Wellington-Analyst Barbetta im Interview: „KI ist real, der Börsenhype selektiv“

Im Rahmen ihrer unabhängigen USA-Tripnotes-Recherchetour trafen e-fundresearch.com-Chefredakteur Simon Weiler und Marktstrategin Monika Rosen-Philipp auf Brian Barbetta, einen Technologieanalysten, Co-Leiter des Technologieteams von Wellington Management und Co-Portfoliomanager für die globale Innovationsstrategie. Im Gespräch mit Brian in Boston ging es um Marktübertreibungen, neue KI-Geschäftsmodelle, unterschätzte Nebenwerte sowie die Frage, ob China eine reale Bedrohung für westliche Halbleiter- und Softwareanbieter darstellt. Markets | 08.08.2025 10:55 Uhr
Brian Barbetta, Technologieanalyst, Co-Leiter des Technologieteams von Wellington Management und Co-Portfoliomanager für die globale Innovationsstrategie / © e-fundresearch.com / Wellington Management
Brian Barbetta, Technologieanalyst, Co-Leiter des Technologieteams von Wellington Management und Co-Portfoliomanager für die globale Innovationsstrategie / © e-fundresearch.com / Wellington Management

e-fundresearch.com: Herr Barbetta, wenn Sie auf das erste Halbjahr 2025 im Tech- und KI-Sektor zurückblicken – wie würden Sie die Entwicklung zusammenfassen?

Brian Barbetta: Technologischer Fortschritt verläuft selten linear. Besonders auffällig war für mich das vergangene Jahr, also 2024, in dem sogenannte Reasoning Models ihren Durchbruch hatten. Das sind KI-Modelle, die nicht nur Antworten generieren, sondern deren Qualität reflektieren und den Lösungsweg selbstständig hinterfragen. Diese Fähigkeit erhöht die Genauigkeit, erfordert aber deutlich mehr Rechenleistung für KI-Anwendungen. Genau das war der Treiber für das massive Wachstum bei der Nachfrage nach Rechenkapazitäten im KI-Bereich, das wir nun 2025 beobachten. Technologische Fortschritte wie die von DeepSeek wurden zunächst missverstanden, was zu irrationalen Kursreaktionen führte. Dabei handelte es sich um strukturelle Fortschritte, nicht um Bedrohungen. Gerade das sind die Situationen, in denen spezialisiertes Research besonders wertvoll wird.

e-fundresearch.com: Sie sprechen von einer Fehlbewertung rund um die Auswirkungen von DeepSeek. War das für Sie eine klassische Kaufgelegenheit?

Brian Barbetta: Aus unserer Team-Sicht ja. Viele Marktteilnehmer haben die Implikationen nicht richtig eingeordnet. DeepSeek reduzierte die Kosten für KI-Anwendungen und erschloss damit neue Anwendungsfälle, die zuvor zu kostenintensiv waren. Das wurde anfangs falsch interpretiert. Der Rückgang der Kosten führt dazu, dass dieselben Anwendungen plötzlich für viel mehr Nutzer attraktiv werden. Das wiederum beschleunigt die Verbreitung und damit die Nachfrage nach Rechenleistung. In unseren täglichen Meetings war das ein zentrales Thema. Viele Generalisten zeigten sich skeptisch, doch wir konnten auf Basis unseres Verständnisses gezielt Positionen ausbauen. Rückblickend war es ein temporärer Rückschlag, der sich langfristig als Einstiegschance erwiesen hat.

e-fundresearch.com: Gibt es aktuell Anzeichen für eine generelle Überbewertung im Technologiesektor?

Brian Barbetta: Ich sehe derzeit keine flächendeckende Euphorie. Klar ist: Technologieunternehmen handeln mit einem moderaten Aufschlag zum Gesamtmarkt. Das ist aber durch höhere Wachstumsraten, Margen und Kapitalrenditen gut begründet. Viel wichtiger: Einige der spannendsten AI-Infrastrukturwerte befinden sich außerhalb der bekannten „Magnificent Seven“. Zulieferer von Netzwerktechnik, optischen Komponenten oder Energieinfrastruktur zeigen oft bessere Fundamentaldaten und werden dennoch weniger beachtet. Natürlich gibt es einzelne Titel, deren Bewertungen ich als überhöht bezeichnen würde. Aber insgesamt sehe ich keine flächendeckende Übertreibung, wie sie bei früheren Paradigmenwechseln typisch war.

e-fundresearch.com: Stichwort Paradigmenwechsel: Wird sich das Marktgewicht der AI-Wertschöpfungskette verschieben?

Brian Barbetta: Ganz sicher. Derzeit sehen wir, wie sich entlang der Wertschöpfungskette neue Geschäftsmodelle etablieren. Besonders relevant sind dabei sogenannte AI-Agents. Dabei handelt es sich um Anwendungen, die Aufgaben nicht nur mit, sondern für den Nutzer erledigen. Sie automatisieren beispielsweise Codierung, Kundenservice oder Datenanalysen und erzeugen so produktive Effizienzgewinne. In diesem Segment entstehen aktuell Unternehmen, die schneller skalieren als jede frühere Technologiegeneration, sowohl hinsichtlich der Nutzung als auch der Umsatzgenerierung. Einige erzielen bereits Milliardenumsätze. Der Hardwareausbau ist zwar aktuell profitabler, aber es ist zu erwarten, dass die Softwareseite in den nächsten Jahren  an Bedeutung gewinnen wird.

e-fundresearch.com: Sehen Sie in China eine Bedrohung für westliche Technologieanbieter?

Brian Barbetta: Das hängt vom Segment ab. Im Softwarebereich beobachten wir durchaus interessante Entwicklungen. Unternehmen wie DeepSeek zeigen, wie unter Ressourcenknappheit – etwa bei GPUs – kreative Lösungen entstehen. Diese Modelle sind nicht unbedingt disruptiv, aber sie zeigen neue Ansätze. Im Bereich der Hardware sieht es anders aus. Chinesische Anbieter sind aktuell nicht so wettbewerbsfähig, wenn es um die technologisch fortschrittlichsten Halbleiter geht. Exportkontrollen verhindern zudem den Zugang zu entscheidendem Equipment. Auch wenn China im Low-End-Bereich konkurrenzfähig bleibt, sehen wir auf absehbare Zeit keine signifikante Bedrohung für westliche KI-Hardwareanbieter. Politische Faktoren wie Zölle oder Sanktionen erfordern natürlich Flexibilität in der Lieferkette, betreffen jedoch Unternehmen unterschiedlich stark.

e-fundresearch.com: Sie fokussieren sich primär auf gelistete Unternehmen. Haben die Private Markets – allen voran der Venture Capital Bereich - dennoch einen Einfluss auf Ihre Arbeit?

Brian Barbetta: Einen enorm wichtigen. Ich arbeite eng mit unserem Private-Investments-Team bei Wellington zusammen. Unser Verständnis von und Erfahrung mit privaten Technologie-Investments erlaubt es uns, frühzeitig disruptive Entwicklungen zu erkennen und Risiken besser einzuschätzen. Aber: Viele dieser Unternehmen bleiben sehr lange privat – nicht alle davon sind aufgrund der starken öffentlichen Märkte attraktive relative Investments. Und trotz der Dynamik im VC-Sektor bleibt der öffentliche Markt hochinteressant. Er ist liquide, oft günstiger bewertet und bietet zahlreiche Gelegenheiten. Viele VC-Fonds haben über längere Zeiträume hinweg – auch vor Abzug der Gebühren – unter dem Nasdaq abgeschnitten.

e-fundresearch.com: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Barbetta!

Das Interview führten Simon Weiler und Monika Rosen-Philipp am 02. Juli 2025 im Wellington Management Headquarter in Boston.

Über Brian Barbetta:

Brian Barbetta ist ein Technologie-Analyst bei Wellington Management in Boston. Er ist Co-Leiter des Technologieteams von Wellington Management mit Schwerpunkt auf disruptiven Entwicklungen in den Bereichen Halbleiter, KI und Software. Außerdem ist er Co-Portfoliomanager für die globale Innovationsstrategie.. Barbetta war zudem maßgeblich am Aufbau der Private-Tech-Investments bei Wellington beteiligt und kombiniert sektorales Know-how mit einem tiefen Verständnis für öffentliche und private Kapitalmärkte.

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