Diese Woche geht es für meine Familie und mich nach Bella Italia. Eine kleine Besonderheit am Rande: Wir bekommen einen Teil der Mautgebühren rückerstattet, wenn wir durch einen Stau mehr als zehn Minuten verlieren sollten. Unabhängig davon, ob wir eine Erstattung bekommen oder auch nicht, wird mich mein erster Weg in ein Café meines Vertrauens führen. Ein Espresso in einem entspannten Umfeld in Italien ist für mich Lebensqualität pur.
Für die Tage habe ich ein Buch über George Soros mit, der 1992 an einem einzigen Tag eine Milliarde verdiente, als er es mit der Bank of England aufnahm und gegen das Pfund setzte. Für mich zählt Soros zu den prägendsten Figuren der Finanzgeschichte und ist Vater der Reflexivitätstheorie. Der Kerngedanke lautet: Marktteilnehmer handeln nicht auf Basis von Fakten, sondern auf Basis von Wahrnehmungen, und diese Wahrnehmungen verändern die Realität, die sie beschreiben.
Genau diese Frage stellt sich für mich, wenn ich mir die eine oder andere Bewertung am Markt anschaue. Ich denke da vor allem an die anstehenden Börsengänge. Elon Musks SpaceX hat seinen Börsenprospekt bereits vorgelegt und könnte schon in den nächsten Tagen an die Börse gehen. Am Montag hat auch Anthropic, das Unternehmen hinter der KI Claude, seine IPO-Unterlagen vertraulich bei der US-Börsenaufsicht eingereicht. Bemerkenswert ist dabei die Bewertungsentwicklung. Im Februar war Anthropic noch mit 380 Milliarden Dollar bewertet, vergangene Woche bei einer Finanzierungsrunde über 65 Milliarden Dollar bereits mit knapp einer Billion, also einer Verdoppelung in nur vier Monaten. Damit könnte Anthropic den Dauerrivalen OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, überholen, das ebenfalls den Börsengang plant. Ich werde die nächsten Wochen und Monate genau beobachten, was hier auf uns zukommt. Und Reflexivität bleibt nicht auf einzelne IPOs beschränkt. Sie wirkt auch in jenem Index, den die meisten Sparer als ihren sicheren Hafen sehen, dem MSCI World.
30 Minuten mit Pictet AM | Greater China im Fokus: Innovationschancen auf der Long- und Short-Seite
„Pictet TR-Mandarin: Innovationen in Greater China mit einem Long/Short-Ansatz nutzen“ | Einladung zum Online-Event mit Nataliya Taleva, Senior Client Portfolio Managerin im Hedgefonds-Team von Pictet...Einer der beliebtesten Indizes für ETF-Liebhaber ist der MSCI World. Dieser Index wird zwei Mal jährlich einer großen Analyse unterzogen und neu zusammengestellt. Ende Mai war es wieder soweit. Aktuell sind „nur" mehr 1.256 Titel im Portfolio. 48 Unternehmen mussten den Index verlassen, 18 neue sind dazugekommen. Und eines vorneweg: Die Gewichtungskonzentration hat zugenommen. Nach der Umstellung besteht der Index zu 74 % aus US-Titeln. Die USA ist zwar die größte Volkswirtschaft der Welt, aber der Anteil ist hoch und durch das Rebalancing noch weiter angestiegen. Demgegenüber steht das Argument, dass wir in Zeiten der Globalisierung leben und global agierende Unternehmen einen großen Teil ihrer Umsätze im Ausland erwirtschaften. Auch innerhalb des Index gibt es bei den Gewichtungen große Divergenzen. Allein die zehn größten Positionen machen rund ein Viertel des gesamten MSCI World aus. Wenig überraschend sind es die klingenden Namen. Am stärksten gewichtet ist Nvidia mit 5,44 %. Dahinter folgen Apple mit 5,11 %, Alphabet mit 4,40 %, Microsoft mit 3,50 % und Amazon mit 2,90 %.
Hinter den USA mit 74 % folgt Japan mit 5,7 %. Deutschland und Frankreich kommen jeweils auf rund 2 %. Damit sind alle deutschen Unternehmen in Summe weniger wert als einer der großen Tech-Giganten. Das Bild lässt sich auch nach Branchen weiterzeichnen. Der größte Anteil entfällt auf Halbleiter mit 14,6 %, gefolgt von Tech-Hardware mit 8 % und Software mit 7 %. Und genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Während Software-Unternehmen 2026 deutlich an Boden verloren, gingen Halbleiter-Unternehmen durch die Decke. Eines ist aber klar: Der Tech-Bereich ist dominant und vereinnahmt rund ein Drittel des MSCI World.
Jeder Käufer hat damit ein sehr hohes Gewicht an US-Unternehmen, die ihr Geld im Tech-Bereich verdienen. Und genau das ist seit 2010 richtig gut gelaufen. Der eine oder andere Investor versucht inzwischen bewusst Gegenakzente zu setzen und neben dem MSCI World auch andere Regionen wie Europa oder Schwellenländer verstärkt zu gewichten. Ob diese Abweichung vom beliebten „Weltindex" am Ende des Tages wirklich Früchte tragen wird, wird uns die Zukunft weisen. Ein historischer Hinweis lohnt sich dabei: Ende der 1980er Jahre war Japan im MSCI World mit rund 40 % gewichtet, mehr als die USA damals. Niemand hätte sich vorstellen können, dass dieser Anteil je wieder auf die heutigen 5,7 % fallen würde. Reflexivität funktioniert in beide Richtungen, auch nach unten. Soros hat das 1992 gegen ein britisches Pfund vorgeführt. Ich werde vermutlich daran denken, wenn ich morgen in Italien meinen ersten Espresso trinke. Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, wünsche ich eine entspannte Restwoche.
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH & e-fundresearch.com Gastkolumnist
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Josef Obergantschnig ist Unternehmer und Gründer von „Börse kannst auch du“. Über zehn Jahre war er Chief Investment Officer mit Investmentverantwortung im Milliardenbereich und entwickelte Strategien für Banken, Versicherungen und Pensionskassen; außerdem Chief Impact Officer bei NIXDORF Kapital (Deutschland). Obergantschnig lehrt seit mehr als 15 Jahren an Universitäten und Fachhochschulen und hat als Buch- und Studienautor über 500 Fachartikel, Kolumnen und Videos veröffentlicht.
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