Börsenbarometer | Chapeau, lieber Jerome. Chapeau.

Pünktlich zum Start in das Wochenende kommentiert e-fundresearch.com Gastkolumnist & Kapitalmarktexperte Dr. Josef Obergantschnig wöchentlich das Börsengeschehen aus erfrischend neuen Blickwinkeln. Markets | 01.05.2026 08:30 Uhr
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH / © e-fundresearch.com / Obergantschnig Management GmbH (Foto: Vicky Posch)
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH / © e-fundresearch.com / Obergantschnig Management GmbH (Foto: Vicky Posch)

Als ich heute Morgen meinen Espresso trinke, werde ich sentimental. Jerome Powell hatte diese Woche seinen letzten großen Auftritt. Ein Mann voller Leidenschaft. Ein Mann mit unglaublicher Standhaftigkeit. Und ein Mann, der trotz des Gegenwinds eines wütenden US-Präsidenten im Weißen Haus unbeirrt seinen Weg gegangen ist. Für mich tritt damit zweifelsohne eine Legende ab. Wie zu erwarten war, hat die Fed den Leitzins unverändert gelassen.

Sein Nachfolger steht bereits ante portas. Möglich war das nur, indem die Klage gegen den noch amtierenden Fed-Präsidenten Jerome Powell im Zuge der Renovierung des Notenbankgebäudes fallen gelassen wurde. Kevin Warsh, 56, ehemaliger Fed-Gouverneur, vom Senatsausschuss mit 13 zu 11 Stimmen abgesegnet. Die Parteilinie hat gehalten. Warsh hat schon angedeutet, die Notenbankbilanz zurückfahren zu wollen. Das soll Inflation dämpfen und gleichzeitig Spielraum für Zinssenkungen schaffen. Trump gefällt das. Das Problem liegt aber anderswo. Wenn die Fed massiv Anleihen verkauft, steigen die Renditen, da es auf einmal einen Verkaufsüberhang gibt. Verstärkt wird das noch dadurch, wenn die Fed sich darüber hinaus auch beim Kauf neuer Emissionen von US-Staatsanleihen zurückhält. Steigende Renditen machen wiederum die Staatsfinanzierung teurer. Und genau das dürfte Donald Trump nicht schmecken. Auch wenn der liebe Jerome jetzt den Sessel räumt, stellt sich mir die Frage, ob sich da schon der nächste Konflikt anbahnt.

Im Senatsausschuss hat man Warsh übrigens direkt gefragt, ob er die Marionette des Präsidenten sein werde. Er ist der Antwort ausgewichen. Für jemanden, der künftig die wichtigste Zentralbank der Welt führen soll, ist das kein sonderlich überzeugender Einstieg.

Wie haben die Kapitalmärkte in der Vergangenheit auf einen Wechsel an der Fed-Spitze reagiert? Seit 1987 haben insgesamt vier Personen dieses Amt innegehabt. Alan Greenspan von 1987 bis 2006, fast 19 Jahre. Ben Bernanke von 2006 bis 2014. Janet Yellen von 2014 bis 2018. Und Jerome Powell von 2018 bis heute. In den sechs Monaten nach einem solchen Wechsel hat der S&P 500 im Durchschnitt 1,3 % verloren, der maximale Drawdown lag im Schnitt bei minus 17,1 %. Anleihen schlugen sich deutlich besser: plus 2,2 % im Schnitt, maximaler Verlust unter 2 %. Der bekannteste Ausreißer war natürlich Greenspan selbst. Er trat an, und kurz darauf folgte der Black Monday. Minus 23 % an einem einzigen Tag. Für Janet Yellen und Jerome Powell verlief es im Gegensatz dazu deutlich freundlicher. Aber bei all diesen Zahlen möchte ich auch festhalten: Die Zukunft muss erst noch geschrieben werden.

Aber wie entstehen Blasen eigentlich? Und was haben sie alle gemeinsam? Um das zu beantworten, möchte ich Sie auf eine kleine Reise mitnehmen. Blenden wir kurz nach Holland. Und zwar ins Jahr 1637. Damals kostete eine einzige Tulpenzwiebel so viel wie eine Villa in Amsterdam. Händler, Adelige, Handwerker, Bürger und Kaufleute, alle wollten dabei sein und quasi über Nacht reich werden. Dabei begann die Geschichte völlig rational. Tulpen waren selten, begehrt, ein Statussymbol für all jene, die es sich leisten konnten.

Eine gute Story, die nach und nach immer mehr Käufer anzog. Und eine Dynamik auslöste, die den Preis für eine Tulpenzwiebel in lichte Höhen steigen ließ. Das ging lange gut. Je weiter die Preise stiegen, desto mehr Menschen wollten dabei sein. Aber irgendwann stellte sich jemand die Frage: Was ist das hier eigentlich wert? Eine Tulpenzwiebel bleibt eine Tulpenzwiebel. Ökonomen nennen dieses Phänomen heute die Greater Fool Theory. Man kauft nicht, weil etwas einen fairen Wert hat. Man kauft, weil man darauf vertraut, dass irgendjemand später noch mehr dafür zahlt. Das ist keine Investmentstrategie. Das ist reine Spekulation. Und der Letzte zahlt die Rechnung, wenn das Licht ausgeht.

Was mich dabei seit Jahrzehnten beschäftigt: Jede Blase der Geschichte begann mit einer echten, überzeugenden Story. Die Eisenbahnen in den 1840er Jahren. Die Automobil- und Radioindustrie in den 1920ern. Der Dotcom-Boom im Jahr 2000. Die Immobilien 2008. Das Objekt wechselt zwar, aber die Gier nach dem schnellen Gewinn treibt die Kurse. In diesen Phasen hört man oft den gefährlichsten Satz der gesamten Börsengeschichte: Diesmal ist alles anders. Bis irgendwann die Blase platzt und wir mit einem Kater die Realität wiederfinden.

Bleibt die Frage, ob Halbleiteraktien die Tulpenzwiebeln unserer Zeit sind. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Die Gewinne sind real, die Technologie ist real, und KI wird die Welt verändern. Das ist schon einmal ein großer Unterschied im Vergleich zur Blase im Jahr 2000. Damals träumten Investor:innen nur von Gewinnen, heute sind sie real. Aber wenn eine einzelne Branche doppelt so viel Gewicht im S&P 500 trägt wie der gesamte Technologiesektor auf dem Höhepunkt des Dotcom-Wahnsinns, dann ist diese Frage vermutlich nicht ganz an den Haaren herbeigezogen. Für mich heißt es einmal abwarten und Espresso trinken.

Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH & e-fundresearch.com Gastkolumnist

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Josef Obergantschnig ist Unternehmer und Gründer von „Börse kannst auch du“. Über zehn Jahre war er Chief Investment Officer mit Investmentverantwortung im Milliardenbereich und entwickelte Strategien für Banken, Versicherungen und Pensionskassen; außerdem Chief Impact Officer bei NIXDORF Kapital (Deutschland). Obergantschnig lehrt seit mehr als 15 Jahren an Universitäten und Fachhochschulen und hat als Buch- und Studienautor über 500 Fachartikel, Kolumnen und Videos veröffentlicht.

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