aktuell steht insbesondere die Verteidigungsindustrie im Fokus. Viele Investoren stellen sich die Frage, ob deren Finanzierung mit den Prinzipien nachhaltiger Finanzwirtschaft vereinbar ist. Die Antwort darauf ist eindeutig: Auch dieser Sektor unterliegt keinerlei grundsätzlichen Ausschlüssen. Als nachhaltig gelten auch solche Investitionen, wenn die die klassischen Filter der ESG-Analyse bestehen. Ergänzend greifen europäische Verordnungen wie die SFDR (Sustainable Finance Disclosure Regulation) und die CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive), die eine transparente Analyse sowohl für Finanzprodukte als auch für Unternehmen vorschreiben.
Ohnehin gelten für die „Verteidigungsindustrie“ internationalen Rahmenbedingungen wie die Genfer Konventionen von 1949 und das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs. Diese fundamentalen Rechtsinstrumente setzen Grenzen für die Produktion und den Einsatz von Waffen, insbesondere solche, die unnötiges Leid verursachen oder unterschiedslos Zivilisten treffen. Die Produktion von Waffen erfordert eine Genehmigung und steht unter staatlicher Aufsicht. Die Kriterien für die Erteilung von Exportlizenzen legen besonderes Augenmerk auf die Achtung der Menschenrechte, regionale Stabilität und internationale Verpflichtungen zur Nichtverbreitung nicht-konventioneller Waffen. Kaum ein Sektor ist also stärker reguliert.
Diversifikation, Diversifikation, Diversifikation.
Es gibt auch keinen Zielkonflikt zwischen der Finanzierung der Energiewende und der Stärkung nationaler Sicherheit. Beides ist möglich, beides ist nötig. Die Diversifikation, ein zentrales Prinzip der Vermögensverwaltung, ist– getrieben von einer berechtigten, aber oft überspannten Dringlichkeit der Klimatransition in den vergangenen Jahren in den Hintergrund geraten.
Wenn Europa souverän und unabhängiger werden will, umfasst das alle Wirtschaftsbereiche – und zunehmend auch solche, in denen Europa im Rückstand ist: Sicherheit, Luft- und Raumfahrt, Künstliche Intelligenz, kritische Rohstoffe, Mobilität, Energieversorgung.
Sicher: Aus ethischer Perspektive mag man Investitionen in die Rüstungsindustrie ausschließen. Aber hier gilt es, die Begriffe auseinanderzuhalten: Ethik und nachhaltige Finanzwirtschaft sind zwar eng miteinander verbunden – aber nicht dasselbe. Während ethische Ansätze auf persönlichen Überzeugungen basieren, bietet die nachhaltige Finanzwirtschaft einen universellen Analyse- und Transparenzrahmen: ein strategisches Steuerungsinstrument für alle Unternehmen. In diesem Sinne ermöglicht nachhaltige Finanzwirtschaft ein breites Spektrum an Finanzprodukten mit unterschiedlichen Zielsetzungen – eine Grundvoraussetzung, um den Überzeugungen der Kunden gerecht zu werden, die Diversifikation ihrer Anlagen zu gewährleisten und die Finanzierung aller Wirtschaftszweige sicherzustellen.
Von Léa Dunand-Chatellet, Leiterin Nachhaltigkeit bei DNCA Investments
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